Ulrike Kristin Schmidt

Mit der Kunst ins Glück

Wer will, wer will, wer hat noch nicht? Lassen Sie das Glücksrad kreisen! Erfinden Sie Ihre eigene Propagandazeile! Oder gleich ein neues Weltbild! Begründen Sie eine Religion! Alles ist möglich, nur friedlich muss es sein und tolerant, hierarchiefrei und offen. Dann fügt es sich perfekt in Pablo Walsers Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen. Der Künstler (*1989) hat 2019 den Thurgauer Adolf Dietrich-Förderpreis erhalten und präsentiert anlässlich dieser Auszeichnung eine Denkwerkstatt voller Philosophien, Utopien und Ideale. Ihre Form ist ebenso heterogen wie ihr Inhalt: Fortschrittliche Ideen aus dem 19. Jahrhundert treffen auf tagesaktuelle Theorien, eine grandiose Zettelwirtschaft auf grosse Schautafeln, vollautomatisches Kinderspielzeug auf Mitmachaktionen, Malerei auf Biomasse. Hier geht es drunter und drüber und doch fügt sich alles aufs Beste zusammen, denn Pablo Walser wertet das Material nicht. Eine übermalte Zeitungsseite ist ihm genauso wichtig wie der ganze Schreibtisch, ein Skizzenfragment steht selbstverständlich neben einem mehrseitigen, detailreichen Comic. Diese Gleichbehandlung drückt beiläufig und doch sehr deutlich seinen Anspruch aus: Hinfort mit Grenzen und Rangordnungen! Mit Witz und Verve für eine bessere Welt!

Nächtliche Zustände

In der Nacht sind längst nicht alle Katzen grau. Einen kleinen Ausschnitt nächtlicher Vielfalt zeigt jetzt das Fotomuseum Winterthur.

Nachtleben ist das andere Leben für die Einen und das alltägliche Leben für die Anderen. In der Nacht sind Profis unterwegs und Laien, Anbieterinnen und Konsumentinnen, Grossverdiener und Ausgebeutete, Getarnte und Uniformierte. Das Nachtleben wird gesucht und gefürchtet. Die Einen drängt es hin, die Anderen entkommen ihm nicht, die Dritten betrachten es am liebsten aus der Distanz. Wie ist diese Bandbreite in einer Ausstellung zu bewältigen? Ein typologischer Ansatz könnte sich bevorzugten Orten widmen: von Clubs über Grünzonen bis zu Parkplätzen. Auch eine Untersuchung politischer und gesellschaftlicher Ausgangslagen böte reichlich Stoff und die einzelnen Szenen sowieso. Angesichts der kaum zu überblickenden Heterogenität des Themas und der vielen möglichen Herangehensweisen wählt das Fotomuseum eine schlüssige Präsentationsvariante. Gezeigt werden fünf künstlerische Positionen in fünf Räumen. Damit erhebt «Because the night» keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern lenkt die Aufmerksamkeit auf die künstlerischen Zugänge. Jeder einzelne davon erhält sein eigenes Gewicht und kann in sich geschlossen betrachtet werden. Überschneidungen und Unterschiede treten dennoch rasch zutage: Wenig überraschend ist die Grenze zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie längst aufgeweicht oder sogar gänzlich verschwunden. Wichtiger ist die persönliche Nähe zum Sujet: Wer sich dem Nachtleben nähert, wird es als Aussenstehende oder Aussenstehender schwerer haben, ein schlüssiges Bild zu erhalten.

Wie sehr sich jedoch die Person hinter der Kamera den Menschen vor der Kamera nähert, wie eng sie selbst mit dem porträtierten Nachtleben verschmilzt, ist durchaus unterschiedlich und kann sich während eines länger dauernden Fotoprojektes auch ändern. So lernte die Belgierin Bieke Depoorter (*1986) ihre Protagonistin vor zwei Jahren in einer Stripteasebar kennen und fotografiert sie bis heute. Depoorter hat die Position der unbeteiligten Beobachterin längst verlassen. Das Anschauen ist ein gegenseitiger Akt geworden und die Anziehungskraft wirkt in beide Richtungen. Vom informell stattfindenden Dialog zwischen beiden Frauen erzählen auch die persönlichen, auf die Wand des Fotomuseums geschriebenen Notizen der Fotografierten.

Noch enger involviert in das von ihm selbst gezeigte Nachtleben ist Thembinkosi Hlatshwayo. Der Südafrikaner ist in einem sogenannten Shebeen, einer illegalen Kneipe in Johannesburg aufgewachsen. Nacht für Nacht hat er erlebt, wie hoher Alkoholkonsum und unsichere soziale Bedingungen in Brutalität und Verwahrlosung münden. Seine Bilder zeigen weder Taten noch Handelnde, sondern die Flecken, Lachen, Brandspuren, Schnitte, die zerbrochenen Flaschen und Subjekte. Die Fotos selbst sind verletzt, tragen Spuren von Händen, Werkzeugen, Klebstoff und liefern einen subtilen, aber nichtsdestotrotz drastischen Eindruck der Atmosphäre des Ausgeliefertseins und der Not.

Auch Georg Gatsas hat in Südafrika fotografiert, das Fotomuseum stellt jedoch seinen Londoner Werkzyklus «Signal the Future», 2008 aus. Dieser steht prototypisch für den Zugang des Ostschweizers zum Nachtleben. Seit Jahren taucht er in subkulturelle Musikszenen ein und porträtiert einerseits die dort Aktiven und hält andererseits die Stimmung in den Clubs wie auch in den Strassen davor fest. Er erweist sich als aufmerksamer Beobachter von Charakteren ebenso wie als Chronist urbaner Veränderungen. Seine analogen Fotografien sind in der Ausstellung gekonnt inszeniert, Gatsas wechselt zwischen Farbe und Schwarzweiss, mittleren und riesigen Formaten und Präsentationen gerahmt oder auf silberfarbenen Wände tapeziert.

Mit Video von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca und den Fotografien von Tobias Zielony wird der Bogen geografisch und inhaltlich noch weiter gespannt. Die einen inszenieren die brasilianische Popmusikbewegung Brega und der andere fotografiert die Queer- und Techno-Szene in Kiew. Ein Motiv aus dieser Serie ist wurde für das Plakat ausgewählt. Gemeinsam mit dem Titel von Patti Smiths Song «Because the night» lässt der maskierte Brillenträger viel mehr offen, als er verrät – Suggestion ist eben eines der zentralen Motive des Nachtlebens.

Nachdenken über das fotografierte Bild

Sebastian Stadler (*1988) hat den Manor Kunstpreis St.Gallen 2019 erhalten. Der Künstler stellt sich Grundsatzfragen: Wann ist ein Bild ein Bild? Wie gehen wir heute mit Bildern um? Was kommt nach dem Bild? Das ist inhaltlich anspruchsvoll und im Falle Stadlers visuell ausgesprochen attraktiv. Das Kunstmuseum St.Gallen zeigt eine repräsentative Auswahl seiner Fotografien und Videos im Untergeschoss. Stadler reagiert gekonnt auf die dortige postmoderne Architektur. Er spannt mit «Pictures, I think» ein auf vielerlei Weise funktionierendes Wegenetz zwischen den Nischen, Räumen und Gängen auf.

Passiert etwas? Passiert nichts? Muss überhaupt etwas passieren? Sebastian Stadler ist bereit. Der schwarze Hund auch. Er sitzt vor der Kamera, guckt und wartet. Der Künstler guckt und wartet ebenfalls – hinter der Kamera. Nichts passiert. Macht nichts; Videos brauchen keine Aktion, wenn das gefilmte Bild erzählt.

Sebastian Stadler schaut mit dem Auge des Fotografen. Jede Szene seiner Videos ist ein in sich funktionierendes Bild, obgleich es nicht inszeniert, sondern eine filmische Momentaufnahme ist. Exemplarisch zeigt sich dies in «Lumi / ei lunta», 2011: Baumstämme in einer Waldkerbe, ein kleines Fenster in blauer Wand, ein schwarzer Hund vor treibenden Eisschollen, die Innenansicht eines Zimmers – alle Sequenzen bleiben offen: es gibt keinen Erzählstrang, keinen Anfang, kein Ende, stattdessen gibt es Beobachtungen von Farben, Räumen, Stimmungen und Situationen. Aufgenommen sind sie mit dem Blick und der gelassenen Nähe des Eingeweihten: «Lumi / ei lunta» ist in Finnland entstanden, der Heimat der Mutter des Künstlers. Stadler weiss also, wie das Leben anfühlt in 150 Kilometern Entfernung von der nächsten Stadt, wie ereignislos es sein kann, vor allem in der Isolation des langen Winters.

Das Verschwinden der Bilder

Wie beherrschend die Natur ist, spiegelt sich auch in «We see the whole picture», 2017/2019. Die Arbeit basiert auf Überwachungsbildern der finnischen Transportbehörde. Mit automatischen Kameraaufnahmen dokumentiert die Behörde den aktuellen Zustand einsamer, oft schneebedeckter Strassen, über die nur selten ein Auto fährt. Die Bilder werden ins Internet gespeist und nach einigen Minuten durch neue ersetzt. Stadler hat eine stattliche Anzahl dieser Bilder aus dem Netz heruntergeladen und sie so vor dem Löschen bewahrt: «Man wird süchtig danach, die Bilder sind Fenster in andere Orte und in eine andere Realität.» Zugleich zeugt die Arbeit vom Dilemma fotografischer Archive: Stadler hat eine halbe Million dieser Überwachungsbilder gespeichert. Ein Bruchteil davon ist auf sieben postkartengrossen Monitoren zu sehen. Damit wirkt der Künstler dem Verschwinden der Bilder entgegen und doch ist es hoffnungslos: Die Bilder verschwinden auch dann, wenn sie nicht gelöscht werden, sie gehen unter in der schwerlich zu bewältigenden Menge – ein Phänomen, das nicht nur Stadlers Archiv betrifft, sondern allgemeingültig ist.

Die Autonomie der Fotografie

Zudem ortet der Künstler ein weiteres Problem in der gegenwärtigen fotografischen Praxis: «Es geht immer mehr ums Bildermachen. Der Akt des Fotografierens ist wichtig, weniger das Anschauen.» Schnell ist die Kamera zur Hand, schnell der Auslöser betätigt, schnell das Resultat angesehen, vielleicht verschickt und meist wieder vergessen. Die Fotografien materialisieren sich nicht einmal in einer eigenen Form, sie bleiben Bilder innerhalb eines Gerätes. Ganz anders in der analogen Fotografie, die auch deshalb Laien und Profis noch immer fasziniert. Stadler beispielsweise arbeitet mit analogen Doppelbelichtungen in seiner Serie «L´apparition», 2015–2019. Die Aufnahme eines Bildschirmes liegt in zufälliger Weise über dem Ursprungsbild: «Es gibt Farbverschiebungen, die ich nicht steuern kann. Kollisionen passieren und ich sehe sie erst am Schluss der Aufnahmen.» Der Künstler gibt der Fotografie ihre Autonomie zurück. Dies erinnert nicht zufällig an den Moment in vor-digitaler Zeit, als die Zeitspanne zwischen dem Druck auf den Auslöser und dem entwickelten Bild sehr lange war und das endlich vorliegende Motiv Überraschungsmomente barg, nicht zuletzt aufgrund menschlicher und technischer Fehler.

Der Ausstellungsraum als Sparringpartner

Stadler setzt auf diese Qualitäten: «Ich kann etwas zeigen und nichts zeigen – ein Bild, das sich entschlüsseln lässt, und eines, das offen bleibt.» Motive verschwinden, werden betont und wieder verunklärt. Zusätzlich sorgen Plexiglaskästen für Irritationen. Manchmal tauchen sie dort auf, wo Unsicherheiten kaschiert werden sollen, aber solche sind bei Stadler nicht auszumachen. Sicher und gekonnt platziert er seine Arbeiten im Untergeschoss des Kunstmuseums. Er versucht nicht, gegen den postmodernen Raum zu arbeiten, sondern greift die markanten, architektonischen Elemente auf und integriert sie in seine Arbeit, so wie in den Plexiglaskästen: Sie spiegeln den Raum und nehmen ihn als dritte Ebene ins Bild. Zugleich bilden sie Parallelen zu anderen Werken, denn die verschachtelten Räume erlauben nur wenig Blickachsen. So lassen sich die Glaskästen als subtiler Verweis auf die Schaufenster in «Vos Travaux», 2016 lesen, einer Arbeit, die ebenfalls von der physischen Präsenz des analogen Bildes erzählt: Stadler filmte während seines Visarte-Stipendiums ein grosses Fotofachgeschäft in Paris, in dem entwickelte Bilder abgeholt werden können. Der Künstler schaut das Anschauen an: «Wie nehmen die Menschen die Bilder in die Hand? Wie schauen sie die Bilder an? Einer beispielsweise zerreisst sofort die Hälfte der abgeholten Bilder.»

Kein Bild ohne zu denken

Stadler greift auch hier zur Videokamera, dies nicht nur im Kontrast zum abgebildeten Medium, sondern auch aus Ehrfurcht: «In Paris – mit seiner grossen Fotografiegeschichte – da konnte ich nicht fotografieren.» Aber für den Künstler stellt sich auch grundsätzlich die Frage: «Kann man überhaupt noch fotografieren? Jedes Bild ist bereits gemacht worden. Was ist meine Rolle?» Für Sebastian Stadler geht es weniger darum, der Welt weitere Motive hinzuzufügen, als unterschiedliche Aspekte des Fotografierens zusammenzuführen. Er untersucht den schmalen Grat zwischen bewegtem und unbewegtem Bild, den Akt des Bilderakquirierens und die darauffolgende Schwierigkeit des Umgangs mit diesen Bildern, die Veränderung des Sehens durch die zeitliche Dehnung im Film und die Auflösung des klassischen Formats bedingt durch Displays. Abgeschlossen sind diese Untersuchungen nicht und sie umfassen auch völlig neue Interpretationen des Bildes: «A Picture, I think» funktioniert ohne Bilder und bildet einen Schlüsselmoment in der Schau, der das Werk den Titel leiht. Der Künstler schickt Fotografien via Smartphone an ein Bilderkennungsprogramm und ein Algorithmus generiert daraus Bildbeschreibungen. Das liest sich dann so: «A close up of a person, I think» oder «A person driving a car, I think». Falls das Computerprogramm das Sujet nicht erkennt, steht auf dem Monitor «Pictures, I think». Das Werk stellt den Bildbegriff ebenso in Frage wie die sogenannte künstliche Intelligenz. Es verweist explizit auf Bilder, bleibt aber Text. Es löst Bilder aus, bildet aber den Einstieg in eine Ausstellung, in der Videos dominieren. Und es entlarvt die Bilderkennungssoftware, indem es dem Programm ein durch und durch menschliches «I think» unterschiebt: Bei aller Digitalisierung und Automatisierung – für das Nachdenken über Bilder, ihre Entstehung, Deutung und Verwendung, bleiben wir selbst verantwortlich.

Eins aus Drei

Was haben Medardo Rosso, Lucio Fontana und Gotthard Graupner gemeinsam? Oder Wilhelm Lehmbruck und Otto Piene? Die Antwort ist in der Hilti Art Foundation überraschend einfach. Diese Künstler wecken die Lust an der Oberflächenbetrachtung: stumpfweiches Polster hier, wächserne Wangen dort, samtglatter Steinguss da, rhythmisch gesetzte Nagelstruktur dort. Ein radikaler Schnitt kontrastiert mit einem stoffbespannten Kissen, eine multiplizierte Falte mit einer Kinderwange. Alles wogt, flimmert und glänzt so sehr, dass Farbe nicht vonnöten ist: Die Werkauswahl im Untergeschoss des Museumsbaus verzichtet auf starke Töne. Sie vereint Abstufungen von Weiss bis dunklem Ocker und setzt mit Schwarz Akzente. Dieser stark formal motivierten Zusammenstellung unter dem Titel «Epidermis» folgt im nächsten Stockwerk ein inhaltlicher Zugang. Hier steht die «Conditio Humana» im Mittelpunkt. Allerdings umfasst die Werkauswahl hier überwiegend Porträtdarstellungen und zeigt damit vor allem das Bild, das sich der Mensch vom Menschen macht. Die Bedingungen des Menschseins spiegeln sich hingegen in Max Beckmanns «Der Traum des Soldaten», seines Bildnisses einer Zigarette rauchenden Frau oder Georges Seurats «Le tas de pierres». Letztgenanntes Werk gehört mit den Plastiken Medardo Rossis zu den ältesten Werken der Ausstellung und in diesem Saal. Ansonsten liegt der Schwerpunkt hier auf der klassischen Moderne. Im dritten Obergeschoss wird die Auswahl wieder vielseitiger und spannungsvoll. Da treffen Hodler auf Struth, Albers auf Klapheck oder Richter auf Vordemberge-Gildewart. Das Motto dieser Begegnungen ist «Kosmos» und damit ein weit gefasster Begriff. Nichts geringeres als die natürliche und abstrakte Ordnung der Welt wird hier zu fassen versucht. Das geschieht auf eine subjektive und dennoch gültige Art und Weise. Aber ist die Ausstellung nun wirklich eine in drei Kapiteln? Eher handelt es sich um drei unabhängige Präsentationen, die den Schwerpunkt mal auf formale Aspekte, mal auf inhaltliche setzten und einen jeweils unterschiedlichen Charakter entfalten. Alle drei zeugen sie von der aktiven Arbeit mit der Sammlung. Und ein Blick auf die Ankaufsdaten verrät: Die Werke wurden zwischen 2001 und 2019 erworben. Allerdings ist mit Dadamaino nur eine Frau mit einer einzigen Arbeit vertreten. Spiegelt das den Anteil der Künstlerinnen in der Sammlung? Weit entfernt von Quotenforderungen, stellt sich hier die Frage: Sind Künstlerinnen tatsächlich so wenig interessant für die Hilti Art Foundation?

Das Doppelte im Dialog

Wohin das Auge schweift – die Welt ist vielgestaltig. Kein Gipfel gleicht dem anderen, jeder Baum trägt die Früchte auf seine Weise; und je mehr die Natur sich selbst überlassen ist, desto mannigfaltiger ist sie. In der gebauten Welt hingegen sind Reihungen häufig: einförmig durchfensterte Fassaden, identische Fahrzeugkarossen, variantenfreie industrielle Fertigung. Hier wie dort fällt das Doppel auf. Es fesselt den Blick, denn es ist mehr als eines und weniger als beliebig viele.

Zweimal das Gleiche ist ein Paar: ein neues Ganzes bestehend aus zwei Hälften. Diese müssen nicht einmal identisch sein und haben doch sofort ein Gegenüber. Ein Dialog entsteht.

Beatrice Dörig schärft den Blick für solche Beziehungen, für Wiederholungen, für Ergänzungen, für Dualität. Sie hält das Unspektakuläre fest, das Beiläufige, das Zufällige, nur zu zweit muss es sein. Alles beginnt auf einer formalen Ebene und entwickelt sich zu einer Erzählung über Raum und Zwischenraum, über Gegenseitigkeit und Entsprechung und schliesslich über die Zeit: Wo zuvor Eines war, sind jetzt zwei und wird dereinst vielleicht wieder ein Einzelnes sein. Aber nur dort, wo beide sind, entsteht auch ein Raum dazwischen. Einen Raum, den Beatrice Dörigs Fotografien öffnen für unerwartete Entdeckungen und poetische Momente selbst auf dem Recyclinghof.

Text für den Solenthalter Kalender 2020

Zu den Bildern

«Departure early in the morning/At the break of dawn navigating east/They were eager and curious/About what‘s to come» («Roadtrip» von Gabriela Krapf)

Wenn die Reiselust erwacht, gibt es kein Halten mehr. Aufbrechen, das Altbekannte hinter sich lassen, das Neue erwarten. Gabriela Krapf besingt den Drang, sich auf den Weg zu machen. Sie schickt die Protagonisten ihres Songs «Roadtrip» auf eine Reise ins Unbestimmte. Ziellos, spielerisch lassen sie sich treiben. Irgendwann werden sie ankommen – bei sich selbst. Bei so einer Reise sind die konkreten Orte und Landschaften nebensächlich. Sie gleiten vorbei und sind kaum mehr als Kulisse. Umso konkreter werden sie im Video zum Lied. Gabriela Krapf hat den «Roadtrip» nicht nur besungen, sie hat sich tatsächlich auf den Weg gemacht. In der Stadt, auf dem Land, auf Asphalt, im Wald, im Nebel, im Schnee – die Jazzsängerin singt ihr Lied genau dort, wo sie geht und steht. Mit Mikrofon und Box singt sie gegen den Wind an und in die Weite hinaus. Sie singt am Thürlersee, im Zürcher Unterland, am Walensee, unter Hochspannungsmasten nahe Chur, in Lichtensteig, auf einem Parkplatz oder mitten auf einer Weide im Irgendwo. Gesichtslose Strassenränder werden ebenso zur Bühne wie idyllische Naturszenen, ein Sportplatz ebenso wie ein Rebberg.

Die Orte wechseln, die Präsenz der Künstlerin bleibt. Basil Stücheli hat diese Präsenz in starke schwarzweisse Sequenzen übersetzt. Der Zürcher Fotograf hat Gabriela Krapf mit der Kamera begleitet. Er hat jeder Videoszene ein stimmiges Bild verliehen, jedes steht für sich und ist doch Teil einer sängerischen und filmischen Reise, die ihren Höhepunkt auf dem Säntis findet. Hier, in Schnee, Wind und Eis, wird das Bild dominiert von der Landschaft, doch im Video gehören Sound und Song die Hauptrollen.

Obacht Kultur, No. 35 | 2019/3

Singen über Grenzen hinweg

Musik verbindet. Musik lässt Grenzen, kulturelle und gesellschaftliche Barrieren hinter sich. Binsenweisheiten? Vielleicht; aber Musik erreicht all das nur, wenn ihr verbindender Charakter gelebt wird, so wie bei Joana Obieta. Die junge Sängerin ist im Tango ebenso zuhause wie in der Weltmusik, liebt Jazz und Funk ebenso wie kubanische Rhythmen. Zuerst allerdings war sie umgeben von Klassik, denn Joana Obieta wuchs in einer Familie auf, in der Grosseltern und Eltern klassische Musik auf höchstem professionellen Niveau betreiben. So war Instrumentalunterricht für Joana Obieta beinahe selbstverständlich: Sie spielte acht Jahre lang Blockflöte, parallel dazu zwei Jahre lang Kontrabass und begann mit 13 mit dem Saxophon. Zuvor war, als sie zehnjährig die erste Staffel von «Deutschland sucht den Super Star» gesehen hatte, die Stimme dazugekommen: «Wir haben das en famille geschaut und begeistert begann ich mit Gesangsstunden.» Aber Joana Obieta erlebte Gesang nicht nur vor dem Fernseher: «Dank meines Vaters, damals Solokontrabassist im Sinfonieorchester St.Gallen, bin ich praktisch im Theater aufgewachsen. Nach der Aufführung von `Fame´ wollte ich Musicalsängerin werden. Tanz, Gesang und Schauspiel kombinieren zu können, schien mir damals unschlagbar.» Das Musical vermochte Joana Obieta aber nicht dauerhaft zu fesseln. Einerseits hatte sie bereits in der Schulzeit eine eigene Band gegründet, andererseits hatte sie nach der Matura begonnen, regelmässig nach Lateinamerika und vor allem nach Kuba zu reisen, und war fasziniert von den vielfältigen Rhythmen.

Zwar entschied sich Joana Obieta zunächst für ein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Zürich, «aber die Musik zum Beruf zu machen, hat mich nicht losgelassen.» Zum Glück, denn ihr gelang, wovon viele träumen: Joana Obieta wurde am renommierten Berklee College of Music in Boston aufgenommen. Vier Jahre lang hat sie nicht nur Musik auf höchstem Niveau studiert, sondern auch ein ausgezeichnetes Netzwerk aufgebaut und einen Businessabschluss erworben, der sich als gute Basis für ihre Projekte erweist: «Viele sind ausschliesslich fokussiert auf ihre Musik. Ich warte aber nicht gern auf Gelegenheiten, sondern schaffe lieber selber welche. Ich organisiere Konzerte, Festivals und Auftrittsmöglichkeiten. Auch wenn es eine finanzielle Herausforderung ist, schätze ich momentan das Leben ohne Festanstellung. Es gibt mir die Freiheit, meine Projekte weiterzuentwickeln.» Dazu gehört auch ihre eigene Startupidee, mit der sie bereits im Silicon Valley eingeladen war: Musik wird eingesetzt, um die interkulturelle Kommunikation und die gegenseitige Empathie zu fördern. In ihrer international zusammengesetzten Band DEJÀN funktioniert dies seit langem: «Die Kreativität und der Input aller Bandmitglieder macht die Musik für mich zu einem Ganzen. Ich entwickle nicht gerne alleine ganze Arrangements im dunklen Kämmerchen.» Und dank der organisatorischen Ader der jungen Sängerin ist DEJÀN nicht nur in den USA zu hören: «Zwar braucht es einen Rieseneffort, um über die Distanz etwas zu organisieren, aber mir sind die Verbindungen wichtig.» Und so werden DEJÀN und Joana Obieta auch immer wieder in der Ostschweiz zu hören sein.

Joana Obieta (*1992) studierte Kommunikationswissenschaften an der Universität Zürich und Gesang, Business und Performance am Berklee College of Music. Joana Obieta lebt in New York City.

Obacht Kultur, No. 35 | 2019/3

In der Kirche Singen

Das Kirchengesangbuch, immer wieder neu und in hoher Zahl aufgelegt, mit vielen hundert Seiten und Liednummern, zeigt es an: Kirche und Singen gehören zusammen, seit langem schon und nach wie vor. Aber nicht für jeden einfach so. Pfarrer Andreas Ennulat denkt viel über gottesdiensttaugliche Lieder nach und wählt keines, bloss weil es im Gesangbuch einer Feier oder einer liturgischen Zeit im Kirchenjahr zugeordnet ist. Der Gründe dafür sind zweierlei: Sowohl inhaltliche Fragen wollen bedacht sein, aber auch die Singpraxis der Gemeinde. Für Ennulat ist «nicht jedes Lied inhaltlich stimmig, nicht jedes steht mehr im richtigen Kontext oder hat die richtige Aussage». Direkte Forderungen an einen personalisierten Gott etwa entsprechen zeitgenössischen Glaubenseinstellungen nicht mehr: «Viele der Kerninhalte stimmen noch, aber was im 16., 17. oder 18. Jahrhundert sinnreich war, müsste heute anders formuliert werden». Zu den noch immer gut passenden Liedern gehören für Ennulat die Nummern 530 und 537 aus dem Gesangbuch: «Himmel, Erde, Luft und Meer» und «Geh aus mein Herz und suche Freud» machen Naturmystik allgemein verständlich, der Bezug zum personalisierten Gott ist zwar da, aber nicht um zu fordern, sondern die Schöpfung zu loben.

Das Gesangbuch wartet freilich auch mit neuem Liedgut auf, doch dieses kennen die traditionellen Gottesdienstbesucherinnen und -besucher kaum; und um es einfach zu singen, fehlt die Praxis: «Um mit der Kirchgemeinde neue Lieder einzuüben, wären Gesangstalente nötig». Zu denen zählt sich Ennulat nicht, ausserdem ist die Zahl der potentiell Mitsingenden inzwischen sehr klein: «Erst ab 25 Personen würden wieder andere Dinge möglich.» Pfarrer Ennulat sucht deshalb neue Wege, um die Gottesdienste zu gestalten: «So gab es zum Bettag einen halbstündigen Kurzgottesdienst mit Orgelbegleitung und einer Slam Poetin.» Mit musikalischen Soli oder der Orgel verleiht Ennulat nicht nur speziellen Gottesdiensten eine Struktur: «Jeder Gottesdienst ist wie ein Bauwerk. Er ist vom ersten Ton bis zum letzten Ton aufeinander abgestimmt und ergibt so ein harmonisches Ganzes.» Da kommt es auch auf die richtigen Lieder an.

Andreas Ennulat (*1955) studierte Theologie in Göttingen, arbeitete und promovierte an der Universität Bern und leitete 1991–1994 das Tagungszentrum Schloss Wartensee. Seit 2000 ist er Pfarrer der Gemeinde Wolfhalden AR und wird dort Ende 2019 pensioniert.

Obacht Kultur, No. 35 | 2019/3

Draussen Singen

Das weiss doch jedes Schulkind: Wenn es läutet, fängt der Unterricht an. Oder er hört auf. Stunde, Pause, Schulschluss – so einfach. Aber wenn es keine Schulglocke gibt? Wenn es kein strukturiertes Material, also auch keine Instrumente gibt, weil die Kinder im Wald lernen? Brauchen sie dann überhaupt Zeitsignale? In der Natur ist die strikte Minuteneinteilung der Lektionen überflüssig, denn die Kinder lernen nicht nach Fachgebieten getrennt, sondern erlebnisnah und alles miteinander. Aber Zeichen brauchen sie trotzdem, beispielsweise für den gemeinsamen Tagesbeginn, den Znüni, den täglichen Abschied vom Wald: «In der Natur hast Du nicht viel anderes als Deine Stimme, also ist Singen ein gutes Mittel zum Zweck.» Marius Tschirky hat für jede Gelegenheit Lieder erfunden und manche als Waldpädagoge tagtäglich gesungen: «Der schnellste Draht zu den Kindern ist die Musik.» Und sie funktioniert nicht nur als Botschaft, sondern hat viele andere Qualitäten: «Wenn Du Stimmungen erzeugen willst, sind Instrumente weniger wichtig. Mit dem Singen entsteht im Wald eine verschworene Gemeinschaft.»

Lieder lassen sich gut mit Ritualen verbinden, aber sie vermitteln auch Inhalte. Und am allerbesten funktioniert das, wenn die Lieder lustig sind, so wie das Lied vom «Dachs Adalbert». Es erzählt vom alten Dachs, der aus lauter Gutmütigkeit viele andere Tiere beherbergt. Und tatsächlich haben Dachse oft Untermieter in ihren weit verzweigten Bauen. Wie viele Lieder ist «Dachs Adalbert» eine gesungene, situativ entwickelte Geschichte mit wenigen, aber gut funktionierenden Elementen. Die Melodie ist einfach, der Inhalt verständlich, die Gesangslinie klar. Nun kommt es nur noch darauf an, die Töne zu treffen. Marius Tschirky sieht da keine Schwierigkeiten: «Jeder kann singen. Wichtig ist aber, wie man singt.» Gekünsteltes Singen kommt selten gut an, ob bei Kindern oder einem Workshop mit elf Förstern. Viel braucht es also nicht: Die Töne treffen, die eigene Freude am Wald vermitteln – und schon kann die Stimme alles in Schwingung bringen, zumindest die von Marius Tschirky.

Marius Tschirky (*1976) lebt in Teufen AR. Er ist freischaffender Musiker und Naturpädagoge.

Obacht Kultur, No. 35 | 2019/3

Darf´s ein bisschen mehr sein?

Pablo Walser zeigt im Kunstraum Kreuzlingen ein Weltanschauungspanoptikum. Im Frühjahr hat der Künstler, in dessen Lebenslauf sich Thurgau, Sachsen und das Appenzellerland mischen, den Adolf Dietrich-Preis erhalten. Die Ausstellung ist Teil der Auszeichnung.

Etwas Ideologiekritik gefällig? Oder etwas vom Phrasensalat? Vielleicht ein wenig Schlagzeilensuppe? Und zum Nachtisch eine Religionsbowle? Die Tafel ist reich gedeckt im Kunstraum Kreuzlingen. Es ist für alle etwas dabei und falls etwas fehlen sollte, darf selbst weitergemalt, -geschrieben, -gezeichnet werden. Pablo Walsers Prinzip ist das des Miteinanders: Hier sind alle willkommen. Je mehr Beteiligte, desto wilder die Mischung und desto intensiver das Ergebnis.

Wer da versucht, den Überblick zu behalten, ist von vornherein verloren. Macht aber nichts, Zufallsfunde haben auch ihren Reiz. Sie locken in Wort und Bild, in Zitaten und auf Zeitungen, in Gemälden und Comicstrips des Künstlers. Überarbeitete Schullandkarten hängen neben Collagen im Schülermagazinstil, hastig hingeworfene Notizen neben eng beschriebenen Blättern, Gedrucktes neben Gekritzeltem, zartfarbige Zeichnungen neben grellen Aufrufen, deren Neonfarben dank bereit hängender Taschenlampen noch intensiver aufleuchten. Im Untergeschoss des Kunstraumes geht es weiter mit einer Videoprojektion und rosafarbenem Kinderelektromobil. Wer hineinpasst, kann seine Runden drehen vorbei an den Informationstafeln über «Verbrechen der Zukunft» und an einer speziellen Liebesbibliothek.

Bunt kommt das alles daher, sehr unterschiedlich in Form und Farbe. Aber gerade in dieser Menge und im Durcheinander ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild. Das ist eine der Stärken von Pablo Walsers Ausstellung: Die verschiedenartigen Elemente stehen selbstbewusst für sich und münden gemeinsam in ein grosses Ganzes oder wie es auf Zeitungscollagen zu lesen ist: «Grütze mittenand» – zusammengerührt und sofort serviert.

Das gilt nicht nur für die Form, sondern auch für den Inhalt. Auch hier zelebriert Pablo Walser Vielfalt und Überfluss. Lustvoll schreibt und zeichnet er an gegen Grenzen, gegen Nationalstolz und Intoleranz, gegen Gewalt und Gewinn, gegen Zahlenfetischismus, Materialismus und manch anderen Ismus. Aber ganz ohne geht es dann doch nicht: Feminismus und Anarchismus haben ihren festen Platz in diesem Kosmos. Aber immerhin kommt der nie dogmatisch daher; dafür sorgt schon die unpolierte Form. Hier ist nichts auf Hochglanz und Bedeutung getrimmt, hier weht der Geist der Kommunen, der alternativen Lebensentwürfe und Sinnenfreuden. Das zeigt sich besonders im Video im Untergeschoss. Unter dem Titel «Die Abwesenheit der Liebe» feiert hier eine Parallelgesellschaft die Hochzeit des Universums. Ein altes Landgut bildet die Kulisse für ein buntes Völkchen und seine undurchsichtigen Aktivitäten. Jeder darf sich verkleiden, jede in eine Rolle schlüpfen, egal wie – Hauptsache friedlich und offen für die Anderen. Nur das Brautpaar läuft schliesslich davon und die Torte stapft gedankenverloren hinterher. Chaos ist Programm, doch das ficht niemanden an. Stattdessen übersetzen die Untertitel die sich ständig überkreuzenden Gesprächsfäden einfach mit «Crosstalk».

Der Begriff könnte als Motto über der gesamten Ausstellung stehen und ebenso für Pablo Walsers Umgang mit dem Quellenmaterial. Der Künstler bedient sich bei den Printmedien, im Internet, durchforstet die überall zirkulierenden Meinungen, Meldungen und Machtdemonstrationen. Er greift auf, was tagesaktuell wichtig erscheint, bedient sich aber auch in der Kunstgeschichte, bei alten Utopien, Philosophien und Ritualen. Die Stichwörter werden Pablo Walser also nicht so schnell ausgehen und wenn doch, steht ein Nachrichtengenerator in Glücksradform bereit: Auf zur nächsten Runde! Wer will, wer will, wer hat noch nicht?