Ulrike Kristin Schmidt

Klanginstallationen im Feuchtgebiet

Es war eines jener Kunstereignisse, die schon allein ihrer besonderen Lage und Räume wegen in Erinnerung bleiben: kleine windschiefe Scheunen, hingestreut im Hochmoor westlich von Gais, verbunden durch schmale Wege. Bei jedem Schritt schmatzte die satte Wiese, Vogelgezwitscher ringsum – Klangerlebnisse überall, vor allem aber in den Scheunen: Das Audiofestival «Klang Moor Schopfe» präsentierte vor zwei Jahren eigens inszenierte und sorgfältig umgesetzte Akustikinstallationen international tätiger Soundkünstlerinnen und Tontüftler. Nun kann zweite Ausgabe gefeiert werden. Auch sie lebt vom Engagement für besondere Töne, die nicht einfach für sich selbst stehen, sondern inhaltlich verbunden sind mit der Welt, aus der sie stammen. Wieder wird mit neuesten technischen Methoden gearbeitet ohne Grenzen zwischen Wissenschaft, Kunst und Klang. Der Däne Jacob Kirkegaard beispielsweise fängt Geräusche von Vulkanerde, Eis, atmosphärischen Phänomenen, Kernkraftwerken oder verlassenen Orten ein und arbeitet daran weiter mit Kompositionen, Installationen, Video und Fotografie. Und die österreichisch-US-amerikanische Gruppe «Noise Aquarium» untersucht, wie Plankton auf Lärm reagiert. Auch die interaktive und interdisziplinäre Wunderwelt vereint Sound- und Animationskunst, Technologie und Umweltforschung. Alle Künstlerinnen und Künstler haben im Vorfeld das Moor besucht und ihre Arbeiten eigens für diesen Ort entwickelt. Während einige von ihnen die Atmosphäre der kleinen, fensterlosen Scheunen thematisieren, andere wie etwa Julie Semoroz sich auf Vegetation und Fauna beziehen, inspiriert wieder andere die wassergetränkte Umgebung des fragilen Ökosystems. So widmet sich auch «A3 [Atacama×Amazon×Alps]» dem Wasser. Für dieses Projekt kooperiert «Klang Moor Schopfe» mit dem Festival Novas Frequências in Rio de Janeiro, dem Mapping Festival in Genf und dem Tsonami Festival in Valparaíso und Künstlerresidenzen in der Atacama-Wüste, im Regenwald des Amazonas und in den Alpen. Das ausserrhodische Audiofestival ist damit einmal mehr Teil eines internationalen Netzwerkes. Dieses ist seit der ersten Durchführung ständig gewachsen und nur ein Kollektiv ist bereits zum zweiten Mal dabei: Die Schweizer Gruppe Norient produziert elf Podcasts zu den Installationen in den verschiedenen Schöpfen, die online angehört werden können – aber am besten natürlich vor Ort.

www.klangmoorschopfe.ch

Frauen und Bauten im Modell

Der dritte 1954er in diesem Sommer: Nach Thomas Struth in Vaduz und Albert Oehlen in St.Gallen und hat das Kunsthaus Bregenz nun seine Ausstellung mit Thomas Schütte eröffnet. Der Düsseldorfer setzt sich mit klassischen Bildhauerpositionen ebenso auseinander wie mit Architekturentwürfen.

Frauen – flach gewalzt, zerdrückt, aufgeschnitten oder verdreht. Thomas Schütte hat den weiblichen Körper auf vielfältige Weise umgestaltet, deformiert und verletzt; und er hat es immer als Bildhauer getan, der einen Typus der figuralen Plastik untersucht und weiterdenkt: Die Liegende und die Kniende gehören zum festen Repertoire klassischer Bildhauer von Maillol bis Moore, von Lehmbruck bis Rodin. Schütte hat seine Variationen dieses Themas in den späten 1990er Jahren in Keramik durchgespielt – ein anachronistisches Vorgehen, dem aber von Anfang an die Option eingeschrieben war, diese Figuren als Modelle zu verstehen. Anfang der 2000er Jahre entstanden schliesslich die Aluminium-, Bronze- und Stahlgüsse, überlebensgross, rostend oder mit Auto- und Pianolackierung. Schütte präsentiert sie nicht auf Sockeln, sondern auf eigens entworfenen Metalltischen und verweist mit dieser angedeuteten Arbeitssituation auf seine Auseinandersetzungsprozesse.

Acht dieser Frauen sind jetzt im Kunsthaus Bregenz ausgestellt und bilden gemeinsam mit Schüttes Architekturmodellen einen perfekten Zweiklang – wenn sie auch in zwei verschiedenen Stockwerken ausgestellt sind. Wie die Frauenplastiken beziehen sich die architektonischen Modelle des Düsseldorfer Künstlers weniger auf die Realität als vielmehr auf Gestaltungstypologien. Nur das Modell für die Skulpturenhalle Neuss war für eine Umsetzung gedacht und wurde gebaut. Alle anderen – Ferienhaus, Bunker oder Wohnhaus – spielen Bauformen durch und weiter bis zur völligen Freiheit von Zweckbestimmtheit. So besteht der Modellsarg nur noch aus einem Gerüstgerippe, das eine farbige Plexiglasplatte in orangerotem Licht erscheinen lässt. Diese Präsentation misst sich beinahe unweigerlich mit den über 300 Architekturmodellen Peter Zumthors, die zwar nicht gezeigt werden, aber zur Sammlung des Kunsthaus Bregenz gehören: Während Zumthor eine künftige Gesamtsituation interpretiert, reduziert Schütte sich auf Haut und Gestalt imaginärer Bauten. Eine Besonderheit stellt seine «Bibliothek (1:1)» dar. Sie ist im Erdgeschoss zu sehen und bleibt aufgrund ihrer Dimension und ihrer Präsentation im Innenraum in der Schwebe zwischen Bau, Skulptur und Modell. Der räumliche Kontext prägt auch den Vergleich der drei Bronzeplastiken im dritten Stockwerk des Kunsthauses mit jenen im Aussenraum: Monumental sind sie immer, aber existentieller muten sie im Innenraum an, wo sie konkurrenzlos ihre Verlorenheit entfalten.

Kunst als Aktionsfeld

«Che fare?» fragte das Kunstmuseum Liechtenstein vor neun Jahren und fokussierte auf das Tun in der Arte Povera, auf die Prozesse und den Anspruch auf Veränderung. Jetzt folgt ein wichtiger, neuer Baustein in der Aufarbeitung der künstlerischen Bewegung.

«Entrare nell´opera» widmet sich ausschliesslich den Aktionen und zeigt die künstlerischen Werke konsequent und gleichberechtigt neben vielen, erstmals aus den Archiven geborgenen Originalmaterialien. Dafür wurde intensiv mit Künstlern, Nachlass- und Archivbetreuerinnen und Fotografen zusammengearbeitet. Viele von ihnen sind noch Zeitzeugen und lieferten das Wissen um die Arte Povera aus erster Hand. Diese umfangreichen Recherchen werden in einem vollständigen Verzeichnis der Azione Povere publiziert, doch vor dem Blick in das geplante Buch, lohnt der Gang durch die Ausstellung. Hier begegnen sich Werk und Dokumentation auf beispielhafte Weise. Sorgfältig wurde vermieden, die Kunst und die Materialien direkt miteinander zu konfrontieren oder gar zu vermischen. Somit wird den künstlerischen Arbeiten keine Präsenz weggenommen und dokumentarische Bilder sind klar also solche zu erkennen. In jedem Ausstellungssaal wurden eigens Archivzonen eingerichtet, in einem Raum sogar auf einer nie zuvor realisierten zweiten Ebene, die in den perfekten White Cubes des Kunstmuseum Liechtenstein eine annehmliche Leseatmosphäre für die bereitgestellte Literatur und einen Überblick aus ungewohnter Perspektive schafft.

Der Rundgang beginnt mit «Aktion und Werk» und zeigt die enge Verknüpfung zwischen Objekt und Tun, sind doch die Objekte für Handlungen entwickelt, entstehen aus ihnen oder bannen den Moment einer Handlung wie Giovanni Anselmos spannungsgeladener «Torsione». «Aktionen und Schauplätze» widmet sich wichtigen Aktionsorten wie dem Aktionsraum 1 in München, der Fernsehgalerie Gerry Schum und dem Piper Pluriclub in Turin. Im dritten Saal wird das im Ausstellungsmotto genannte «Eintreten ins Werk» allen möglich. Interaktive Arbeiten bieten emotionale und physische Einstiege etwa in eines der Spiegelwerke Michelangelo Pistolettos oder als kräftigen Hammerschlag mit dem Schriftzug «Essere» auf eine Bleiplatte von Eliseo Mattiacci. Das vierte Kapitel schliesslich thematisiert mit «Das Theatrale und die Sinne» den szenischen Raum, den jedes Arte Povera-Werk eröffnet: Es schlägt Brücken über die Zeit, zwischen Denken und Sinnen, ins Leben hinein. ks

Sonja Hugentobler, LE DÉJEUNER, 2019

Sonja Hugentobler hat mit LE DÉJEUNER das «Letzte Abendmahl» Leonardo da Vincis für die Kulturlandsgemeinde neu gedacht und modifiziert.

Der Tisch. Ort des Zusammentreffens, der Konversation, der Arbeit, des Essens, des Spiels. Sonja Hugentobler zeigt einen gedeckten Tisch. Dahinter öffnen sich hohe schmale Fenster und sorgen gemeinsam mit seitlichen Nischen für eine lichte, atmosphärische Stimmung. Der durchscheinende, zarte Farbauftrag kontrastiert mit dem Bildaufbau: Die Zentralperspektive gibt einen strengen kompositorischen Rahmen vor.

Nicht von ungefähr erinnert das Bild an eines der berühmtesten Werke der Kunstgeschichte: Leonardo da Vinci malte Jesus und die zwölf Apostel an einem weiss gedeckten Tisch in einem klaren, schmucklosen Raum. Er schuf das Abendmahl als Wandbild für den Speisesaal des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand und legte ein besonderes Augenmerk auf die Blicke und Gesten der Speisenden, auf ihre Handreichungen und den sprichwörtlichen Fingerzeig.

Sonja Hugentobler verzichtet bewusst auf die Figurendarstellungen und eine illustrative Umsetzung der berühmten Vorlage, aber sie erweitert ihr Gemälde gegenüber dem Renaissanceoriginal um grosszügige freie Flächen links und rechts des gedeckten Tisches. Damit leitet sie die Betrachterinnen und Betrachter aus dem dreidimensionalen Raum ins Bild hinein, zur Tafel hin. Diese Annäherung funktioniert von beiden Bildrändern aus und steigert die zentrale Bedeutung des Tisches: Er ist der Treffpunkt, er ist die Metapher für die Zusammenkunft, die weit über das gemeinsame Mahl hinausreicht.

Mit seiner Breite lädt das Bild ein, in Bewegung zu bleiben und währenddessen über gemeinsame Haltungen nachzudenken, über die abendländische Bildtradition, über das kulinarische und kommunikative Angebot, das jede gedeckte Tafel darstellt, über den Wert gemeinsam verbrachter Zeit und ausgetauschter Gedanken.

Sonja Hugentobler wurde 1961 in Chur geboren und lebt und arbeitet seit 2006 als freischaffende Künstlerin im Palais Bleu in Trogen.

Leinen los: Das Gewürm dräut

Fridolin Schoch, Künstler und Musiker mit ausserrhoder Wurzeln, gestaltet mit «Loopheaven» den Auftritt im Obacht 2/2019

Von Tenedos her winden sich zwei Schlangen durchs Meer und erklimmen das Ufer. Auf wen haben sie es abgesehen? Mit sicherem Schwung greifen die Tiere Laokoon an; zuerst aber ringeln sie sich um die schmächtigen Leiber seiner beiden Söhne. Vergil beschreibt in seiner Aeneis das verzweifelte Ringen, den Schrei des Vaters. Abgebildet ist der schreckliche Todeskampf in einer der meistgerühmten antiken Statuen, der Laokoon-Gruppe. Sie wurde bereits in antiken Schriften gelobt, aber seit der Wiederentdeckung 1506 geradezu gefeiert, von der Wissenschaft wieder und wieder untersucht, interpretiert und gewürdigt. Die Ausdruckskraft der drei Figuren ist für das Interesse ebenso ausschlaggebend wie ihr Ebenmass und das Verhältnis von Ruhe und Dynamik.

Letzteres funktioniert auch ohne Laokoon und seine Söhne: Sind langestreckte Körper mit rundem Querschnitt stark ineinander verschlungen, scheinen sie unentwirrbar zu sein. Die Dynamik der gewundenen, verknoteten Formen ist für einen Moment gebannt. Sie verharrt, bis sie sich wieder selbst entfesselt oder entfesselt wird. Diese Anmutung besitzen auch die Arbeiten von Fridolin Schoch. Der Künstler beschäftigt sich in seinen dreidimensionalen Werken mit der räumlichen und narrativen Wirkung von Knoten, Schlingen und Schlaufen. So scheint etwa das Ende eines Lüftungsschlauches aus der Wand zu wachsen, sich zu einem überdimensionalen Knoten zu verschlingen und anschliessend in den Boden abzutauchen. Oder ist die Reihenfolge genau anders herum? Wo ist der Anfang, wo ist das Ende? Wie kam der Knoten zustande?

Fridolin Schoch entwickelt komplexe räumliche Gebilde. Die Modelle dafür formt er aus Kletterseilen, jenen vielfarbigen Sportutensilien, die zur Absturzsicherung dienen. Mit «Werktitel» stellt er diese Gebrauchsartikel nun erstmals im Vordergrund. Er wickelt sie auf und zusammen, verdreht oder verknotet sie fachmännisch und fotografiert sie schliesslich. Die Fotografie scannt er ein und bearbeitet sie weiter. Die echten Seilenden sind nun nicht mehr zu identifizieren, stattdessen verschwinden sie in der Raumtiefe. Denn obwohl zweidimensional abgebildet, bleibt in der Arbeit der räumliche Eindruck erhalten. Dazu tragen einerseits die starken Schattierungen bei, die Hell-Dunkel-Kontraste, die Wiedergabe der plastischen Seilstrukturen und der kleinen Partikel, die sich in den Seilen festgesetzt haben. Das Auge kann sich den Schlaufen und Schlingen verlieren, die Finger ihnen entlangfahren oder die Binnenform ertasten. Fridolin Schoch ermöglicht hier, was sonst nicht funktioniert: Wo sonst die Knoten dominieren, ist hier nun auch ihr Zwischenraum ein Erlebnis.

Obacht No. 34 | 2019/2

Kunst schenken? Lieber tauschen!

Künstlerinnen und Künstler tauschen. Das Interesse an den Arbeiten Anderer ist gross und der Tausch ist ein Zeichen von Wertschätzung und erleichtert das Inkontaktbleiben.

Am Schluss kommt der grosse Tausch: Die Künstlerinnen und Künstler holen ihre Arbeiten ab, sie kommen ins Gespräch, ihre Kunstwerke im Postkartenformat wechseln die Hände: «Die Atmosphäre ist sehr schön!» Birgit Widmer gerät ins Schwärmen, wenn sie von den Ausstellungen in der Bahnstation Strahlholz erzählt und vom Kunsttausch am Ende des Ausstellungswochenendes. Seit vielen Jahren schon wird das Strahlholz für zwei Tage vom «Halt auf Verlangen» zum Halt für die Kunst. Und weil alle Kunstwerke gleich gross sind und gleich viel kosten, nämlich dreissig Franken, ist das Tauschen einfach. Aber verschenkt wird auch: «Die Künstlerinnen und Künstler freuen sich über die Aktion und schenken eine Postkarte als Dank für die Arbeit», sagt Birgit Widmer und betont zugleich, der eigentliche Wert eines Werkes spiele unter Künstlerinnen und Künstler weniger eine Rolle. «Man weiss, worum es geht, wenn man künstlerisch arbeitet.» Nämlich nicht um den Aufbau einer Kunstsammlung, sondern «um den Austausch, um die Gedanken aneinander», betont HR Fricker. Der Trogener Künstler ist einer der Pioniere der Mailart-Szene. Diese Künstlerinnen und Künstler sandten sich bereits in den 1980er Jahre Arbeiten per Post zu, «weil sie nicht mehr aus der Kunstgeschichte lernen und ihre Anregungen bei Picasso oder Duchamp suchen wollten, sondern bei jenen, die jetzt schaffen», so HR Fricker. Eine zweite Motivation war die gegenseitige Wertschätzung: «Per Post schenken sich Mailart Künstler auch Aufmerksamkeit und fordern einander auf, dran zu bleiben, weiterzumachen.» Diesen Austausch hat das Internet verändert, HR Fricker beobachtet auch dort, woran Künstlerinnen und Künstler arbeiten. Aber wenn ihm Werke gefallen, fragt er an, ob die Originale zu kaufen seien, denn für den Tausch ist der persönliche Bezug wichtig. Das bestätigen auch Ueli Alder und Nora Rekade. Beide haben vor allem im Studium und im Anschluss daran viel getauscht. Für den Urnäscher war es jeweils eine besondere Freude, nicht die perfekten Fotografien zu tauschen, sondern jene Prints «die abverhait sind, die man selber behalten hat, weil sie speziell sind. Arbeiten ausserhalb des Kontextes, die gerade nicht im Katalog oder in der Galerie gelandet sind, sind viel spannender.» Und solche erhält man eben nur durch einen guten persönlichen Kontakt. Zudem bieten diese getauschten Werke wertvolle Erinnerungen an das gegenseitige Interesse aus der Studienzeit, «als sowieso niemand Geld hatte», so Nora Rekade.

Auch für Vera Marke ist die Nähe zu den Künstlerinnen und Künstlern Voraussetzung: «Kunst schenken und tauschen hat etwas Intimes. Ich tausche nicht mit jedem.» Aber wenn sie tauscht, kann sich daraus ein jahrelanger Prozess entwickeln; so hat die Herisauer Künstlerin mit HR Fricker halbjährlich Kunst getauscht und regelmässig auch Kunst in Postkartengrösse mit Birgit Widmer. Schenken ist hingegen heikel: «Es gibt Künstler und Künstlerinnen, die im Verdacht stehen, Bestechungsgeschenke zu machen oder sich einschmeicheln zu wollen. Meinen Studentinnen und Studenten bringe ich bei, dass es wichtig ist, sich rar zu machen und den eigenen Wert zu kennen.»

Vera Marke schwärmt von einer Arbeit, die sie von Thomas Stüssi erhalten hat, die eigentlich ein Teststück von seinem «Slow Flow» für den Schaukasten Herisau ist. Sie gehört also zu den Stücken wie sie Ueli Alder beschreibt, zu den Überbleibseln, den Recherchematerialien, den Experimenten. Eine klassische vorbereitende Arbeit sind Zeichnungen, so eine hat Vera Marke sogar noch zugute von Thomas Stüssi: «Vera hat noch etwas ausstehen. Eine Zeichnung im Zusammenhang mit meiner Diamantensuche.» Aber auch Stüssi hat etwas ausstehen, wie Nora Rekade berichtet: «Als wir über meine Arbeiten sprachen, sagte er, eine gefalle ihm besonders, und ich entschied, er bekommt sie zum 40. Geburtstag. Das war im vergangenen Jahr.» – und so bleibt der Prozess in Gang, die Verbindungen bestehen, der nächste Tausch folgt.

Obacht Kultur No. 34, Heft 2/2019

Arte Povera, Archive und Aktionen

Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt mit einer klug aufbereiteten Schau zu den Aktionen der Arte Povera, dass deren Sinnlichkeit und Ereignischarakter bis heute lebendig sind.

Blei ist schwer. Blei ist weich. Blei ist billig und nicht als künstlerisches Material vorbelastet – perfekt also für die Arte Povera-Künstler in den 1960er und 1970er Jahren. Sie definierten sich nie als Gruppe, werden aber einer gemeinsamen Bewegung zugeordnet, da sie auf ähnliche Art und Weise arbeiteten: Sie verwendeten «arme», also gewöhnliche und alltägliche Materialien in ihrer Kunst, angefangen von Holz und Kohle über Leinen und Kreide bis hin zu Feuer und Eis. Sie verwoben Alltag und Leben mit poetischen Bildern und Gesten, sie brachten Papageien, Pferde oder Fische in die Galerien und fanden das Schöne im Unbedeutenden. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeiten waren die Aktionen. So montierte Eliseo Mattiacci 1978 eine mannshohe Platte aus Walzblei in seiner Galerieausstellung und bot daneben einen Hammer an mit dem Wort «essere» in dreidimensionaler Schrift, damit das «Sein» hineingehämmert werden konnte in das weiche Metall, in die Kunst, in den Moment. Genau das ist nun wieder möglich.

Das Kunstmuseum Liechtenstein lässt die Aktionen der Arte Povera-Künstler wieder aufleben, indem es Originale mit historischen fotografischen und filmischen Dokumentationen verknüpft. Vieles davon war noch nie öffentlich ausgestellt und ist erst durch umfangreiche Recherchen bei Zeitzeugen wieder entdeckt worden, so die Kuratorin Christiane Meyer-Stoll: «Wir erfahren das ganze Wissen um die Arte Povera noch aus erster Hand. Wir haben Interviews mit den Galeristen von damals geführt, die Künstler befragt und mit Fotografen gesprochen.»

Hinter dem «Wir» stehen vier Frauen: Nike Bätzner, Maddalena Disch, Valentina Pero und Christiane Meyer-Stoll. Die Kunsthistorikerinnen sichten seit vielen Jahren die Arte Povera-Archive und haben ihr besonderes Augenmerk auf die Aktionen gelegt, denn, so Meyer-Stoll: «Es gibt kein Verzeichnis dieser so wichtigen Azioni Povere.»

Das Verzeichnis in Buchform ist aber erst der nächste Schritt, zunächst lädt «Entrare nell´opera» zum Einstieg in die Werke und in das umfangreiche Archivmaterial ein.

Archivausstellungen geraten schnell zu unsinnlichen Dokumentpräsentationen, die nur noch Spezialisten ansprechen. Im Kunstmuseum Liechtenstein aber stimmt sowohl die Mischung zwischen Original und Dokumentation wie auch die Präsentationsform. Grossformatig ausgedruckte Fotografien von Handlungen und Prozessen markieren Archivzonen, sie umgeben die Werke, die in den Aktionen verwendet wurden oder dafür entstanden. Immer wieder gibt es Sichtachsen vom dokumentarischen Material hin zu den Kunstwerken und zurück. Aber nie wird beides miteinander vermischt. Beides behält sein eigenes Gewicht.

Zum allerersten Mal in der mittlerweile zwanzigjährigen Geschichte des Museums wurde sogar eine zweite Ebene in einen Raum eingezogen. Dadurch ist eine Empore entstanden, unter selten gezeigte Filmbeiträge und Künstlervideos zu sehen sind, und die oben in eine Lesezone einlädt. Der Raum erhält durch die horizontale Unterteilung menschliche Dimensionen und wird gerahmt von Arbeiten von Mario Merz. Sie zeugen vom Wunsch, «das Denken zu verflüssigen, es so offen wie möglich zu halten und Erstarrung hinter sich zu lassen», fasst Christiane Meyer-Stoll zusammen – ein Anspruch, den die Ausstellung insgesamt einlöst. Sie fordert auf, die Denkmuster abzulegen und sich auf die hier gezeigten Arbeiten nicht nur einzulassen, sondern sie aktiv zu erleben, also mit dem Hammer das «Sein» in die Bleiplatte zu schlagen oder in Gilberto Zorios «Mikrofone» zu sprechen oder zu singen, bis der Raum erfüllt ist von Worten und Lauten. Oder sich anzulehnen und innezuhalten an Michelangelo Pistolettos «Gestell, um im Stehen zu sprechen» und wiederum Pistolettos «Teetrinkenden weiblichen Akt» zu betrachten oder sich sogar in der Spiegelarbeit selbst wiederzufinden. Nicht zuletzt solche Gegenüberstellungen wecken die Sinne und stärken die Wahrnehmungskraft – eine Ausstellung also ganz im Sinne der Arte Povera.

Wer stolpert denn da?

«Unter Tag – Kulturgut der Zukunft» ist die dritte Station der Reihe Kulturraum S4. Dieses Projekt des kantonalen Amtes für Kultur bringt kulturell und historisch bedeutsame Orte rund um den Säntis in einen Dialog mit zeitgenössischer Kunst.

Kunstausstellungen haben längst die Museen und Galerien verlassen. Kunsthallen haben sich in Fabrikhallen, Garagen, säkularisierten Kirchen eingenistet. Kunst wird in alten Schulgebäuden, Kraftwerken, Brauereien oder Bahnhöfen gezeigt. Aber eines haben diese Bauten doch gemeinsam: Ihre Böden und Wände sind gerade; und meistens gibt es Tageslicht.

Das ist beim jüngsten Projekt in der Reihe «Kulturraum S4» anders: Im aktuellen Ausstellungsraum ist der Boden nicht nur etwas uneben, sind die Wände nicht einfach etwas aus dem Lot. Hier gleicht kaum ein Quadratmeter dem anderen. Der Boden ist von losem Steinmaterial übersäht, plötzliche Krater tun sich auf oder kniehohe Felskanten stellen eine Falle und das bei fast vollständiger Dunkelheit: Der Kulturraum hat in einer Kaverne Halt gemacht. Sie gehört der ESPROS Photonics AG in Sargans.

Das Unternehmen liess auf der Suche nach einer Produktionsstätte für hochwertige Halbleiterchips die Kaverne samt Notausgangsstollen aus dem Gonzen ausheben. Genutzt wurde sie bislang aber nicht und bietet damit eine grossartige Chance für die Kunst. Denn in dem riesigen unterirdischen Raum funktionieren keine Standardlösungen. Hier, wo das Unternehmen die Erforschung aktueller Technologien geplant hat, müssen auch die künstlerischen Ideen neu gedacht, neu entwickelt werden. Nicht nur die Dunkelheit stellt eine besondere Herausforderung dar, sondern auch die Grösse des Raumes, die Luftfeuchtigkeit, die nicht vorhersehbaren Bewegungen der Ausstellungsbesucherinnen und -besucher, die sich ihren Weg bahnen müssen zwischen Steinstufen, Geröll und Schotter.

Bezieht sich Timo Müller mit seiner Arbeit auf diese tastenden Schritte, auf dieses suchende Vor-und-zurück oder doch lieber seitlich? Oder schlägt er den Bogen zur ESPROS-Senortechnik, die selbstfahrende Vehikel möglich macht? Das «Zelt» ist ebenso doppeldeutig wie poetisch. Es stolpert in unregelmässigen Abständen über den Kavernenboden. Seiner brachialen Art umherzuwandern mutet so gar nichts Technisches an. Eher noch könnte eine ausser Rand und Band geratene Festgesellschaft den weissen Pavillon unbeabsichtigt in Bewegung gesetzt haben. Wenn sie doch nur nicht in Asi Föckers «Vermutung der Form Nr. 3» stürzt. Die St. Galler Künstlerin setzt dem ursprünglichen, hochspezialisierten Kavernenzweck eine elementare, auf das Wesentliche reduzierte Lichtinstallation entgegen. Im Duett reflektieren Spiegel das spärliche Licht zweier kleiner Lampen und lassen es über die unregelmässigen Wände flimmern wie kleine Irrlichter – hier wird sogar der Bezug zum benachbarten Bergwerk Gonzen und seinen Grubenarbeitern hergestellt.

Ebenso hervorragend wie für Lichtinstallationen ist die Kaverne für Videoarbeiten geeignet. Gabriela Gerber und Lukas Bardill integrieren die farblichen und räumlichen Unregelmässigkeiten der Spritzbetonwand in eine Zeichnungs- und Wortprojektion. Ursula Palla lässt einen Labrador in vollkommener Gelassenheit mitten im Kavernenbauch verweilen. Daneben lässt Filmemacher Peter Mettler einen beeindruckenden Lavastrom über die Höhlenwand fliessen. Andy Guhl verwandelt in gewohnt gekonnter Weise Alltagselektronik in einen projizierten Farb- und Formenreichtum, der diesmal noch ergänzt ist um Elemente aus der Fertigung des Hausherrn.

Auf ganz andere Weise, aber ebenso schlüssig beziehen sich Nicolò Krättli und Jonathan Banz auf den Ort. Sie platzieren ein lebensgrosses Ohr neben einem Stalagmiten – irgendwann werden beide eins geworden sein. Während diese Arbeit von einem kräftigen Lichtstrahl erhellt wird, verlässt sich Matthias Rüegg auf die feinen menschlichen Sinne. Nur wer genau hinschaut, wird das Farbspiel der 50 verschiedenen Glasscheiben entdecken. Und nur wer genau hinhört, nimmt das feine Klirren der Klanginstallation von Barblina Meierhans wahr.

Am Ende des Notstollens hin zur eigentlichen Kaverne wird die Kunst dann wieder grossmasstäblicher. Florian Germann konstruiert einen phallusförmigen Körper, der Wasserdampf versprüht. Der feine Nebel breitet sich mit seiner eigenen Dynamik weit in den Raum hinein aus und hält sich lange in der kühlen Umgebung. Dann schliesslich ist das Geländer erreicht und damit die perfekte Aussicht auf eine Fahrbahn mit zwei verhüllten Autos, entwickelt und installiert von Ilona Rüegg. Wie von Geisterhand bewegt, gleiten die Fahrzeuge aneinander vorbei, begegnen sich, entfernen sich voneinander, warten aufeinander, begegnen sich aufs Neue. So schön kann autonomes Fahren sein. Der Kontrast Timo Müllers tappendem Zelt ist gross und doch kommt hier die Ausstellung wieder zu ihrer Ursprungsidee zurück: Höhlenarchaik und Automatisierungstechnik passen durchaus zusammen.

Wer stolpert denn da?

Einmal Einhorn, immer Einhorn

Radiergummis, Tassen, Lampen, Tattoos, Torten und Partydekoration sowieso – alles gibt es in Einhorngestalt. Aber warum? Wie ist den Einhörnern solch ein kometenhafter Aufstieg gelungen? Ist es der Versuch die heile Welt im Moment ihres Verschwindens festzuhalten? Ist nicht sowieso alles eine Illusion? Die unbeschwerte Kindheit? Die paradiesische Natur? Die Idylle? Diese Fragen lassen sich am besten in einem Flecken Erde stellen, der unberührt scheint von der Hektik des Alltags, von Zersiedelung und Technisierung, vom Niedergang all dessen, was früher schöner war, also im Weiertal.

Hier wirkt das Insektensterben ebenso fern wie die Monokultur. Hier ist der Bach klar und die Obstbäume sind gesund. Hier darf auch die Kunst sich frei entfalten. Zum sechsten Mal findet in diesem Weiler unweit von Winterthur die Biennale Kulturort Weiertal statt, diesmal unter dem Motto «Paradise, lost» – bezogen auf John Miltons Epos über den Verlust des Garten Edens.

Der Kurator Christoph Doswald hat 25 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, vor dieser perfekten Kulisse ihre Arbeiten über das unausweichliche Ende zu zeigen. Beni Bischof verkündet in grossen Lettern auf schwarzem Schild: «The End Is Near». Katja Schenker hingegen lässt «Efa» schmelzen. Die biblische Frau gleicht einem Schneemann, ist allerdings aus Asphalt und wird in der Sommerhitze zergehen. Auch der Affe in einem Gehäuse an einem Baumstamm wird den Sommer nicht überleben. Sandra Knecht hat ihn aus rotem Zucker geformt. Sonne und Regen werden ihm genauso zusetzen wie Insekten. Dauerhafter kommt Peter Kamms «Staubrinnen-Flosse» aus Sandstein daher, aber sie mutet an wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Darin ähnelt ihr «Entasis» von Markus Kummer. Die Betonsäulen am Eingang des Gartens zerfliessen an ihrem unteren Ende und zerbröseln am oberen. Markierten sie einst, als das Paradies noch intakt war, den Übergang zwischen beiden Welten? Dass Übergänge keine physische Präsenz benötigen, zeigt Mirko Baselgia. Seine Arbeit besteht einzig in der Aufforderung barfuss eine selbst gewählte Schwelle zu überschreiten, einmal vor dem Rundgang, einmal danach. Und was passiert dazwischen? Nicht alles löst sich auf. Am Ende sind es doch die Einhörner, die bleiben. Friedlich treiben sie auf dem Weiher. Olaf Breuning hat sie dort ausgesetzt samt Aufblaspuppen: Wer nicht herunterfällt, landet vielleicht doch noch im Paradies. Die Kunst macht´s möglich.

www.skulpturen-biennale.ch

Der gebeugte Mensch

Was für ein Kontrast! Was für eine Konsequenz! Eben noch zeigte das Kunsthaus Bregenz die grossformatigen Bilder der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn, präsentierte ihre eindringlichen Blicke auf das Menschsein, auf Intimität, Gewalt und Angst, gemalt mit verschwindenden Konturen, in glühenden Farben, intensiv und archaisch. Nun folgt auf die ausfasernden malerischen Gesten, auf die pudrigen Kreidelinien die dreidimensionale Form.

Gequetscht, zusammengesunken, zerdrückt und immer wieder in menschlicher Gestalt: Ab Mitte Juli werden Arbeiten von Thomas Schütte im Kunsthaus Bregenz zu sehen sein. Auch Schütte zeigt die Menschen nicht heldenhaft, sondern verletzlich und verletzt, isoliert oder auf Gedeih und Verderb aneinander gekettet, verloren und suchend. Schütte ist Bildhauer. Seit Jahrzehnten untersucht er das Bild des Menschen, wie es in vorhergehenden Bildhauergenerationen geprägt wurde und wie es in der heutigen Zeit aussehen kann: Wie lassen sich die Verstrickungen, Zwänge darstellen? Wie steht der Mensch heute da? Und wie seine Kreaturen?

Schütte arbeitet immer wieder für den öffentlichen Raum. In Bregenz begrüsst das «Dritte Tier» die Gäste der Ausstellung. Freundlich blickt es in die Welt, den Robbenschwanz grüssend erhoben, den schweren Oberkörper auf Menschenarme aufgestützt, die in merkwürdigen Pranken enden. Aus seinen Nüstern schnaubt das Tier ein Wölkchen in die Luft. Schütte hat immer auch das Absurde, das Komische in seine Arbeiten integriert und mit dem Ernsten, ja Tragischen verschmolzen. Das Tier ist eine von drei kolossalen Figuren, die während der Ausstellung im Bregenzer Stadtraum gezeigt werden. Die anderen beiden sind «Männer im Matsch»: Ihre Füsse stecken fest, zur Bewegungslosigkeit verdammt harren sie ihres Schicksals.

Im Kunsthaus selbst ist eine Auswahl der architektonischen Modelle Schüttes zu sehen. Auch sie entstehen seit langer Zeit und sind sehr eng mit den Befindlichkeiten des Menschen verknüpft. Betitelt sind sie als Entwürfe für Bunker, Ferienhäuser oder Museen. Im Stockwerk darüber sind Frauenplastiken mit einer Gruppe von keramischen Arbeiten kombiniert: Farbig glasierte Platten sind zu fiktiven Flaggen zusammengefügt und karikieren die bunten Symbole der Nationalstaatlichkeit. Im obersten Stockwerk schliesslich beginnen abermals drei Männer im Boden zu versinken. Sind es Porträts unserer Zeit? Persiflieren die Plastiken die kunsthistorisch etablierten Vorgänger? Bei Schütte ist alles möglich, drum lohnt jede seiner Ausstellungen einen Besuch.

Ab 13. Juli

www.kunsthaus-bregenz.at