Ulrike Kristin Schmidt

Gesammelte Texte

Olaf Breuning: Menschliches, Allzumenschliches, künstlich Intelligentes

Olaf Breuning lässt sich begeistert auf die jüngsten technologischen Entwicklungen ein und anerkennt zugleich deren Grenzen. Deshalb bleiben Kamera und Bleistift wichtige Arbeitsgeräte für den gebürtigen Schaffhauser. Auch inhaltlich setzt der Künstler auf Kontinuität: 25 Jahre nach seiner grossen Einzelausstellung Apes im Museum zu Allerheiligen kommt er nun mit Humans dorthin zurück.

Bigfoots sind keine Yetis. Der riesenhafte Schneemensch ist angeblich im Himalaya zu Hause. Bigfoot hingegen stapft durch die Wälder Nordamerikas – jedenfalls der Legende nach. Und durchs Museum zu Allerheiligen: Auf der Wand vor den Ausstellungssälen halten vier der behaarten Humanoiden verwundert inne. Die zotteligen Wesen haben die namengebenden riesigen Füsse, grosse Hände und einen auffallend aufrechten Gang.
Olaf Breuning (*1970) hat die vier aufgespürt in den weiten Kiefernwäldern in Upstate New York. Dort lebt der in Schaffhausen geborene Künstler, seit er vor zehn Jahren von New York City weggezogen ist. Dort konzipiert er seine Fotografien, zeichnet, malt, entwickelt Installationen und arbeitet mit sogenannter Künstlicher Intelligenz. Sein Spektrum der Techniken ist gross, auch in der Ausstellung in Schaffhausen. Eine Retrospektive präsentiert Breuning aber nicht: «In Schaffhausen sind die räumlichen Möglichkeiten begrenzt, deshalb habe ich mich entschieden, keine Malerei zu zeigen. Die Ausstellung ist auch keine Retrospektive, sondern erzählt die Geschichte der Humans.»

Krone der Schöpfung oder tragikkomische Figur?

Die Menschen also – sie sind seit Jahrzehnten Olaf Breunings zentrales Thema. Er lässt sie in seinen Werken die ganz grossen Fragen stellen und an kleinen Dingen scheitern. Sie strampeln sich ab, machen kaputt, was sie umgibt, und freuen sich über absurd erscheinende Freizeitvergnügungen. Eingekleidet in Kartonschachteln und von Papiersäcken verhüllt fragen sie beispielsweise «Can Someone Tell Us Why We Are Here?» in der gleichnamigen Fotografie (2006). Ein Kniff, der in vielen von Olaf Breunings Arbeiten funktioniert: Die Gesichter der Individuen sind verborgen, maskiert, stark geschminkt oder tragen Perücken. Die Fotografierten sind jemand anderes und können dadurch stellvertretend für viele agieren. Auch Tierverkleidungen nutzt Breuning häufig und stellt damit seit Jahrzehnten nicht nur die sogenannte Krönung der Schöpfung in Frage, sondern auch ihr Verhältnis zu anderen Lebewesen. So auch im jetzt in Schaffhausen ausgestellten Leave Me Alone (2024): Für die Fotografie schickte der Künstler vier Menschen in Bigfoot-Kostümen durch die Landschaft. Das Innehalten, ihr verdutzter Blick, der Kontrast des geordneten Grüppchens zur Natur – wer hat hier wen ertappt? Wer ist hier fremd und wer zu Hause?
Das Bild ist inszeniert, wie alle von Breunings Fotografien: Sie sind alle frontal aufgenommen und zeigen grosse Hingabe zu Details, Requisiten und Kostümen. Und sie balancieren zwischen Ironie und Witz. Breuning macht sich mit leisem Humor über die Menschen lustig, ohne sie zu verurteilen: Menschen posieren in albernen Dinosaurierkostümen, stecken zuhauf in Müllsäcken oder sind angemalt wie Kraftwerkstürme: mit rot-weisser Warnfarbe. Selbst, wenn ihnen die Natur entgegenruft: «Why can you not be nice with nature? What is wrong with you?» kann man den Menschen kaum böse sein, schliesslich gibt sich die Natur selbst menschlich: In Complaining Forest (2010) und Still Complaining Forest (2024) ächzt, schnauft und flucht sie in bester Comic-Manier.

Zeichnung versus KI-generiertes Video

Die Fotografie ist seit Olaf Breunings Studium an der Schule für Gestaltung in Zürich eng verknüpft mit einem zweiten Medium: «Als ich während des Studiums Fotografien konzipierte, habe ich zeichnend die Position der Menschen und Requisiten skizziert.» Parallel zu diesen Entwürfen entwickelte sich die Zeichnung für ihn als eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel. So reiste Breuning mit Zeichenstift und Schiff über den Atlantischen Ozean und versammelte die entstanden Blätter 2006 im Buch Mary II. Zehn Jahre später folgte der Band Drawings mit 200 Zeichnungen. Nun – wieder zehn Jahre später – hängt eine Serie von sechzig Zeichnungen in dichter Folge im ersten Saal der Schaffhauser Ausstellung: Sie zeigen den Menschen als scheiterndes Wesen, seine Misserfolge, aber auch den Willen weiterzumachen, zu helfen, wo es hoffnungslos ist, und nach Krisen wiederaufzustehen – oder wie es an anderer Stelle heisst: «What should I do, I am simply a human». Die Motive sind kaum mehr als handtellergross und mit sicherem Strich aufs Papier gebracht. Breuning schwärmt von der Einfachheit des Zeichnens: «Für mich ist es das Simpelste: Mein Kopf, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schreiber, Papier – und schon kann ich loslegen.»
Für den Einsatz von sogenannter Künstlicher Intelligenz sind ungleich mehr Ressourcen notwendig. Nicht nur deshalb schlagen ihrer Nutzung in der Kunst einige Vorbehalte entgegen, stellen sich doch zusätzlich Fragen der Urheberschaft und des kreativen Wertes. Aber aufhalten lässt sich die Technik nicht, oder wie es Breuning formuliert: «KI wird die Welt überrollen.» Der Künstler zeigt in Schaffhausen erstmals mehrere Werke auf der Basis von KI. Eines davon ist die Rauminstallation Simple Human (2026): In einer Höhle hantiert ein urzeitliches Alter Ego des Künstlers mit allerlei Geräten und singt seine Ratlosigkeit über das Menschsein in die Kamera. Die Höhle selbst ist als wandfüllende Projektion zu sehen, der singende Künstler auf einem Smartphone an einem Stecken mitten im Raum. Der hölzerne Stab wiederum steckt in einem Stein. Mit dieser Montage bekommt das Video eine physische Präsenz, die computergenerierten Arbeiten sonst fehlt: «Das Arbeiten mit KI war supercool, aber für herkömmliche Videodrehs betreibe ich viel mehr Aufwand und bin als Künstler viel stärker involviert. Dort steckt schon im Produktionsprozess viel mehr Geschichte. Die Erinnerung daran fühlt sich intensiver, dichter an.»

Die Menschheitsgeschichte als blaues Seil

Auch in den acht Kurzvideos AI Characters (2026) nimmt Breuning jeweils eine andere Identität an und tritt als Astronaut, Segler, Druide, Arzt oder Teenage Popstar auf. Diesen Wechsel zwischen verschiedenen Identitäten hat KI sehr vereinfacht: «Ich habe es genossen, kein Make-up mehr auftragen und keine Requisiten organisieren zu müssen, um etwas anderes darzustellen.» Gleichzeitig stellt der Künstler klar, dass KI vor allem ein Instrument ist: «Die KI ist wie ein Schweizer Taschenmesser mit 100´000 Klingen. Ich war überrascht, wie viel sie übernimmt und wie gut sie obendrein aussieht. Aber ich verwende KI nicht um der KI willen, sondern weil es meinem Konzept dienlich ist.» Für Breuning liegt der Vergleich zwischen KI und der Zeichnung nahe: «Beiden gehen eine Idee und ein Konzept voran. Beides muss zu meiner künstlerischen Sprache passen. Ich werde KI nicht losgelöst verwenden. Am Ende des Tages muss es ein Olaf Breuning sein.»
Damit bleibt der Wiederkennungswert der Breuningschen Arbeiten hoch. Das gilt aber nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich. Die roten Fäden ziehen sich unverwechselbar durch sein Schaffen. So gibt es 25 Jahre nach der Ausstellung Apes als Manor-Kunstpreisträger in Schaffhausen ein Wiedersehen mit Menschenaffen, zumindest mit einem Exemplar: Auf einem Marmorsockel hockt ein Bronzeaffe und hält das goldene Ende eines dreihundert Meter langen, blauen Seils fest. – In der Freilichtausstellung Art Môtiers ist aktuell ein Pendant des Affen mit rotem Seil zu sehen. – Hier wie dort steht das Seil steht für die viereinhalb Milliarden Jahre der Erdgeschichte. Die vergoldeten zwanzig Millimeter symbolisieren die Zeit des Menschen auf diesem Planeten. Schaut sie der Affe kritisch, ratlos oder zufrieden an? Breuning lässt das bewusst offen: «Ich bin kein missionarischer Künstler. Ich schaue in die Welt und mache mir Gedanken, aber ich habe nicht das Bedürfnis, die Menschen zu überzeugen.» Mit seinem vorurteilsfreien Zugang und seinem Humor entwickelt Breuning Kunst, die beides kann: entlarven und unterhalten, die Schwachstellen in den Blick nehmen, ohne die Menschen blosszustellen.

Olaf Breuning: Humans
Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, bis 29.9.
allerheiligen.ch

Manifesta 16

Deindustrialisierung und Säkularisierung als Treiber von Transformation

Den Landeskirchen laufen die Mitglieder davon. Euphemistischer ausgedrückt: Die Bedeutung der Kirchen wandelt sich, aber ihre Bauten sind nach wie vor architektonische Schwergewichte in Stadtzentren und Quartieren. Folglich wird nach angemessenen, alternativen Nutzungen für sie gesucht. Diesem und einem anderen grossen Strukturwandel, der seit Jahrzehnten eine ganze Region prägt, widmet sich die Manifesta 16: Die europäische Wanderbiennale feiert ihr dreissigjähriges Jubiläum im Ruhrgebiet in zwölf Kirchenbauten in Essen, Duisburg, Gelsenkirchen und Bochum. Sie wurden alle in der Nachkriegszeit neu- oder wiederaufgebaut und dienen nun als Veranstaltungslokal, Kulturort, Treffpunkt, Teestube. Die Kunst ist darin nicht Beiwerk, sondern motiviert den neuen Blick auf die ehemals sakralen Räume. Unsentimental geht sie mit dem materiellen Erbe um, in Essen zum Beispiel mit den Kirchenbänken: Nasan Tur liess Wünsche und Fragen in die Bänke schnitzen und stellt sie hochkant in den monumentalen Kirchenraum von St.Gertrud. Jarosław Kozłowski schichtet St.Mariens Möbel sorgfältig zu einem Haufen: Sie sind ausrangiert und doch präsent. In der Markuskirche baut Augustas Serapinas aus den alten Bänken einen Turm, der dem Publikum die sonst verborgene Empore enthüllt und es näher an eine Soundinstallation von Lilli Lake bringt.
Auch umgenutzte Industrieareale gibt es viele im Ruhrgebiet, aber diejenigen, die dort arbeiteten, werden selten gewürdigt. Die Manifesta geht da einen anderen Weg. So stellen Pınar Öğrenci und Wilhelm Sasnal in St.Anna in Bochum die Bergleute in den Mittelpunkt zweier Videoarbeiten: Die Berliner Künstlerin zeigt in Glück auf in Deutschland (2024) Menschen, deren Lebensläufe von so beschönigend benannten Vorgängen wie Personalbereinigung, Humankapitalabbau oder Restleistungsvermögen geprägt waren. Sasnal filmte für Centrum (2004) die Bergleute der polnischen Stadt Bytom: Die Arbeit ist schwer, die Atmosphäre bedrückend.
In der Thomaskirche in Gelsenkirchen stehen die Frauen im Vordergrund. Textiles Handwerk pflegen sie nicht nur als zweckdienliche Praxis, sondern auch zum persönlichen Ausdruck und Austausch. Zu sehen sind unter anderem Werke der Textildesignerin Atiye Altül, Strickarbeiten von Fatma Ceylan und Fotografien von Asimina Paradissa. Solche thematischen Schwerpunkte setzt die Ausstellung in mehreren Kirchen. In St. Anna in Gelsenkirchen beispielsweise zeigt sich, wie Musik Heimat bieten oder nicht gesellschaftskonforme Codes transportieren kann. Ebenfalls in Gelsenkirchen, in St. Bonifatius, einem Backsteinbau auf wabenförmigem Grundriss, sind malerische Positionen von migrantischen Künstlerinnen und Künstlern versammelt, die in Deutschland zuerst in der Industrieproduktion arbeiteten, dann Kunst studierten und zur Figuration fanden.
Drei Tage lassen sich gut investieren für diese sorgfältig kuratierte, aber geografisch weit ausgebreitete Schau. Wer weniger Zeit hat, sollte sie sich trotzdem nicht entgehen lassen – fast jede der zwölf Stationen wartet mit bedenkenswerten Transformationsansätzen auf.

Das ist keine Kirche
Manifesta 16 Ruhr
Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, bis 4.10.
www.manifesta16.org

Tubes, Pipelines, Cords – Rebetez´ schafft Verbindungen


Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.

Die Silbertiere sind gelandet. Wie sind sie angekommen? Federn und Flügeln haben sie nicht. Auch keine Beine, keine Arme. Ihr langer, glatter Leib geht nahezu ansatzlos in den Kopf über – wie bei einer Schlange. Oder hat dieser Kopf einen Vogelschnabel? Öffnet er sich eher wie das Maul eines Aals? Merkwürdige Mischwesen schlängeln sich auf dem Boden der Kunsthalle Arbon, richten sich halb auf, nehmen fast den gesamten Raum ein. Sind sie zu viert? Sind es fünf, die sich verknäuelt haben? Eine unergründliche Stimmung breitet sich in der Ausstellung von Augustin Rebetez aus. Auch der Sound trägt dazu bei: Bei einem seiner Arbeitsaufenthalte in Bangladesch hat der Künstler eine befreundete Sängerin um Lieder ihrer Heimat gebeten. Nun tönt Rims Stimme aus zwei Boxen. Die Texte werden für die wenigsten verständlich sein. Macht aber nichts, denn eindringlich sind die alten und fremdländischen Melodien trotzdem. Sie sind getragen von Inhalten, die sich universell mitteilen, wie Rebetez ausführt: «Eines der Hauptthemen ist die romantische Liebe.»

Verbindungen als Prinzip

Auch die silberfarbenen Wesen lassen sich in diesem Sinne verstehen, befinden sie sich doch in einem dichten Miteinander. Der 1986 in Delémont geborene Künstler verzichtet darauf, mit dieser Installation bestimmte Tierarten oder Monster nachzubilden, sondern bezieht sich auf grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens: «In meiner Arbeit geht es mir um die Idee von Beziehungen, um Sehnsüchte und um universelle Gefühle.
Beziehungen brauchen Verbindungen – solche sind in Rebetez´ Werken überall zu finden. So zeigt er in Arbon eine kleine Grafik dreier Köpfe: Nabelschnüren oder Kabeln gleich führen Leitungen von einem zum anderen. Oder sind es Schläuche, Rohre? Biologische Hohlkörper wie Röhren und Adern? Eine Definition der Motive braucht es nicht, was zählt ist der Kontakt der Körper. Selbst die Nähe silbrigen Tiere zueinander lässt sich auf diese Weise lesen. Ihre Leiber – auch sie gleichen Leitungen – sind luftgefüllt. Ihre metallisch schimmernde Haut steht in einem starken Kontrast zu den rauen Oberflächen der Halle, zu dem aufgerissenen Asphaltboden, dem alten Anstrich der Stützen und Dachträger, den blinden Oblichtern.

Schwellenloser Zugang

Mit solchen «Inflatables» arbeitet Augustin Rebetez zum ersten Mal und schwärmt von den Produktionsbedingungen in Arbon: «Der Ausstellungsbeitrag ermöglichte mir diese grosse Installation. Zudem bietet die Halle viel Platz und einen engen Bezug zwischen Innen- und Aussenraum.» Hier gibt es kein Portal, keine Freitreppe, kein Foyer. Oft sind die Hallentore einladend weit geöffnet und geben den Ankommenden lange vor dem Eintritt den Blick auf die Installation frei. Nicht einmal eine Dämmung schottet die Halle vom Aussenraum ab, deshalb ist sind die Temperaturen innen die gleichen wie draussen. Die flirrende Sommerhitze passt zum Thema der Ausstellung «My Heart Is Full of You»: zur Nähe der Körper, zum Überschwang der Gefühle, zur Innigkeit der Gedanken oder wie es Rebetez in einer Serie von Druckgrafiken formuliert mit Sätzen wie «Hold Me Tight» oder «Skin Against Skin Again».
Augustin Rebetez hat für Arbon eine symbiotische Installation entworfen. Wer mehr von seinen dichten Bildwelten sehen möchte, sollte unbedingt die Maison Totale besuchen. Dort, in Bôle im Kanton Neuenburg, wohnt und arbeitet der Künstler. Hier verzahnen sich seine Werke miteinander und mit Haus und Garten. Jeweils von Juni bis September veranstaltet der Künstler vor Ort ein Festival mit Gastausstellungen, Konzerten und Performances.

Augustin Rebetez – «My Heart Is Full Of You»: bis Sonntag, 4. Oktober, Kunsthalle Arbon. 
kunsthallearbon.ch 
augustinrebetez.com

Caline Aoun – The Threshold of Impermanence

Aluminium schmilzt bei 660°, Kupfer bei über 1000°, Zink bei 419°. Diese Metalle zusammen zu giessen, erfordert Experimentierfreude, Geschick und eine gewisse Unverfrorenheit. Caline Aoun setzt nicht aufs Bewährte, sondern denkt die Dinge neu. Die 1982 in Beirut geborene und seit 2014 wieder dort lebende Künstlerin kennt die physikalischen Gesetzmässigkeiten; und sie probiert, riskiert, reizt deren Grenzen aus. So verbindet sie die Metalle zu langen Barren, denen die Hitze des Schmelzprozesses und die wirkenden Kräfte anzusehen sind. Die Colliding Forces (2026) gehören zu den statischen Werken der Ausstellung. Ein anderer Schwerpunkt liegt auf dynamischen Installationen. Beispielsweise kühlt Caline Aoun mit Aggregaten grosse Metallplatten und -rohre. Dadurch schlägt sich das Wasser aus der Raumluft an der Oberfläche nieder, gefriert, taut auf, tropft zu Boden. Befinden sich viele Menschen in der Ausstellung, steigt die Luftfeuchtigkeit und die Prozesse intensivieren sich. Aoun thematisiert hochaktuelle, ökologische Aspekte, zugleich weisen ihre Objekte Referenzen auf zur ungegenständlichen Malerei oder zur Arte Povera. Die Einzelausstellung ist die zweite, die sowohl im Kunstmuseum als auch in der Kunsthalle Appenzell zu sehen ist. In beiden Häusern präsentiert die Künstlerin Zustände, Momente der Veränderung und das Scheitern, wenn sie etwa Drucker zwingt, ihre Arbeit auch bei leeren Patronen fortzusetzen – Aoun bringt Materialien und Maschinen ans Limit.

Appenzell
Kunstmuseum und Kunsthalle, bis 25.10
kunstmuseum-kunsthalle.ch

Saiten Sommertipp: Blau hinauf bis ins All

Die Wegwarte besiedelt Grenzen. Sie wächst an Strassenrändern und Böschungen, an Waldsaum und Feldrain. In Heerbrugg spriesst sie nun schon zum zweiten Mal. Im ehemaligen SBB-Stellwerk steht der Name der hübschen, blaublühenden Pflanze für künstlerische und musikalische Sommerexperimente. In diesem Jahr hat der Verein Wegwarte das Kollektiv U5 und die Künstlerin Monika Stalder eingeladen. Zu Dritt werden sie an der Auflösung der Grenzen arbeiten. Mit ihrer multimedialen Installation erweitern sie den Raum bis ins Weltall hinein. Sie verwirbeln Astronomie, Astrologie, Textiles und Intuitives. Wer die bisherigen Arbeiten der Künstlerinnen kennt, weiss, es wird wunderbar schräg und schön. Und wer sie noch nicht kennt, darf sich auf eine wichtige Neuentdeckung freuen.
Die Kunst wird von einem dichten Musikprogramm aus der Region begleitet. Wegwarte 002 nimmt damit Anlauf, sich zu einer festen Grösse in der Kulturlandschaft des Rheintals zu etablieren.

www.wegwarte.space

Saiten Sommertipp: Vergrämen und Verführen

«Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.» reimte Wilhelm Busch und nahm vorweg, was heute ein gängiger Mechanismus ist: An öffentlichen Plätzen wird Klassik abgespielt, um Menschen den Aufenthalt zu verleiden – Passieren erlaubt, Bleiben unerwünscht. Cyprien Gaillard widmet solchen und anderen Abwehrstrategien einen 35mm-Film, koproduziert von der Mailänder Fondazione Prada und dem Kunsthaus Bregenz. Dort zeigt er ihn jetzt in einer Einzelausstellung. In deren Zentrum stellt der Franzose die Legende vom Rattenfänger zu Hameln und thematisiert damit Verführung und Verfall, Macht und Manipulation. Er lässt eine riesige, aufblasbare Figur zu den Klängen des Killasan Soundsystems tanzen; er installiert hinter der Glasfassade des Kunsthauses eine Schuttrutsche; er präsentiert sehr persönliche Polaroids von den Rändern und Brennpunkten der Städte. Allerdings muss für diese engagierte Schau das Empfangsteam ins Untergeschoss abtauchen: Allen Platz der Kunst!

www.kunsthaus-bregenz.at

Saiten Sommertipp: Rauschen aus schönen Geräten

Längst hat das Video den Radiostar gekillt. Längst haben Radiowecker ausgedient. Podcasts verdrängen das lineare Radio. Programmdramaturgien weichen der Individualisierung. Und dann auch noch UKW: Die Abschaltung war längst beschlossen, SRF hat sie vollzogen und trotzdem hält sich die Ultrakurzwelle – auch dank eines Nationalratsenscheides. Das Kollektiv Blablabor liefert dazu den passenden künstlerischen Kommentar in der Kunsthalle Arbon und verbindet 150 Radiogeräte, zwei UKW-Sender und Richtstrahlantennen zu einer eindrucksvollen, sehens- und hörenswerten Installation. Allein die alten Transistorradios mit ihren sorgfältig gestalteten Senderskalen, den durchdacht angeordneten Bedienelementen, den schönen Oberflächen werden so manchen einen nostalgischen Seufzer entlocken. Allerdings werden solche Laute untergehen im pulsierenden Rauschen und Knistern der Installation «Guerilla Radio». Blablabor liefert damit ein atmosphärisches Plädoyer für mediale Vielfalt und Unabhängigkeit. KS

www.kunsthallearbon.ch

Saiten Sommertipp: Flugzeuge als Kunstrohstoff

Die Schweiz fliegt. Immer mehr nach nah und fern, als gäbe es keine Gletscherschmelze in den Alpen, keine Tropennächte im Mittelland und keinen Pollenflug im Februar. Umdenken beim Reiseverhalten ist unbequem. Wer es dennoch schafft aufs Fliegen zu verzichten, sich aber die Faszination für die Luftfahrt erhalten hat, kann sie im Kunstraum Dornbirn auskosten. Hier zeigt Michail Pirgelis seine erste institutionelle Einzelausstellung in Österreich. Seit über zwei Jahrzehnten arbeitet der Künstler mit ausrangierten Passagierflugzeugen. Dabei ist die Technik allerdings weniger ein Thema als die Kunst. Pirgelis löst Wandsegmente oder Böden von ihrer ursprünglichen Funktion. Er bearbeitet sie und transformiert sie in abstrakte Plastiken im kunsthistorischen Sinne der Readymades. Lackierungen und Witterungsspuren sind selbstverständlicher Teil dieser Objekte. So transportieren sie zwar keine Fluggäste mehr, aber nach wie vor die Aura des Reisens in Wolken und Weite.

www.kunstraumdornbirn.at

Saiten Sommertipp: Oper mit grosser Kelle angerichtet

Mann liebt Frau, aber heimlich. Ehemann sieht sich betrogen. Freunde ermordet Freund. Ehre gerettet. Matrose wird reich. Wahrsagerin hat immer recht. Giuseppe Verdis «Un ballo in maschera» bietet alles, was zu einer Oper gehört: Liebe, Intrigen und Verrat, Drama und grosse Musik. Damit kann das Stück eingefleischte Opernfans genauso begeistern wie es tauglichen Stoff für Opernneulinge bietet. Aber die Werdenberger Schlossfestspiele setzen nicht einfach aufs Bewährte, sondern wagen sich an eine Neuinterpretation des Klassikers. Die vierzigste Produktion in der Festspielgeschichte setzt sich mit Identität, gesellschaftlichen Rollen und Maskeraden auseinander und transferiert die Oper schwungvoll ins Rheintal. So wird beispielsweise der Gouverneur von Boston zum Grafen von Werdenberg.
Mehr als 200 Mitwirkende von beiden Seiten des Rheins sorgen für grosse musikalische und szenische Momente vor der einzigartigen Kulisse von Schloss und Städtchen.

www.schlossfestspiele.ch

Saiten Sommertipp: Ein Stück Karibik am Bodensee

Piratenkönigin, Mörderin, Freiheitskämpferin, Pionierin der Emanzipation? Anne Bonny ist eine faszinierende historische Figur. Gemeinsam mit Mary Read segelte sie im 18. Jahrhundert kapernd und plündernd durch die Karibik. Waren die zwei Frauen ein Liebespaar? Vieles bleibt im Ungewissen, bietet aber umso mehr Stoff für einen schwungvollen Theaterabend. Das See-Burgtheater in Kreuzlingen inszeniert mit «Die Legende von Anne Bonny» das richtige Stück am richtigen Ort. Das Ensemble erzählt den Weg der Irin von einer folgsamen Ehefrau zur Rebellin. Es verbindet Live-Musik, Schauspiel, Kampfgetümmel und Akrobatik zu einem actiongeladenen, humorvollen Abend. Damit wird der Bodensee zum Atlantik und die Bühne zum Schiffswrack mit einem zehn Meter hohen Mast mit Ausguck und Takelage. Sogar ein Affe spielt mit und wird das rasante Treiben kommentieren. Und falls das Wetter nicht ganz so südseemässig ausfällt: Die Publikumstribüne ist überdacht. Ahoi!

www.see-burgtheater.ch