Ulrike Kristin Schmidt

Gesammelte Texte

Erdmensch und Wasserkreisläufe

Bald dreissig Jahre sind vergangen seit Fabrice Hyber parallel in der Kunst Halle Sankt Gallen und im Kunsthaus Glarus ausstellte. Nun ist der international tätige Künstler endlich wieder in zwei Schweizer Häusern zu Gast: Das Kunstmuseum Thurgau und das Kunstmuseum Thun widmen ihm eine sehenswerte Doppelschau.

Von Paris, London, Shanghai, Tokyo ins thurgauische Warth – vierzehn Figuren sind weit herumgekommen und sie haben Geschwister in der ganzen Welt. Jetzt stehen sie in der ehemaligen Rossschwemme der Kartause Ittingen und fallen auf, obwohl sie keinen Meter hoch sind. Das liegt an ihrer Farbe – künstliches Giftgrün ist selten in den idyllischen Nutz- und Blumengärten des ehemaligen Klosters – und an mit ihren kleinen Fontänen: Unablässig spritzt den Figuren Wasser aus Augen, Ohren, Brüsten und anderen Körperöffnungen vorn und hinten. Was wie eine humorvolle Geste wirkt, ist deutlich mehr als das. Der französische Künstler Fabrice Hyber (*1961) versteht seine Installation als Botschafter des Wassers und damit als Symbol für den Quell des Lebens und die Kreisläufe der Natur. Diese Themen sind zentral in seiner Arbeit. Und sie sind für ihn mehr als blosse Theorien, sondern eng verbunden mit seiner Biografie und seinem Engagement «La Vallée»: Vor über dreissig Jahren, ungefähr zu der Zeit, als die erste der kleinen, grünen Figuren entstand, erwarb der international tätige Künstler das Land, auf dem seine Eltern und Grosseltern als Pächter Schafe und Pferde gezüchtet hatten.

Ein Stück Land als Lebensprojekt

Seither ist das Areal in der Vendée sein Lebensprojekt – er kümmert sich um Pflanzen und Tiere, sät Baume, pflegt die Gärten. Auch seine Ateliers hat er dort und weitere Arbeits- und Wohnräume für Gäste aus Kunst und Wissenschaft. So ist es wenig verwunderlich, dass sich Hyber in der Kartause Ittingen schnell wohl fühlte. Auch hier wird am selben Ort gearbeitet, gewohnt und der Natur Sorge getragen, auch hier sind eindrückliche Räume der Kunst gewidmet – vom Keller bis zur Zelle, von der Wiese bis zum Kreuzgang. In letzterem zeigt Fabrice Hyber seine Installation «Valse Hysterique». Sie besteht aus kostümierten Schaufensterpuppen, die bisher immer im Kreis aufgestellt waren. Im Kunstmuseum Thurgau bilden sie jedoch eine Prozession und beziehen die Geschichte der Kartause mit ein: An der Spitze der Reihe steht der Heilige Laurentius aus den Beständen des Ittinger Museums. Von Märtyrer inspiriert, zeigt Fabrice Hyber die Wandlungsfähigkeit des Menschen. Die Figuren sind verkleidet als Mönch, Schwamm, Harlekin oder Braut, sie tragen Zwangsjacke oder Tentakel, sie sind Stehaufmännchen oder aufblasbar.

Der Künstler als Schwamm

Viele dieser Verkleidungen sind sehr persönlich motiviert. Beispielsweise beschreibt sich Hyber als Künstler, der wie ein Schwamm Ideen und Anregungen aufnimmt. Einige der Verkleidungen können selbst anprobiert werden. Dies ist neu und gilt nur für das Kunstmuseum Thurgau. Auch ein grossformatiges Gemälde ist eigens für die Ausstellung «Homme de Terre» entstanden. Hyber hat es erst kurz vor dem Transport vollendet. Es zeigt den künstlerischen Kosmos des Franzosen: Mit wässriger Farbe malt er den Menschen in unterschiedlicher Gestalt, er lässt ihn mutieren von der Zelle zum Pilz zum Skelett bis er zuletzt wieder in die Natur eingeht. Pflanzen und Wasser sind ebenfalls zentrale Motive in diesem Gemälde wie auch in anderen Werken von Fabrice Hyber. Wer sich ein vollständigeres Bild seines Schaffens machen möchte, sollte eine Reise nach Thun planen. Parallel zur Präsentation im Kunstmuseum Thurgau zeigt der Künstler die Schau «L´Artiste Agriculteur» im Kunstmuseum Thun. Beide Institutionen haben für diese Doppelausstellung zusammengespannt und einen gemeinsamen Katalog publiziert.

Koo Jeong A

Luft, Duft, Energieströme, Kraftfelder – Koo Jeong A (*1967) widmet sich Phänomenen, die schwer zu fassen, flüchtig oder unsichtbar sind. Wichtig sind sie dennoch. Sie durchdringen Räume, prägen Erinnerungen und halten die Welt zusammen. Sie in eine künstlerische Form zu bringen, ist eine Herausforderung, die Koo Jeong A mit feinem Sinn und präziser Ausarbeitung bewältigt. So einte Koo anlässlich der Biennale Venedig 2024 die politisch zweigeteilte koreanische Halbinsel durch Gerüche von Stadt und Land, von hüben und drüben.
Jetzt lädt Koo Jeong A im Kunsthaus Bregenz ins Land of Ouss [Gravitta] – der Titel spielt auf einen undefinierten Zustand oder Ort an. Ein solcher ist das Foyer als Dienstleistungs- und Durchgangszone. Koo platziert hier eine schwungvolle Kurve, abgeleitet von den Skatebahnen wie eine aktuell im Haus der Kunst München installiert ist. Dank photolumineszierender Farbe leuchten sie im Dunkeln. Für diesen Effekt wird in Bregenz alle Viertelstunde kurz das Licht ausgeschaltet, dann erhellt ein sanftgrünes Schimmern den Raum. Im ersten Obergeschoss umströmt ein Hauch von Zirbelholz drei Möbiusbänder. Max Bill – fasziniert von diesen unendlichen Schleifen – haute sie in Stein; bei Koo Jeong A sind sie aus Holz und fügen sich mit dem Duft zu einem poetischen Kommentar über Zirkularität. Das Stockwerk darüber ist magnetischen Feldern gewidmet, allerdings bleiben die hier wirkenden Kraftfelder ein Gedankenspiel angesichts der massiven Hilfskonstruktionen. Eine Videoinstallation beschliesst die Ausstellung – hier findet Koo Jeong A wieder zum Thema der ewigen Kreisläufe und zur Leichtigkeit zurück.


Kunsthaus Bregenz, bis 25.5.
www.kunsthaus-bregenz.at
Haus der Kunst München, bis 31.5.
www.hausderkunst.de

einnisten

Tauben polarisieren. Zwar haben Hochzeits- und Brieftauben viele Fans, zugleich werden Haltung und Einsatz kritisch beurteilt. Die ungleich präsenteren Stadttauben sorgen naturgemäss für eine noch grössere Kontroverse, wie mit ihrer Population zu verfahren sei. Die Stadt Winterthur hat sich entschieden, ihnen Taubenschläge anzubieten, um die Bestände zu regeln. Einer davon ist unter dem Dach der oxyd – Kunsträume. Diese Nähe von Tier und Mensch im dichtbesiedelten Lebensraum bietet einen hervorragenden Steilpass für ein Ausstellungsprojekt, ist doch der Diskurs des more-than-human und die Abkehr vom anthropozentrischen Blick längst in der Kunst angekommen. Jonathan Steiger beispielsweise zeigt die Bedürfnisse der Tiere ebenso wie ihre Fähigkeiten, indem er Nestmaterialien von Tieren behutsam zu Bildern zusammensetzt. Und er platziert 131 Gipseier zufällig im Ausstellungsraum – exakt jene Zahl Eier wurde den Tauben unter dem Dach im vergangenen Jahr weggenommen. Maxi Ehrenzeller malt seit dem Lockdown Tauben; ruhend, eng nebeneinander liegend und gestapelt – verletzlich und stoisch zugleich. Miriam Rutherford und Joke Schmidt dokumentieren filmisch und fotografisch, was an einer Wildtierpassage passiert, oder eben nicht passiert, denn auch das scheue Tier ist Teil des Ökosystems. Von Mireille Gros sind Gemälde aus ihrem The Fictional Plant Biodiversity Project zu sehen: Die Künstlerin setzt fiktive Pflanzen dem Untergang der Artenvielfalt entgegen. Ihre Arbeit ist Appell und Utopie zugleich, und erinnert daran, dass auch Pflanzen zum more-than-human-Konzept gehören.
oxyd – Kunsträume, Winterthur, bis 12.4.
oxydart.ch

Margaretha Dubach

Was für eine Fülle! Federn, Blätter, Phiolen, Figürchen, Schlüssel, Perlen, Dominosteine, Knochen; Fundstücke aus Stoff, Glas, Pflanzenfasern, auch Grösseres wie Bücher, Flaschen oder Wurzeln – keine Aufzählung wird je vollständig sein. Sie erfasst immer nur einen Bruchteil des Kosmos von Margaretha Dubach (*1938). Die Künstlerin schöpft aus dem unendlichen Reservoir der Brockenhäuser, der marchés aux puces und der Natur. Sie findet Dinge und erkennt deren Potential, eine Geschichte zu erzählen. Sie fügt Objekte zu Assemblagen, überschreibt, ergänzt und deutet um. Auf diese Weise haben sich über Jahrzehnte hin Schauräume, -lager und das Atelier der Künstlerin in Zürich gefüllt. Das Kunst(Zeug)Haus Rapperswil präsentiert jetzt einen kuratierten Einblick in dieses umfassende Oeuvre. Es wäre ein Leichtes gewesen, mit der Material- und Fabulierlust Dubachs den Ausstellungssaal in eine überbordende Wunderkammer zu verwandeln. Doch die Präsentation widersteht dieser Versuchung und setzt stattdessen auf Übersicht und eine gut überlegte Auswahl – wie es der ersten Einzelausstellung der Künstlerin in einem Schweizer Museum gebührt. Werkgruppen wie die Bücher, die Masken, Talismane oder Collagen bilden formale und inhaltliche Inseln in der Ausstellung. Verbindende Elemente sind die häufig auftauchenden Augenpaare, die Patina der Dinge oder die Anspielungen auf Heiligengestalten aller Religionen: Dubachs Welten sind surreal, magisch und in jedem Falle einzigartig.


Kunst(Zeug)Haus Rapperswil, bis 10.5.
kunstzeughaus.ch

Muttersprache, Elternsprache, globale Sprache

Die Trogener Künstlerin Hapiradi Wild erhielt vor zwei Jahren das Atelierstipendium der Ausserrhodischen Kulturstiftung für ihre Untersuchungen zur Muttersprache. Jetzt präsentierte sie in Trogen ihre Rechercheergebnisse, die von persönlicher Geschichte geprägt sind und dennoch gesellschaftlicher Bedeutung entfalten.

Ist Rorschach weit genug entfernt vom Appenzellerland? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Stiftungsrat der Ausserrhodischen Kulturstiftung, als sich Hapiradi Wild 2024 um ein Atelierstipendium bewarb. Seit 2012 schreibt die Stiftung Beiträge aus für Auslandaufenthalte von Kultur- und Kunstschaffenden aller Sparten. Sie können im Rahmen des Artist in Residence-Programms für eine begrenzte Zeit an einem frei gewählten Ort arbeiten und sich weiterentwickeln. Diese Art der Förderung war damals neu und hob sich ab von den üblichen Atelieraufenthalten, bei denen der Ort feststeht und sich die künstlerischen Vorhaben anpassen müssen. Seither konnten viele wegweisende, inspirierende Projekten in ganz Europa und auf anderen Kontinenten umgesetzt werden. Aber nicht immer muss es eine Destination sein wie Helsinki, Chandigarh oder London, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und fruchtbaren Boden für künstlerische Arbeiten zu finden.

Was ist Muttersprache?

Das zeigt Hapiradi Wilds Forschungsprojekt. Die Trogener Künstlerin stellte es vergangenen Freitag im 5 Eck Keller in der Kantonsbibliothek Trogen vor. Eingeladen hatte «Das kleine Amt». Gegründet wurde es von Hapiradi Wild vor fünfzehn Jahren. Seither sorgt es im öffentlichen Raum und in Kulturorten für kleine Interventionen und Irritationen im wohlgeordneten Alltag. «Das kleine Amt» zeigt, dass alles auch ganz anders sein könnte, als es ist, und dass es sich lohnt, vermeintlich Selbstverständliches nicht einfach hinzunehmen. Das gilt auch für das Artist in Residence-Projekt. An dessen Anfang stellte Hapiradi Wild die Frage: Was ist Muttersprache? Die Antwort darauf scheint auf der Hand zu liegen und ist doch sehr komplex. Zumindest im Fall von Hapiradi Wild. Die Künstlerin wurde 1974 in Ecuador geboren als sechstes Kind einer thailändischen Mutter und eines Auslandsschweizers. Daheim wurde spanisch gesprochen mit thailändischen und englischen Einsprengseln. Wie besonders ihre Sprache war, fiel der kleinen Hapiradi erst im Kontakt mit ecuadorianischen Kindern auf, die sich ausschliesslich in Spanisch ausdrückten.

Eine autobiografische Reise

Dann der grosse Umzug: 1981 kam Chandarambai Wild-Balachandra mit vier Kindern nach Urnäsch – zwei der Schwestern waren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Der Vater blieb in Ecuador. Im Appenzellerland sah Hapiradi Wild den ersten Schnee und lernte eine neue Sprache: Deutsch. Spanisch blieb die Familiensprache. Thailändisch hingegen hat sie nie gelernt. Erst später entdeckte die Künstlerin, dass ihre Mutter in dieser Sprache mehrere Bücher veröffentlicht hatte.
Diese Bücher präsentierte sie nun in verschiedenen Ausgaben im Kulturkeller der Kantonsbibliothek in Trogen. Bis auf den letzten Platz war der Raum besetzt. Das Publikum liess sich mitnehmen auf eine Erkundungstour zur Muttersprache. Immer wieder hatte der Abend stark autobiografische Züge, war aber zugleich jederzeit offen für den Blick auf das grosse Ganze. Dafür sorgten auch die zahlreichen Fragen. Beispielsweise: Welche Rolle spielen Mütter, Frauen oder allgemeiner die Eltern beim Spracherwerb ihrer Kinder? Wie prägt die Sprache den inneren Monolog? Welchen normierenden Einfluss hatte der Buchdruck auf die Sprache?

Rechte statt Gesetze

Für mögliche Antworten hat die Künstlerin viele Quellen studiert, hat sich mit Philosophie und Sprachwissenschaft befasst, hat die sogenannte künstliche Intelligenz befragt und sich selbst. Dabei hat sie den Mut bewiesen, den Faden zu verlieren und sich von Neuem unbefangen heranzutasten an das Wesen der Muttersprache. Denn auch das gehört zu Kommunikation: sich zu verheddern, zu verhaspeln, die Worte wiederzufinden. Hapiradi Wild beweist, welche Kraft das Gesagte hat und wie es Emotionen nicht nur ausdrücken, sondern auch verändern kann. Im Laufe des Abends stellt sie Behauptungen auf und leitet Forderungen ab. Kein Thema ist ihr zu gross, um nicht aufgegriffen zu werden: Die Muttersprache als globale Sprache gehört ebenso dazu wie die Abschaffung der Nationalsprachen, der Respekt für Unterschiede ebenso wie die Ächtung der Kriege, denn sie zerstören auch Muttersprachen. Hapiradi Wild artikuliert ihre Forderungen kraftvoll und selbstbewusst. Aber sie zeigt auch, dass die Kunst offen bleibt für unterschiedliche Ideen und Haltungen.

Aber warum nun Rorschach? Hier hatte Chandarambai Wild-Balachandra ihre erste Stelle in der Schweiz als Putzfrau in einem Hafenlokal. Hier, wo viele Menschen eine andere Muttersprache als Deutsch haben, hat Hapiradi Wild einen Atelierraum bezogen, um die Sprache zu erkunden – nicht nur ihre eigene, sondern die aller Menschen. Und es gibt noch viel zu tun – «Das Kleine Amt» wird weiterforschen.

Die Kunst befreit den Löwen von der Kette

Valentin Magaro und Werner Angst haben für den Kunstverein Frauenfeld gemeinsam eine passgenaue Ausstellung entwickelt. Im Zentrum ihres künstlerischen Dialoges steht das vieldeutige Frauenfelder Wappen: das Fräuli mit dem Leuli.

Da mag er sich noch so aufbäumen und die Krallen spreizen, der Löwe, er ist gefangen. Er bleckt die Zähne, reckt die Zunge und bleibt doch an der Kette. Gehalten von einer Frau. Ihr Haar trägt sie lang und offen; das Kleid verhüllt ihr üppiges Dekolletee nur dürftig. Keck lässt sie einen Spitzenschuh unter dem roten Kleid hervorschauen. Diese selbstbewusste Bürgerin ziert das Wappen der Stadt Frauenfeld. Die Konstellation – gebändigter Löwe und anmutige Schöne – hat schon zu mancher Spekulation verleitet. In diese Deutungsversuche mischen sich Werner Angst und Valentin Magaro nicht ein. Die beiden Künstler finden ihren eigenen, unabhängigen Zugang zu der Frauengestalt und ihrem «Leuli» und zeigen die Ergebnisse ihrer künstlerischen Recherchen jetzt im Kunstverein Frauenfeld. Die Doppelausstellung ist so passgenau entwickelt und so ausgewogen inszeniert, dass es überrascht, dass beide Künstler einander zuvor nicht gekannt haben.

Zwei Künstler auf Augenhöhe

Erst durch die Einladung des Kunstvereins sind Magaro und Angst aufeinander aufmerksam geworden. Die Sympathie war sofort da und damit der Entschluss, nicht einfach parallel zu zeigen, was in den vergangenen Jahren entstanden ist, sondern gezielt ein gemeinsames Thema für neue Werke zu suchen. So stiessen sie auf das Frauenfelder Wappen und sein ungewöhnliches Sujet. Nahtlos hat es sich ins Schaffen von Valentin Magaro eingefügt, denn seit langem durchziehen erotische Sujets seine Arbeiten. Er zeigt die Frau und den Löwen in zwei Dutzend Variationen von der Dressurnummer bis zur sexuell aufgeladenen Szene. Die Bilder sind kraftvoll – auch in ihrer Farbigkeit und ihren Konturen. Demgegenüber sind Werner Angsts Drahtobjekte zart und zurückhaltend. Auf Augenhöhe mit den Werken Magaros sind sie dennoch. Das liegt zum einen an ihrem Witz und ihrer Dynamik: Werner Angst gestaltet kleine bewegliche Objekte aus Draht, jedes angetrieben von einem Elektromotor. Da sitzen beispielsweise neun rotgewandete Gestalten mit vollen Lippen und Haartolle nebeneinander, wippen mit den Beinen und lassen ihre Brüste rotieren. Oder eine Hühnerschar wackelt unermüdlich in Reih und Glied auf einem Laufband im Kreis.

Die Linie zwei- und dreidimensional

Zudem gibt es einen formalen Aspekt, an dem die Arbeiten beider Künstler sich treffen: Bei beiden hat die Linie ein starkes Gewicht. Die feinen Drahtgebilde von Angst sind Zeichnungen im Raum. Sie sind dreidimensional und doch als lineare Kompositionen zu erkennen. In Magaros Werk ist die Zeichnung einerseits als Entwurfsskizze unentbehrlich. Andererseits hat sie eine eigenständige Qualität. Der Winterthurer konstruiert dichte Bildräume mit präzise gesetzten Linien. Oft greift er zum Lineal, fügt streng gesetzte Parallelen zu Schraffuren, variiert Strichstärke und Dynamik. So komponiert er komplexe Motive, die gleich den Wimmelbildern aus Kinderbüchern einen starken Sog entwickeln.

Das Dampfschiff «Frauenfeld»

Immer wieder neue Details sind zu entdecken, eins führt zum nächsten wie in dem grossformatigen Bild «unsere kleine stadt». Motive aus der Kulturgeschichte, dem Alltag, durchsetzt mit Erotik und Magie verbinden sich hier zu prägnanten Aussagen über aktuelle Lebenswelten und Infrastrukturen. Auch Werner Angst zeigt eine kleine Stadt. Er sie aus gebrauchten Blechdosen zusammengefügt. Die eingebaute Mechanik lässt die Szenerie im Verlaufe der Ausstellung langsam in einem Holzklotz versinken – und mit ihr den Miniaturdampfer «Frauenfeld». Er ist das zweite Leitmotiv der Ausstellung, stand ein gleichnamiges Modell doch eines Tages vor dem Atelier von Magaro. Auch er hat Referenzen an das Schiff in seine Arbeiten eingeflochten. So wird der Rundgang durch die Kabinette des Kunstvereins Frauenfeld einmal mehr zu einer Entdeckungsreise durch zwei künstlerische Erzählungen, die aufs Beste zusammenfinden.

Von der Traumfabrik zur Fliegerstaffel – die Konstruktion der Bilder

Die Welt wird konstruiert durch Bilder. Sie gehören zum Spektakel, sie verführen und blenden. Jack Goldstein hat dies zum Forschungsthema seiner Kunst gemacht: Wie funktionieren die Mechanismen der Manipulation? Warum akzeptieren wir, was wir vorgesetzt bekommen? Das Kunstmuseum Wintethur zeigt im Stadthaus wie der gebürtige Kanadier Bildmaterial verfremdete und re-inszenierte.

Fotografische Bilder sind omnipräsent, jederzeit und überall verfügbar, können künstlich erzeugt oder manipuliert werden. In vielen Fällen bilden sie nicht die Wirklichkeit ab. Das gilt für die Gegenwart und ist doch kein neues Phänomen. Inszenierte, retuschierte und gefälschte Fotografien sind ungefähr so alt wie das Medium Fotografie selbst. Allerdings hatte damals nicht fast jeder Mensch eine Kamera in der Tasche. Der Einfluss von Smartphone und Digitalisierung auf die Bildwelten und ihre Verbreitung ist immens. Und trotzdem hat auch diese technische Revolution ihre Vorläufer: In den 1970er Jahren wurden das Fernsehen, die Videotechnik, die Polaroidkameras und Illustrierte zu Massenmedien. Sie beeinflussten die öffentliche Rezeption von Ereignissen, Persönlichkeiten und den gesellschaftlichen Alltag. Das interessierte auch die Kunstwelt. Schon die Pop Art hatte sich in den 1960er Jahren die omnipräsenten Bilder angeeignet. Von dort war es ein kleiner Schritt zur Pictures Generation. Diese Bewegung nannte sich nicht selbst so, sondern wird seit 2009 anlässlich einer gleichnamigen Ausstellung unter diesem Begriff zusammen gefasst: The Pictures Generation, 1974–1984 fand im Metropolitan Museum of Art statt und zeigte Werke einer losen Gruppierung. Gemeinsam war ihr die Ablehnung der Moderne und sie wuchs als erste Generation mit den damals neuen Massenmedien auf. Sie arbeitete mit allem, was diese Medien motivisch und technisch hergaben. Einer ihrer Vertreter war Jack Goldstein (1945–2003). Ihm widmet das Kunstmuseum Winterthur im Stadthaus eine Einzelausstellung auf zwei Etagen.

Starke Bilder

Das ist eine clevere Entscheidung, denn damit sind in den noch geöffneten Räumen, des ansonsten geschlossenen Hauses trotzdem starke Bilder zu sehen – obwohl die Sammlung derzeit ausgelagert ist, weil der Altbau und der Erweiterungsbau des Architekturbüros Gigon/Guyer erneuert werden. Statt der klassischen Moderne nun also Vulkanausbrüche, Polarlichter, Funkenregen vor dem Nachthimmel, Düsenjets und Fliegerstaffeln – die Gemälde Jack Goldstein zeigen die Ästhetik besonderer Momente. Und sie zeigen sie in einer besonderen Handschrift, die genau das nicht sein wollte: eine Handschrift. Goldstein wollte den Pinselstrich ausmerzen, wollte die Bildfläche nicht berühren. Er und sein Werkstattteam arbeiteten mit Schablonen und Airbrush. Die Farben – teilweise in feinsten Abstufungen aufgetragen – wurden vorher angemischt. Nichts sollte das perfekte Finish der Bilder stören, kein Pinseltupfer, kein Farbtropfen. Damit distanzierte sich Goldstein vom Bild. Es ging ihm nicht darum, als Maler der Welt noch weitere Bilder hinzuzufügen, sondern diejenigen, die es gab, und mit ihnen die gesamte Bildwelt zu dekonstruieren. Goldstein verwendete vorhandene Motive, transformiert deren Farben, kombinierte sie neu oder fügt ihnen einen Randstreifen mit geometrischen Ornamenten zu, der das Motiv entlarvt: Es zeigt nicht die Realität, es ist ein Bild, das wir uns machen. Goldstein setzte bewusst auf Sujets, die umstritten waren. Wenn er sich auf Leni Riefenstahls Ästhetik bezieht, auf militärische Propagandabilder, tut er dies nicht, um sie zu verherrlichen, sondern um zu zeigen, wie die Manipulation der Massen funktioniert. Das traf nicht überall auf Verständnis. Doch die Winterthurer Ausstellung hilft, Goldsteins künstlerischen Impetus einzuordnen.

Filme statt Videos

Zu sehen ist beispielsweise eine Auswahl seiner Super-16-Filme: Der gebürtige Kanadier arbeitete mit dieser Technik als andere längst auf VHS setzten. Er mietete sich eigens in Hollywoodstudios ein, um dort zu drehen. Seine Motivation: Er wollte auch damit die konstruierten Bilder zeigen. Die sogenannte Traumfabrik war dafür der perfekte Ort und der Film, bei dem die Einzelbilder in Sekundenschnelle durch das Abspielgerät laufen, war die perfekte Technik dafür. Eines der kurzen Videos sticht dabei besonders ins Auge: Goldstein lässt den Vorspann der Metro Goldwyn Mayer-Produktionen in der Endlosschleife laufen. Wieder und wieder brüllt der weltbekannte Löwe, das Markenzeichen der Firma. Umgeben ist er von einem geschwungenen Band mit der Aufschrift «Ars gratia artis». Mit «Kunst um der Kunst willen» lässt sich dieses Motto übersetzen. Was ist da schon echt? Muss es echt sein? Oder wird genau das Gegenteil erwartet? Jack Goldstein hat vor fünfzig Jahren Fragen gestellt, die heute mindestens so aktuell sind wie damals. Und er hat sie nicht auf Bilder und Filme beschränkt, sondern auch Tonaufnahmen auf Schallplatten verarbeitet, die in Winterthur in digitalen Hörstationen zu erleben sind. Die Ausstellung versammelt damit Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Sie vereinen Arbeiten aus den Beständen des Kunstmuseum Winterthur mit wichtigen Leihgaben beispielsweise aus dem derzeit ebenfalls wegen Erneuerung geschlossenen MAMCO in Genf. Entstanden ist aus dieser Kooperation eine sehens- und hörenswerte Ausstellung.

Schleifen, Kurven und Magnete – das Kunsthaus Bregenz zeigt Koo Jeong A

Koo Jeong A lädt im Kunsthaus Bregenz ins «Land of Ousss (Gravitta)». Diese Wortschöpfung steht für einen undefinierten Zustand oder Ort. Aber die Ausstellung bietet durchaus sehr konkrete Bezüge an.

Skateboarding ist seit 2020 eine olympische Disziplin. Den Weg in die Kunst hat dieser Sport bereits deutlich früher gefunden. Künstlerinnen und Künstler haben Rollbretter gestaltet, widmen der Skaterszene seit Jahrzehnten fotografische Werke, integrieren sie in Performances, gestalten Skateparks mit Rampen, Bowls, Volcanos und Rails. Koo Jeong A ist eine von ihnen. In Liverpool, Arles, Mailand, München und anderen Städten beglückte sie die Skaterszene mit aufsehenerregenden Anlagen im Stadtraum und in Museen. Das Besondere daran: Die 1967 in Südkorea geborene Künstlerin verwendet photolumineszierende Farbe, die Sonnenlicht absorbiert und im Dunkeln sanft leuchtet. Damit löst sie die Grenzen des Physischen auf. Die harten Kanten der Installationen verschwimmen – wer in diesen Parks skatet, scheint über dem Boden zu schweben.

Schwungvolle Kurve

Einen Eindruck davon vermittelt die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Bregenz. Einen Skatepark hat Koo Jeong A hier zwar nicht gebaut, aber immerhin ein Fragment davon: Schwungvoll legt sich eine Kurve ins Erdgeschoss des Gebäudes. Sie holt weit aus, hat ein leicht gedrehtes Profil und – wenn jeweils nach einer Viertelstunde kurz das Licht gelöscht wird – erhellt mit grünlichem Schimmer den Raum. Allerdings wird, wer eigens mit dem Rollbrett ins Kunsthaus Bregenz kommt, enttäuscht sein – hier ist kein Skateerlebnis möglich. Diese Kurve darf nicht befahren werden. Sie versteht sich als rein repräsentative Geste. Aber der Verzicht auf Funktionalität bringt umso deutlicher zum Ausdruck, worum es Koo Jeong A geht: Ihre Objekte verstehen sich nicht in erster Linie als Sportstätte. Sie sind Skulptur und Mathematik. Sie kombinieren Linie und Fläche, basieren auf Kreisberechnungen und Quadraturen. Damit ist ihnen ein gedanklicher Raum eingeschrieben, der viel grösser ist als das realisierte Objekt: Die Kurve ist zu sehen und lädt ein, darüber hinaus zu denken.

Ein Duft von Holz

Koo Jeong A will das Unsichtbare zeigen und das nicht Greifbare fassen. Lichtwellen, Energie, Spannungen, Kräfte, Geruch sind Bestandteil ihrer Werke. So entwickelte sie für den Koreanischen Pavillon der Biennale in Venedig 2024 eigens ein Parfüm. Im Kunsthaus Bregenz lässt sie nun Zirbenholzduft durchs erste Obergeschoss strömen. So zart, so flüchtig, dass er sich kaum manifestiert. Kommt er aus den Bodenfugen oder Lüftungsschlitzen? Oder stammt er von den drei Holzobjekten am Boden? Es sind Endlosschleifen wie sie bereits Max Bill aus Stein und Metall formte, auch bekannt als Möbiusbänder. Sie besitzen nur eine Kante und eine Fläche, haben keinen Anfang und kein Ende und sind doch dreidimensional. Hier kommen sie in der Gestalt eines schmalen, weiss lasierten Bandes, als ebenmässiger Reif und als scharfkantiger, ringförmiger Körper daher. Das Kreisen der Möbiusschleifen ist unendlich und wird von Koo Jeong A in handwerklicher Präzision präsentiert – im passenden Dialog mit Peter Zumthors architektonischer Perfektion.

Auf Abstand bleiben!

Im zweiten Obergeschoss hat die Physik ihren grossen Auftritt: Hier sind Magnete zu Säulen, Flächen oder Stäben arrangiert. Eindringlich warnen Hinweisschilder davor, ihnen nicht zu nahe zu kommen, denn das könnte sich auf Mobiltelefone und Herzschrittmacher auswirken. Ohne diese Hinweise wären die magnetischen Elemente kaum mehr als beliebige, anthrazitfarbene Objekte. Erst die Texte rücken die Kraftfelder ins Bewusstsein – das Unsichtbare erhält Präsenz.
Im dritten Obergeschoss setzt sich der Minimalismus von Koo Jeong A filmisch fort: Eine Videoprojektion zeigt eine Gestalt vor einer leuchtenden Scheibe sitzend: Ist es die Sonne? Geht sie auf oder unter? Langsam wird das Motiv herangezoomt und entfernt sich wieder. Sachte bewegen sich die Haare der Figur. Mehr passiert nicht. Die Zeit steht still und fliesst doch. Koo Jeong A gelingt das Unmögliche.

Künstlerische Forschungsarbeit und Bauschutt als Brunnenskulptur

Oben anspruchsvolle Kopfarbeit, unten sinnliches Eintauchen in eine dystopische Landschaft: Der Kunstraum Kreuzlingen schafft mit zwei Ausstellungen im Erd- und im Kellergeschoss einen Spagat, der so zum letzten Mal möglich ist, denn bald wird umgebaut.

Lassen Sie Ihr Telefon für eine Runde in der Garage. Eine freundliche Aufforderung steht am Anfang der Gruppenausstellung «Mineralwasser and psychic Narrations». Philipp Schwalb stellt dafür aus gebrauchtem Karton ein kleines Gehäuse fürs Mobiltelefon bereit. Das Gerät dort zu deponieren, empfiehlt sich tatsächlich, sonst wäre die Versuchung gross, jeden Namen, jeden Ort zu googeln, der in dieser Schau auftaucht. Denn alle drei Ausstellenden – Philipp Schwalb selbst und die von ihm eingeladenen Yannic Joray und Charlotte Houette – recherchieren viel und präsentieren ein dichtes, aber nicht leicht zu erschliessendes Wissensnetzwerk.

Okkultismus in alten Gemäuern

Yannic Joray beispielsweise: Der in Bern geborene Zürcher Künstler legt auf einem langen Sockel Manuskriptseiten aus. Darin geht es um John Hammond Jr., einen wohlhabenden, amerikanischen Erfinder und Anhänger von okkulten Praktiken. Ihm gehörte ein Schloss in Massachusetts. In den 1950er Jahren wurden dort verschiedene telepathische Experimente durchgeführt, unter anderem mit dem damals bekannten Medium Eileen Garrett. Noch lässt sich das Buch nur ausschnittweise im Kunstraum lesen, denn es ist bisher nicht publiziert. Auch die Forschungsergebnisse von Charlotte Houette sind noch nicht als Buch erschienen. Die französische Künstlerin bietet einen sehr unmittelbaren Einblick in ihre Arbeit: Auf einem Tisch liegen kopierte Briefe, Fotografien, Urkunden, gebundene Materialsammlungen zum grossen Thema der Science Fiction-Literatur.

Rätselhafte Raumentwürfe

Dokumente zu sammeln, sich mit anderen Interessierten auszutauschen und Publikationsformate zu entwickeln ist der eine Teil der künstlerischen Arbeit von Houette, der andere sind ihre Gemälde. Darin konstruiert sie geheimnisvolle Räume, indem sie Punkte per Schablone perspektivisch anordnet, Ebenen übereinanderlegt und Öffnungen ausschneidet. Auch Philipp Schwalb zeigt Gemälde in der Ausstellung. Das Besondere daran: Wer die kleinen Formate mit kobaltblauen Motiven umdreht, entdeckt auf der Rückseite zahlreiche Notizen. Sie verweisen auf andere Künstler, andere Werke, enthalten persönliche Codes und verbergen sehr viel mehr als sie offenbaren. Der Wissenskosmos von Schwalb ist schwer zugänglich, nur wenig lässt sich enträtseln, aber auch das kann in der Welt omnipräsenter Suchmaschinen und künstlicher Intelligenz seinen Reiz entfalten. Selbst der Saalzettel hilft nicht weiter, liest er sich doch eher wie eine Regieanweisung als wie ein Erläuterungstext. Ganz anders bei der Ausstellung im Untergeschoss des Kunstraumes: Hier liefern Sophie Ballmer und Tarik Hayward – gemeinsam unterwegs als Künstlerduo Idle Hands – eine ausführliche Beschreibung zu ihrer Ausstellung und beziehen sich darin auf Brunnen als Wasserspender, Gestaltungselement und Metapher.

Balanceakt auf dem Karussell

Die gezeigten Objekte kommen jedoch ohne Wasseranschluss aus: In drei grossen Becken sind alte Fenster, ausgediente Radiatoren und Emailbecken zu fragilen Türmen gestapelt. Gefüllt sind die Becken mit gebrauchtem Motoröl. Wo Brunnen Wasser sprudeln, ruht hier tiefes Schwarz. Darin spiegeln sich Videobilder. Vier Monitore zeigen Jugendliche auf einem horizontal drehenden Karussell. Sie versuchen stehenzubleiben, straucheln, suchen erneut Halt, schwanken wieder. Idle Hands finden treffende Bilder für das Lebensgefühl junger Menschen: Der Leichtigkeit steht ölige Schwere gegenüber. Die Stagnation kontrastiert mit Unsicherheit. Die Installation hat im düsteren Zwielicht des Kellers ihren perfekten Ort gefunden. Leider dient er zum letzten Mal als Ausstellungsort, denn bald wird das Kulturzentrum in Kreuzlingen umgebaut und der Kunstraum erhält neue Räume.

Eins nach dem anderen – der Titel von Sam Porritts (*1979) erster institutioneller Einzelausstellung in der Schweiz deutet eine Reihenfolge an: One Thing After Another (Drawings 2005–2025). Aber seine Schau in der Kunst Halle Sankt Gallen mit Zeichnungen zwei Jahrzehnten liefert weit mehr als eine chronologische Ordnung. Die Blätter sind zu einer grossen Installation verbunden: Eine auf halber Wandhöhe montierte hölzerne Zierleiste sorgt als räumliches Element für Verbindung und Trennung. Unterhalb dieser spielerisch gesetzten Linie hängen gerahmte Einzelwerke, darüber sind ungerahmte Blätter dicht platziert. Das Auge springt wieder und wieder über die gedrechselte Leiste hinweg und entdeckt Verwandtschaften in Form, Komposition und Strich. Manches fügt sich zu kleinen Serien, anderes ist zu grossen Konvoluten angewachsen wie die die schwungvoll zu Papier gebrachten Charakterköpfe oder die farbigen Muster und verschlungenen Ornamente. Porritt probiert aus, zeichnet schnell mit Tusche und Pinsel, arbeitet langsam mit Wachsmalkreiden, variiert, erfindet. Täglich, unermüdlich lässt der in Zürich lebende Künstler Blatt auf Blatt folgen und blickt zugleich voller Ironie auf seine Praxis: In Duty of Care (2020) wischt ein kleiner Schwenkarm mit einem Radiergummi unaufhaltsam eine Zeichnung nach der anderen vom Tisch: Der Stapel wird kleiner, aber die Zeichnungen verschwinden nicht, sie segeln zu Boden und breiten sich dort aus – sie sind überall. Kristin Schmidt

Sam Porritt, One Thing After Another
Kunst Halle Sankt Gallen, bis 15.2.2026
k9000.ch