Erdmensch und Wasserkreisläufe
Bald dreissig Jahre sind vergangen seit Fabrice Hyber parallel in der Kunst Halle Sankt Gallen und im Kunsthaus Glarus ausstellte. Nun ist der international tätige Künstler endlich wieder in zwei Schweizer Häusern zu Gast: Das Kunstmuseum Thurgau und das Kunstmuseum Thun widmen ihm eine sehenswerte Doppelschau.
Von Paris, London, Shanghai, Tokyo ins thurgauische Warth – vierzehn Figuren sind weit herumgekommen und sie haben Geschwister in der ganzen Welt. Jetzt stehen sie in der ehemaligen Rossschwemme der Kartause Ittingen und fallen auf, obwohl sie keinen Meter hoch sind. Das liegt an ihrer Farbe – künstliches Giftgrün ist selten in den idyllischen Nutz- und Blumengärten des ehemaligen Klosters – und an mit ihren kleinen Fontänen: Unablässig spritzt den Figuren Wasser aus Augen, Ohren, Brüsten und anderen Körperöffnungen vorn und hinten. Was wie eine humorvolle Geste wirkt, ist deutlich mehr als das. Der französische Künstler Fabrice Hyber (*1961) versteht seine Installation als Botschafter des Wassers und damit als Symbol für den Quell des Lebens und die Kreisläufe der Natur. Diese Themen sind zentral in seiner Arbeit. Und sie sind für ihn mehr als blosse Theorien, sondern eng verbunden mit seiner Biografie und seinem Engagement «La Vallée»: Vor über dreissig Jahren, ungefähr zu der Zeit, als die erste der kleinen, grünen Figuren entstand, erwarb der international tätige Künstler das Land, auf dem seine Eltern und Grosseltern als Pächter Schafe und Pferde gezüchtet hatten.
Ein Stück Land als Lebensprojekt
Seither ist das Areal in der Vendée sein Lebensprojekt – er kümmert sich um Pflanzen und Tiere, sät Baume, pflegt die Gärten. Auch seine Ateliers hat er dort und weitere Arbeits- und Wohnräume für Gäste aus Kunst und Wissenschaft. So ist es wenig verwunderlich, dass sich Hyber in der Kartause Ittingen schnell wohl fühlte. Auch hier wird am selben Ort gearbeitet, gewohnt und der Natur Sorge getragen, auch hier sind eindrückliche Räume der Kunst gewidmet – vom Keller bis zur Zelle, von der Wiese bis zum Kreuzgang. In letzterem zeigt Fabrice Hyber seine Installation «Valse Hysterique». Sie besteht aus kostümierten Schaufensterpuppen, die bisher immer im Kreis aufgestellt waren. Im Kunstmuseum Thurgau bilden sie jedoch eine Prozession und beziehen die Geschichte der Kartause mit ein: An der Spitze der Reihe steht der Heilige Laurentius aus den Beständen des Ittinger Museums. Von Märtyrer inspiriert, zeigt Fabrice Hyber die Wandlungsfähigkeit des Menschen. Die Figuren sind verkleidet als Mönch, Schwamm, Harlekin oder Braut, sie tragen Zwangsjacke oder Tentakel, sie sind Stehaufmännchen oder aufblasbar.
Der Künstler als Schwamm
Viele dieser Verkleidungen sind sehr persönlich motiviert. Beispielsweise beschreibt sich Hyber als Künstler, der wie ein Schwamm Ideen und Anregungen aufnimmt. Einige der Verkleidungen können selbst anprobiert werden. Dies ist neu und gilt nur für das Kunstmuseum Thurgau. Auch ein grossformatiges Gemälde ist eigens für die Ausstellung «Homme de Terre» entstanden. Hyber hat es erst kurz vor dem Transport vollendet. Es zeigt den künstlerischen Kosmos des Franzosen: Mit wässriger Farbe malt er den Menschen in unterschiedlicher Gestalt, er lässt ihn mutieren von der Zelle zum Pilz zum Skelett bis er zuletzt wieder in die Natur eingeht. Pflanzen und Wasser sind ebenfalls zentrale Motive in diesem Gemälde wie auch in anderen Werken von Fabrice Hyber. Wer sich ein vollständigeres Bild seines Schaffens machen möchte, sollte eine Reise nach Thun planen. Parallel zur Präsentation im Kunstmuseum Thurgau zeigt der Künstler die Schau «L´Artiste Agriculteur» im Kunstmuseum Thun. Beide Institutionen haben für diese Doppelausstellung zusammengespannt und einen gemeinsamen Katalog publiziert.