Ulrike Kristin Schmidt

Kunst unter freiem Himmel und im Block

Übervolle Vernissagen, gut besuchte Künstlergespräche, Andrang an Pressekonferenzen, ausgebuchte Führungen – Ausstellungen erleben derzeit ein grosses Interesse. Liegt das wirklich an der Kunst? Stiftet sie Sinn in diesen unvergesslichen Zeiten – wie sie das Kunsthaus Bregenz zum Ausstellungsmotto erkoren hat? Oder ist es einfach die Lust auf Unterhaltung vor Ort nach wochenlanger, erzwungener Abstinenz und bei einem immer noch stark eingeschränkten Angebot? Liegen die Publikumszahlen einfach an der Sehnsucht, einander wieder ausserhalb von Bildschirmen zu sehen? Die Museen und Ausstellungshäuser jedenfalls sind seit Mai wieder auf der Kulturagenda. Sie haben ihre Ausstellungen verlängert oder eröffneten das Haus mit neuen.

Wen es jedoch im Sommer nach draussen zieht und wer dies mit Kunsterlebnissen verbinden möchte, wird ebenfalls fündig. Sehenswerte Open Air-Ausstellungen gibt es beispielsweise im Bergell und im Safiental. In den beiden Tälern haben sich unterschiedliche Formate etabliert, die doch auch Gemeinsamkeiten haben. So ist bei beiden die Frage nicht ganz abwegig, ob diese grossartige Landschaft die Kunst überhaupt braucht oder ob nicht andersherum einfach die Kunst von der Landschaft profitiert. Vor Ort zeigt sich schnell, was die Kunst kann. Künstlerinnen und Künstler schauen anders hin. Sie ermöglichen andere Blicke auf die Landschaft, auf ihre durch menschliches Zutun geprägte Gestalt oder auf Details in der Natur.

Zuweilen führt die Kunst auch an Orte, die ohne sie nicht zugänglich wären. Dank Roman Signer kann beispielsweise anlässlich der Biennale Bregalia der alte Wehrturm der Festungsanlage Castelmur oberhalb von Promontogno erstiegen werden. Zu früheren Zeiten gab es hier einfach eine Leiter, die hochgezogen wurde, wenn sich Fremde näherten. Jetzt führt eine Treppe nach oben und auf der Brüstung stehend können die Wehranlage mit Kirche, Villa und die Zollstation in Augenschein genommen werden. Die Hauptrolle jedoch spielt ein Blecheimer – Roman Signer arbeitet einmal mehr mit Natur und Elementen. Nach «Arte Hotel Bregaglia» (2010–2013) und «Arte Albigna» (2017) nimmt der St.Galler Künstler zum dritten Mal an den Kunstereignissen von Progetti d’Arte im Bergell teil. Zum ersten Mal dabei ist Asi Föcker. Die gebürtige Luzernerin lebt seit einiger Zeit in der Ostschweiz und ist hier inzwischen bekannt für ihre präzisen Arbeiten mit Licht, Reflexionen, Bewegung und Schatten. Eine mehrwöchige Installation im Freien zu realisieren, war für Föcker jedoch durchaus eine Herausforderung. Ihre Arbeit mit einer Spiegelwand wirft Reflexionen auf einen Felsvorsprung, die nur bei Sonnenschein zu sehen sind und mit dem Sonnenlicht wandern.

Zehn weitere Künstlerinnen und Künstler aus allen vier Sprachregionen der Schweiz werden ihre Arbeiten im Bergell zeigen. Eine besondere Position unter ihnen nimmt Patrick Rohner ein, denn sein Beitrag «Die Natur kennt keine Katastrophen» wird die Biennale Bregaglia mit der Art Safiental verbinden. Im Safiental ist es die dritte Ausstellung im Zweijahresrhythmus. Das Motto ist diesmal «Analog – Digital». Das Digitale wird hier unter freiem Himmel jedoch keine Oberhand bekommen, es geht nicht zurück an die Monitore und Videokonferenzen. Aber einige Werke erschliessen sich beispielsweise erst durch eine heruntergeladene Tonspur, eine App oder den bereitgestellten Virtual Reality-Helm. Andere überführen die digitalen Welten ins Analoge. So wird das jüngst mit dem Bündner Kunstpreis ausgezeichnete Duo frölicher/bietenhader eine typische Bildstörung in der realen Welt nachbauen: Plötzlich bekommt das Auge einen Landschaftsauschnitt nur noch verpixelt zu sehen. Das provoziert Auge und Hirn, die Blicke noch aufmerksamer schweifen zu lassen, und so entdecken sie vielleicht auch Spuren vergangener Ausstellungen, wie etwa das 2018 in den Fels gezeichnete Motherboard, das nach und nach im Steinbruch verschwindet.

Als Grundprinzip der Ausstellungen in den Alpentälern jedoch gilt: Die Kunst ist nur zu Gast. Alles wird wieder abgebaut. Eines jedoch wird im Safiental schon zum dritten Mal wieder aufgebaut: Die «Bergkanzel» von Com & Com taucht diesmal auf dem auf dem alten Säumerpfad beim Glaspass auf und wird wieder neue Aussichten bieten.

Das dritte Mal: Nicht nur die Art Safiental ist bei dieser besonderen Zahl angekommen, sondern auch der Geile Block. Ja sogar seine Urheberin Laila Bock. Hinter der Kunstfigur stehen diesmal Anita Zimmermann, Jordan Theodoridis und Werner Widmer. Die drei haben in Arbon einen Block im X-Large-Format aufgetan. Entsprechend gross ist auch die Zahl der Beteiligten: 48 Künstlerinnen und Künstler machen mit und alle zeigen eine Einzelausstellung, denn der Bau auf dem ehemaligen Industrieareal bietet genug Räume, genug Platz. Und er darf verändert werden. Das Duo steffenschöni beispielsweise wird den Boden auffräsen und als riesige Druckplatte verwenden. Die St. Gallerin Beatrice Dörig wird eine Endlosschleife auf den Boden zeichnen. Auch Alex Hanimann verwendet den Bau als Anregung und holt das Gebäude ins Gebäude, wieder andere nutzen ihren Raum als Showroom für Bestehendes. Mit dieser Vielfalt und den dicht gesetzten Veranstaltungen hat sich der Geile Block längst unentbehrlich gemacht in der Ostschweizer Ausstellungslandschaft.

Auf Konstanz setzt auch der Kulturort Weiertal. Mit den spektakulären Kulissen des Bergell und des Safientales kann er nicht mithalten, aber er bietet anderes: Die Szenerie ist idyllisch, der Garten eine Oase unweit von Winterthur. Hier präsentiert sich die Kunst zwischen Hochstämmern, Gartenweiher, Lauben und Bächlein. Die diesjährige Ausstellung reiht sich nicht in die Biennalereihe ein – die findet im Weiertal immer in den ungeraden Jahren statt – sondern gehört zum Galerieprogramm. Das Motto «Alles im grünen Bereich?» ist gemünzt auf die Natur und ihre Gefährdung, die auch hier im bienenumsummten Gartenparadies näher rückt. Es ist ohnehin durch und durch vom Menschen geprägt. Dessen Umgang mit der Natur und die gravierenden Folgen haben sich den letzten Monaten sehr deutlich gezeigt. Und es passt perfekt, dass sich das Projekt «Froh Ussicht» in diesem Jahr den Hindernissen, Ängsten und Chancen einer gemeinsamen Zukunft von Menschen und Tieren widmet. Der Bauernhof in der Nähe des Zürichsees ist seit 2008 regelmässig Schauplatz für künstlerische Projekte. Sie entstehen für den Landwirtschaftsbetrieb vor Ort und beziehen von hier aus Position zu Fragen von weitaus grösserem Horizont. Der Titel der diesjährigen Ausstellung «Wir werden uns womöglich verwandeln» deutet es an: Neue Geschöpfe zu erschaffen ist eine alte Sehnsucht, aber die technologischen und medizinischen Fortschritte ermöglichen es heute, Körper nach Belieben zu verändern, die Gene zu manipulieren und an Möglichkeiten zu denken, die noch vor nicht allzu langer Zeit utopisch erschienen. Wenn solche Fragen auf einem Biobauernhof und in Anwesenheit von 1´300 Hühnern verhandelt werden, haben Kunst und Leben definitiv zusammengefunden. Und keine Sorge: Gummistiefel stehen in allen Grössen zur Verfügung.

Landluft und Alpenpanorama, Bergkanzel, Bodenseeblock und Gartenidylle – die Kunst lässt sich ausserhalb der Zentren feiern. Bleibt in den Städten nur das übliche Programm der etablierten Häuser? Mitnichten. In St.Gallen gibt es Hochkarätiges nicht nur in den üblichen Kunstorten. Kuratorin Nadia Veronese besetzt Schaufenster in der Innenstadt mit aktuellen Werken von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern. Sie arbeiteten in den vergangenen Monaten ebenso abgekapselt, wie die Ladenzeilen verwaist waren. Wenn nun die Geschäfte ihre wirksamste Werbefläche der Kunst abgeben, werden Grenzen überschritten: zwischen Kunstpublikum und Laufkundschaft, zwischen Kunstwelt und lokalem Gewerbe, zwischen Konzepten und Produkten. Die Schwelle ist niedrig, der Kunstkontakt unmittelbar, die Ausstellungsfläche von maximaler Präsenz – ein Gewinn für beide Seiten.

Mit Marker und Schere

Das Kunstmuseum St.Gallen zeigt die Stringenz und Vielfalt der Arbeit Geta Brătescus in einer sorgfältig kuratierten Schau, der ersten in der Schweiz. Die Rumänin blieb bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren künstlerisch experimentierfreudig mit Material und Form.

Präzision und Freiheit, Gleichmass und Zufall – Geta Brătescu (1926–2018) arbeitete mit Gegensätzen. Aber die Künstlerin tat dies auf eine Art und Weise, dass die Widersprüche nicht mehr als konträre Pole wirken. Sie fügen sich zu einer ästhetischen und inhaltlichen Einheit. Vielleicht liegt das daran, dass die Künstlerin selbst mit diesen Kontrasten gelebt hat. Ihr künstlerisches Werk entstand zu wesentlichen Teilen in Rumänien unter der Diktatur Ceaucescus. In dieser von Staatsdoktrin und Personenkult geprägten Welt gelang es Brătescu, unabhängig und progressiv im Denken und in ihrer Arbeit zu bleiben. So stellt ihr Werk das vollständige Gegenbild zum sogenannten sozialistischen Realismus dar.

Die Künstlerin wuchs in einem bürgerlichen Elternhaus auf. Dies sollte sich bald als Hindernis herausstellen: So konnte sich Brătescu zwar 1945 an der Kunsthochschule und an der Bukarester Fakultät für Literatur und Philosophie einschreiben, wird jedoch 1948 aufgrund ihrer Herkunft von der Kommunistischen Partei vom Hochschulstudium ausgeschlossen. Resigniert hat sie jedoch nicht, sondern ihr Werk konsequent ausgearbeitet und weiterentwickelt. Zehn Jahre später erhielt sie offiziell wieder die Möglichkeit zur künstlerischen Arbeit und war als Grafikerin tätig. Die Verwandtschaft beider Disziplinen spiegelt sich deutlich in ihrem Werk: Brătescu geht von einem eigens entworfenen Formenvokabular aus und dekliniert dessen gestalterisches Potential durch. Sie setzt Linie und Fläche, Fläche zu Fläche und Farbe zu Linie. Damit bringt sie Ordnung in die Welt. Jeder Strich ist das Ergebnis einer Entscheidung, einer bewusst getroffenen Auswahl aus einer unendlichen Varianz. In Serien wandern die Bildelemente spielerisch über den begrenzten Raum des Papiers. Sequenziell und kleinformatig – kaum postkartengross – sind diese Arbeiten. Das ist einerseits dem begrenzten Platz in ihrem Atelier geschuldet, und ist andererseits Ausdruck einer Haltung: Brătescu gewann Freiheit aus der Reduktion. Und sie war sich ihres Tuns sicher. Neben den Papierarbeiten, den Collagen und Zeichnungen selbst zeigen das auch die Videoaufnahmen der Künstlerin bei der Arbeit: Selbst in hohem Alter noch, mit steifer und faltiger gewordenen Händen zeichnet Brătescu mit einem mehr als fingerdicken Marker Linien aufs Papier: Schwarzer Balken im Weiss – genau da, wo ihn die Künstlerin setzt, gehört er hin.

Auf einmal alles anders

Das Kunsthaus Bregenz versteht sich in wörtlichem Sinne als Institution für die zeitgenössische Kunst. Spontan wurden die erzwungenen Verschiebungen im Ausstellungsprogramm genutzt und die brisante Gegenwart ins Haus geholt.

«Unvergessliche Zeit» – ein schöner Ausstellungstitel, ein poetischer Ausstellungstitel, einer, der bis vor wenigen Monaten wohl überwiegend positiv besetzt war: Wenn es gelingt, in schnelllebigen Zeiten unvergesslich zu bleiben, ist allein dies schon denkwürdig. Doch plötzlich sind die Zeiten überall und für alle unvergesslich. Das Kunsthaus Bregenz hat schnell reagiert und zeigt eine Ausstellung mit Arbeiten, die wiederum auf diese Zeit reagieren; bis auf eine Ausnahme: Markus Schinwald hat bereits in den 1990er Jahren Porträts aus der Biedermeierzeit überarbeitet und den Dargestellten zahnspangenähnliche Drahtgestelle verpasst – und Masken. Sie bedecken mal den Mund, mal das ganze Gesicht und sind individualisierte, integrale Bestandteile der Porträts geworden.

Ob Maske oder Zahnspange – der Mensch ist mit Hilfsmitteln unterwegs. Unwillkürlich erinnern sie an Freunds «Unbehagen in der Kultur», wo der Mensch geschildert ist als «recht grossartig, wenn er all seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.»

Während Schinwalds Arbeiten im obersten Stockwerk des Hauses zur einer fast schon klassischen, dichten Gemäldeausstellung komponiert sind, erhält Helen Cammock die gesamte darunterliegende Etage für eine einzelne Arbeit. Das passt, denn das Thema der Turnerpreisträgerin ist die Einsamkeit, die ebenso in Verlorenheit wie in produktives Innehalten kippen kann. Videoaufnahmen eines alten Hauses in einer Brachenlandschaft und sorgfältig ausgewählte Texte loten den Unterschied zwischen Müssiggang und schöpferischer Stille aus.

Die Befindlichkeit des künstlerischen Ich zieht sich als Thema durch viele Arbeiten, auch jene von Annette Messager oder von William Kentridges Centre for the Less Good Idea. Die Französin präsentiert ihre in dieser unvergesslichen Zeit entstandenen, anrührenden Aquarelle von Schädeln und Köpfen. Leider nimmt ihnen die eigenwillige Hängung als eine wandhohe, auf der Spitze stehende Dreiecksform viel von ihrer Eindringlichkeit.

Das um Altstar Kentridge formierte Kollektiv präsentiert in einminütigen Sequenzen, was noch möglich ist, wenn nur noch eigene Körper, eine Kamera oder Stifte und Papier zur Hand sind. Immer wieder sind die Künstlerinnen und Künstler ihr eigenes Sujet, sie zeigen Tanz-, Scherenschnitt- und Zeichensequenzen: Die Insolation führt zu neuen Formaten und holt auch zu Unrecht Vernachlässigtes ins Licht.

Sehnsuchtsort und Sorgenkind

Der Wald und die Alpen liefern eindrucksvolle Bilder. Auch in der Gegenwartskunst spielen sie eine gewichtige Rolle wie der Kunstraum Kreuzlingen am Beispiel von Moritz Hossli zeigt.

Je tiefer der Wald, desto grösser das Geheimnis. Wenn die Bäume dicht an dicht stehen, wenn das Blätterwerk kaum noch Sonnenlicht hindurchlässt ist, wenn die Wege immer schmaler werden und das Unterholz immer undurchdringlicher – dann scheint die Zivilisation fern und die Natur nah. Und nicht nur sie: Der tiefe Wald ist voller Mythen. Er birgt Sagengestalten, Irrlichter und Fabelwesen. Diese Vorstellung wirkte keinesfalls nur in früheren Jahrhunderten. Auch heute noch erzeugen Hexen im Horrorgenre den gewünschten Gruseleffekt.

All die romantischen, märchenhaften, schaurigen Geschichten trägt der Wald für immer mit sich. Auch Moritz Hossli entkommt ihnen nicht. Der Obwaldener Künstler, der auch in Luzern und Berlin zu Hause ist, hat den Wald gefilmt. Die Aufnahmen hat er verfremdet und mit Ton unterlegt. Das Ergebnis ist im Kunstraum Kreuzlingen als riesige 3D-Projektion zu sehen. Die Farben von Gestrüpp und Bäumen sind reduziert auf Blau und Grau, der Himmel hinter ihnen ist schwarz. Die Kamerafahrt geht unter den Ästen hindurch, um die Stämme herum, sie neigt sich mal zur einen mal zur anderen Seite. Dank der dreidimensionalen Effekte scheinen die Zweige und Blätter zum Greifen nah – und doch bleibt alles zweidimensional und auf die Projektionswand begrenzt, das Bild verlässt die Fläche nicht.

Hossli spielt mit der Technik und der Illusion. Auch der Ton trägt seinen Teil dazu bei. Das Rezept dafür ist altbekannt: Kaum grollt, knarzt und dröhnt es, kippt die Atmosphäre ins Bedrohliche. Säuselt es, erscheint die Szenerie näher an Dornröschens Rosenhecke als am Lebkuchenhaus und den verlorenen Kindern.

Der Künstler lotet den schmalen Grat zwischen Idylle und Unbehagen aus und fügt sich dabei in die lange Reihe derer, denen der Wald unerschöpfliche künstlerische und literarische Anregungen bot.

Auch die Eisfelder der Alpen waren Anlass mancher Bildschöpfungen. Allerdings sind Ehrfurcht und Faszination von einst heute der Sorge gewichen. So liess sich Hossli von dem Gelübde der Bewohnerinnen und Bewohner zweier Walliser Gemeinden inspirieren: Vor mehr als 300 Jahren begannen sie, mit päpstlicher Erlaubnis gegen das Wachstum des Aletschgletschers zu beten. Seit 2010 dürfen sie mit vatikanischer Zustimmung um das Gegenteil bitten, auf dass der Gletscher nicht verschwinde, ist er doch nicht nur ein ökologischer Faktor, sondern auch Wahrzeichen und Touristenattraktion.

Die geänderten Zeiten lassen sich in der Arbeit Hosslis deutlich ablesen. Im Untergeschoss des Kunstraumes zeigt der Künstler eine Zweikanal-Videoinstallation. Mit einem Drohnenflug hat er die Gletscher gefilmt und dabei nicht nur das Eis dokumentiert, sondern vor allem auch die riesigen Stoffbahnen, die zu dessen Schutz ausgelegt worden sind. Es ist das Bild einer Paradoxie: Die Produktion und Installation der Tücher gehören zu jenen Techniken, derentwegen die Gletscher schmelzen. Und der Mensch ist immer mittendrin. Bei Hossli ist er mit einer Wärmebildkamera aufgenommen als fast schon überdeutlicher Verweis auf den menschlichen Einfluss auf das Klima. Aber «Periglazial» hat nicht nur ökologische Bezüge. Auch in der Kunstgeschichte ist das Werk fest verankert. Die Faltenwürfe der Vliese erinnern an die Faltenkaskaden der Gotik ebenso wie an barocke Draperien. Die Risse der Tücher hingegen muten wie Wunden an und führen inhaltlich zum Gletscher zurück: Er ist von der mächtigen Naturerscheinung zum Patienten geworden.

Wenn das Nashorn tanzt

So rasch am Puls der Zeit war noch kaum je eine Ausstellung: Das Kunsthaus Bregenz zeigt mit «Unvergessliche Zeit» Werke zur Coronakrise. Und bestätigt, dass Künstlerinnen und Künstlern mit gutem Grund als Seismographen der Gesellschaft gelten.

Die Grenzen sind seit heute offen, die Masken nicht mehr obligatorisch – die Fahrt nach Österreich fühlt sich fast so an wie noch Anfang März. Dazwischen liegt eine Zeit, die vollständig anders war, eine Zeit, die noch sehr lange zu tun und zu reden geben wird und bei der nicht ganz auszuschliessen ist, dass sie noch einmal wiederkommt. So oder so – eine denkwürdige Zeit, eine «unvergessliche Zeit». Unter diesem Motto versammelt das Kunsthaus Bregenz künstlerische Werke aus den vergangenen Wochen. Sie reflektieren direkt oder indirekt das Eingeschlossensein, die entstandenen physischen oder psychischen Versehrungen, die längerfristigen Folgen für Individuum und Gesellschaft. Direktor Thomas Trummer sieht die zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler dabei in einer wichtigen Rolle für die Deutung der Zeit und vergleicht sie mit Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, George Grosz oder Erich Maria Remarque. So wie der eine das Bild des dreissigjährigen Krieges für die Nachwelt prägte und die anderen beiden das des Ersten Weltkrieges, seien auch heutige Gegenwartskünstler und -künstlerinnen deutlich mehr als blosse Chronisten der aktuellen Zeit. Sie erzählten nicht einfach die Geschichte nach, sondern übersetzen die Geschehnisse in nachhaltig wirksame literarische und visuelle Bilder.

Einer, auf den dies in besonderer Weise zutrifft, hat seine ausgestellte Serie zwar schon vor längerer Zeit gemalt, aber dies tut ihrer Brisanz keinen Abbruch: Markus Schinwald hat in den 1990er Jahren Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert überarbeitet. Mit grosser malerischer Finesse hat er den Dargestellten goldene Drähte um die Gesichter gelegt und ihnen Masken übergezogen. Während die Drahtspangen die Individualität der Porträts steigern, bewirken die Masken das Gegenteil; sie beherrschen das jeweilige Gemälde, bezwingen den Blick und hinterlassen doch nur eine Leerstelle im Antlitz. Mühelos lenken die Bilder die Gedanken aus dem Kunsthaus heraus, hin zu Fragen über die unterschiedliche Akzeptanz von Masken in unterschiedlichen Gesellschaften, über ihren tatsächlichen Verwendungszweck und die möglichen und unmöglichen Trageweisen.

Ania Soliman beweist die Aktualität der Ausstellung in zweierlei Hinsicht. Ihr Wort-Bild-Tagebuch zeichnet einerseits die Tage des Ausnahmezustandes in Paris nach, andererseits schildert sie ihre Situation als Fremde in Frankreich, die ihr von Einheimischen aufgedrängt wird und die der jüngsten Rassismus-Debatte Beispiele liefert. Auf quadratischem Papier stellt die Künstlerin markante Motive ins Zentrum und umlaufend einen Text in roter Schrift. Sie verweist zeichnerisch auf Bildschirmoberflächen, Computerbefehle, Programmanweisungen, manchmal auch auf politische Zeichen oder Flaggen. Solimans Originalblätter sind vor Ort zu sehen und zugleich online unter https://www.instagram.com/aniasoliman/. Dort wird die Serie weiter fortgesetzt.

Ebenfalls ein fortlaufendes Projekt ist William Kentridge’s The Centre for the Less Good Idea (lessgoodidea.com). Der südafrikanische Künstler thematisiert seit Jahrzehnten die kolonisierte Gesellschaft, die Unterdrückung, Ausgrenzung und Flucht. Seine virtuosen zeichnerischen Arbeiten stehen aber nicht im Zentrum der Ausstellung, sondern einminütige Kurzfilme, die für das 2016 in Johannesburg gegründete Veranstaltungszentrum entstanden. Eingesandt wurden sie von Künstlern und Künstlerinnen, die ursprünglich dort live auftreten sollten. Aufgrund der aktuellen Situation blieb ihnen wenig mehr als der eigene Körper, die eigene Stimme, als eine Kamera, Papier, Stift und Schere. Entstanden sind sowohl expressive wie auch humorvolle Sequenzen über Isolation, Freiheit, Sehnsucht und Kooperation. Die Fragmente, gefilmt in Ateliers und Wohnungen, dokumentieren die Suche nach transdisziplinären, kollaborativen und alternativen künstlerischen Formaten. Aber es lässt sich nicht verhehlen, das die zehn Kurzfilme Kentridges aus dieser Menge deutlich herausragen. Selbst dann, wenn er seine eigene Ratlosigkeit in dieser Zeit inszeniert, ist er künstlerisch präzise und souverän. Seine Bilder gehören zu denen, die nachhaltig wirken und eine neue Erzählung über die Zeit initiieren.

Weitere Arbeiten in der Ausstellung stammen von Helen Cammock, Annette Messager, Rabih Mroué und Marianne Simnett.

Wenn das Nashorn tanzt

Auswahl im Überfluss

Unendlich schöne grosse Waren- und Werkzeugwelt – acht künstlerische Positionen: Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt die Transformation der Dinge. Sie reicht vom Fantastischen bis zum Nüchternen und birgt Aussagen darüber, wie Konsum und Kommerz über Objekte und deren Gestaltung gesteuert werden.

Ob die Muttergottes als Magd oder Königin auftritt, ob sich wie bei Arcimboldo Früchte, Gemüse oder Tiere zu einem Haupt formen oder aus einem Urinal ein Brunnen wird – Verwandlungen prägen die Kunst seit langem. Sie sind vielleicht einer ihrer wichtigsten Wesenszüge und spiegeln sowohl kunstimmanente als auch gesellschaftliche Diskurse. So sind in jüngerer Zeit die Anziehungskraft der Dinge, ihre Gestaltung, Fetischisierung, ihr Anspruch als Alleskönner und Sehnsuchtsobjekt ein ergiebiges Thema für Künstlerinnen und Künstler. Das Kunstmuseum St. Gallen widmet ihm unter dem Titel «Metamorphosis Overdrive» eine Gruppenausstellung. Die Spannbreite ist weit, gemeinsamer Nenner ist das Objekt. Es wird beispielsweise im Sinne eines Ready Made verwendet und erfährt allein durch die neue Positionierung und neue Sichtweisen eine Umdeutung. Dann wieder sind es die Sichtweisen selbst, auf die ein verwandelnder Blick geworfen wird. Anderen Objekten wird durch kleine Eingriffe zu neuen Identitäten verholfen. Und es gibt jene Werke, die in Material oder Form an Bekanntes erinnern, aber doch vollständig neu gestaltete Objekte sind. Sie unterscheiden sich von industriell hergestellten Massenprodukten durch ihre handwerklich aufwendige Fertigung, durch die verwendeten Materialien oder die nicht durch einen zweck motivierte Form. Aber gerade letzteres lenkt umso mehr die Aufmerksamkeit auf die ungebremste Dekorierung des Alltags. Dass die Form der Funktion folgen solle, gilt nur einer sich gestaltungsbewusst gebenden Szene als ehernes Gesetz. Eine grosse Menge von Gebrauchsgegenständen hingegen blufft mit Rillen, Noppen, Bubbles. Extrabreit und karbonverstärkt, LED-beleuchtet oder seidenmatt wird um die Gunst der Konsumentinnen und Konsumenten geworben. Als ergiebigstes Feld, um konstruierte Begehrlichkeiten künstlerisch zu untersuchen, erweist sich die Welt der Fahrzeuge von der Yacht bis zum Auto. Diese Metamorphosen der motorisierten Fortbewegung passend besonders ins postmoderne Untergeschoss des Kunstmuseums, denn auch die Architektur versucht mit mächtigen Formen und Gesten aufzutrumpfen. Gekonnt ist auch die Arbeit Ilona Rueggs platziert. In eine Durchgangssituation stellt die Künstlerin zwei Supermarktkassen mit Laufband hochkant: Alles muss weitergehen, das Geld muss fliessen. Die Verdoppelung ist aber auch der Anfang der Reihung, sie eröffnet simultan zur Architektur Zwischenräume und somit die Chance zum Innehalten, zur Reflexion.

Kontrolle adé

Steckborn. Führt der Stift die Linie? Führt die Hand den Stift? Und das Hirn die Hand? Oder ist die Linie schon im Kopf bevor sie auf der Leinwand, auf dem Papier ist? Wenn ja, wie wäre dies zu vermeiden? Fragen, die seit mindestens hundert Jahren künstlerische Forschungen vorantreiben. Linda Semadeni fügt ihnen ein neues, ein eigenständiges Kapitel hinzu. Die Bilder der jungen Künstlerin strahlen grosse Unmittelbarkeit aus, sie negieren die Kontrolle, das Kalkül und kompositorische Dogmen. Immer wieder nehmen die Linien unerwartete Wendungen. Sie kringeln sich, winden sich in Mustern, verheddern sich, verenden, beginnen vom Neuem, werden übersprayt oder sich selber überlassen: Mach doch was Du willst! Erfrischend, diese Rotzigkeit, diese Nonchalance. Auch deshalb, weil sie nie ins Manierierte kippt und sich in jedem Quadratzentimeter ihre Kraft bewahrt. Einen wichtigen Beitrag leistet die sparsam eingesetzte Farbe: Semadeni kann beides – sie zeichnet ebenso treffsicher wie sie ein markantes Neongrün, Gelb oder Orange auf die Leinwand haut. Zack, und nun komm selber klar!

Die kleinen, gepflegten Galerieräume in der Steckborner Kirchgasse bieten das perfekte Gegenstück zu so viel unbändiger Energie.

Sie malen weiter

Farbtöne, Konzepte, Materie – mitunter scheint sogar noch der Geruch von Öl und Terpentin durch den Ausstellungssaal zu wehen. Das Kunstmuseum Thurgau zeigt anhand von 14 Positionen wie reich und lebendig die Malerei ist.

Sie war nie tot, sie lag nie auch nur darnieder, ihr konnten weder der Buchdruck noch die Fotografie noch die Macht des Digitalen etwas anhaben. Im Gegenteil. Die Malerei ist vital wie eh und je. Das zeigen grosse Museumsausstellungen, das zeigen renommierte Preise, die an Malerinnen und Maler vergeben werden, und das zeigt auch deren Präsenz an den Kunstgrossanlässen wie der documenta und den weltweiten Biennalen. Vielleicht ist die Malerei sogar derzeit besonders attraktiv, hat sie doch den virtuellen Welten einiges entgegenzusetzen. Was, das lässt sich in der aktuellen Ausstellung «Pinsel, Pixel und Pailetten – Neue Malerei» im Kunstmuseum Thurgau sehen.

Die Alliteration im ersten Teil des Titels wirkt zwar bemüht unterhaltsam und entspricht kaum dem ernstzunehmenden Charakter der Ausstellung, aber wenn es zu Aufmerksamkeit verhilft, dann soll dieses Mittel recht sein. Sie bietet nichts weniger als einen breiten Überblick an Konzepten, Techniken, Materialien und Formaten. Obgleich der Fokus auf der Region liegt, ist es gelungen eine ausgewogene Vielfalt an malerischen Ansätzen zu versammeln.

Die Schau startet mit der figurativen Kunst von Heike Müller (*1970 in Winterthur). Sie interessiert sich für den Bilderfundus vorrangegangener Generationen, der das kollektive Gedächtnis noch immer prägt. Alten Postkarten und Fotografien übersetzt sie in Malerei. Dabei konfrontiert sie die nostalgische Anmutung der Motive und Farben mit Kontrasten und Konturen, die heutigen Bildbearbeitungsprogrammen zu entstammen scheinen. In einer zweiten Serie porträtiert sie Männer und lenkt den Fokus aber nicht auf die Persönlichkeit, sondern auf die erotische Ausstrahlung. Damit dreht sie den Spiess von Meister und Muse um. Auch Daniela Siebrecht (*1968 in St. Gallen) widmet sich dem Bildnis und findet Wege der Transformation. Sie lässt das Antlitz eines Jugendlichen hinter einer riesigen Kaumgummiblase verschwinden. Das erinnert an die aufgelösten Gesichter bei Francis Bacon, bezieht sich aber auch auf die gefilterten Selbstdarstellungen heute. Da wird bearbeitet, verwandelt, geschönt – aber was ist Schönheit überhaupt? Karin Schwarzbek (*1969 in Egnach, TG) findet einen treffenden Ausdruck: Sie trägt verschiedene Flüssigmakeups auf die Leinwand auf. High Performance Lifting Foundation oder Perfect Teint Foundation – allein die Namen der Kosmetika erzählen von Versprechungen, Bemühungen und Sehnsüchten. Damit vollzieht die Ausstellung den Schwenk ins Konzeptuelle wie bei Lisa Schiess (*1947 in Kreuzlingen), die für ihre Bilder aus 8 x 8 Einzelkacheln eine variable Anordnung vorsieht. Andere Künstlerinnen repräsentieren dagegen die Lust an der Farbe, an Lichtstimmungen und Oberflächen. Sie untersuchen die Grenzen zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit oder wagen einen alchemistischen Zugang. Letzterer findet sich bei Günther Wizemann (*1953 in Graz). Den schwarzglänzenden Kunstharzoberflächen seiner Werke antwortet das Wendepailettenbild von Olga Titus (*1977 in Glarus). Zugleich stellt sich hier die Frage, wie weit geht Malerei?

Einen besonderen Platz in der Ausstellung haben Rachel Lumsden (*1968 in Newcastle upon Tyne) und Almira Medaric (*1992 in Doboj). Ein grossformatiges Gemälde der Einen hängt an der Stirnwand des Ausstellungsraumes und zeigt wie intensiv und symbiotisch Farbe, Materialität und Inhalt zusammenwirken können. Die Andere wird an der Aussenwand des Museums eine neue Arbeit realisieren und damit die architektonische Substanz neu interpretieren.

Solche Vielfalt und so viele Künstlerinnen. Und noch einmal dominieren die Frauen im Hause: Im Juni eröffnet die Ausstellung «Frauen erobern die Kunst» als ein Teil der Schau «Thurgauer Köpfe» in insgesamt sechs Thurgauer Institutionen. Manche der Vorgestellten waren fast vergessen, andere nicht als Künstlerinnen bekannt, sondern manchmal auch dafür, als Junge verkleidet die Weltmeere befahren zu haben. Hier sind noch einige Entdeckungen möglich.

Buntes Kreisen

Arbon. Drei schwarze Kreise, aufgewölbt wie Wasser über einem etwas zu voll eingeschenkten Glas. Die Spannung hält, die schwarzen Pfützen bleiben stabil. Um sie herum breiten sich farbige Flächen aus. Konzentrisch und doch auch wieder nicht: Mal sind die Farbkreise geschlossen, mal sind es nur Fragmente in einer von grell zu sonor und wieder zu grell wechselnden Farbpalette. Alles, was die Farbresten von Malerfirmen eben so hergaben. Sonja Lippuner (*1987) hat die Übrigbleibsel zusammengetragen. Ihr kommt es weder auf die geometrisch exakte Form der Kreise noch auf die Farbwerte an. Stattdessen sind ihre Werkstoffe die Farbmaterie und der Raum. Den Boden der Kunsthalle Arbon, eines riesigen ehemaligen Industriebaus, hat sie mit einer Farblandschaft bedeckt und die Malerei unüblichen Transformationen unterzogen: Das Bild ist so gross, dass es von keinem Standpunkt aus vollständig zu sehen ist. Und es bietet nicht die übliche vertikale Ansicht, sondern eine horizontale. Es benötigt keine Wand und keine Nachbarn, sondern kommuniziert mit dem Dach des Raumes und dem Himmel darüber: Schmale glänzende Farbstreifen reflektieren das einfallende Licht. Zugleich erwecken sie den Eindruck noch feuchter Farbe. Diese Malerei ist energiegeladen, autark und selbstbewusst – eine grosse Geste einer jungen Künstlerin.

Warum Bühler?

«Du kommst an und denkst ‹Was ist das eigentlich?›.» Befremden. Verwunderung. Ratlosigkeit? In Bühler zu landen, war für Harlis Hadjidj-Schweizer weder selbstverständlich noch ein ewig gehegter Wunsch: «Bühler suchst du dir nicht aus, sondern gehst hin, wenn sich eine Gelegenheit ergibt.» Die Künstlerin lebte lange in St. Gallen, hat in Städten wie Genf und Lausanne gewohnt und schätzt das urbane Leben: «Es ist unkompliziert, du gehst aus dem Haus und begegnest Leuten. In Bühler trifft man niemanden so einfach.» Kein Markt, kein Schwimmbad, nicht einmal auf dem Spielplatz boten sich Gelegenheiten andere Menschen kennenzulernen. Harlis Hadjidj-Schweizer streifte mit ihrer Tochter durchs Dorf, oft vergebens, dann fand sie schliesslich doch den richtigen Ort: «Auf der Wiese vor dem Altersheim machte Lyna ihre Saltos und ich kam mit den alten Menschen ins Gespräch. Ich erfuhr viel über das Dorf, auch dass es Vereine für alles Mögliche gibt und Ideen sehr willkommen sind.» So entstand das Geschichtenatelier: Altersheimbewohnerinnen und -bewohner, aber auch andere Interessierte aus dem Dorf oder solche, die weggezogen sind, erzählen aus ihrem Leben; Kinder und Erwachsene lassen sich auf die Geschichten ein, gestalten Bilder, nehmen Teil an Erinnerungen, um sie im Jetzt nochmals neu zu zeigen. Dieser Initiative folgten weitere wie etwa das neu gegründete Kollektiv «Streunender Hund» und seine Ausstellungen. Die Künstlerin ist also angekommen und Kompromisse sind sowieso überall nötig: «Das ‹Aber› gibt es immer, auch in der Stadt.»

«In Zürich ist uns das Dach auf den Kopf gefallen.» Maria Nänny und ihre Familie sind nach Bühler gezogen, denn die Enge der Stadt war zu gross geworden: «Wir haben dort in einer Genossenschaft gewohnt. Das hatte zwar schöne Vorteile: Alle Familien gingen bei den jeweils anderen ein und aus. Aber oft wurde uns das auch zu viel.» Das hat sich mit dem Umzug radikal geändert, denn die nächsten Nachbarn wohnen hundert Meter entfernt: Familie Nänny wohnt in einem Bauernhaus mit umgebauter Scheune in der Rothalde am Dorfrand von Bühler. Hier ist es licht und weit. Die Enge scheint nicht so schnell näher zu kommen. Aber schliesst geografische Ferne die soziale Enge aus? Wie verhalten sie sich zueinander? Kann die Enge auch Qualitäten entfalten? Maria Nänny kennt das Stadtleben ebenso gut wie dasjenige auf dem Dorf. Sie ist in Bühler aufgewachsen, ist nach zwanzig Jahren eine Rückkehrerin: «Die Umstellung war sehr gross, aber ich wusste, was mich erwartet. Und es hilft mir, fort gewesen zu sein.» Viele Menschen im Dorf kennt Maria Nänny noch, aber auch die Netzwerke der vergangenen zwei Jahrzehnte bestehen weiter, nicht zuletzt auch dank der Arbeitswelt: Die Sprach- und Kunstwissenschaftlerin arbeitet in St. Gallen – und will das Flair von Stadt und Land verbinden: «Mit dem neu gegründeten Kollektiv ‹Streundender Hund› wollen wir die Kunst von der Stadt aufs Land holen und an unüblichen Orten zeigen.» Dass so etwas funktioniert, zeigt sich in Ausserrhoden immer wieder. Viele erinnern sich gerne an die Ausstellungen «För Hitz ond Brand» oder «à discretion» – die Neugier ist da, gerade auf dem Land.

Obacht Kultur No. 36 | 2020/1