Anna Hulačová ist gelernte Tischlerin, studierte Bildhauerin und geprägt durch die landwirtschaftliche Arbeit ihrer Familie. In ihren Werken verwebt sie das weitergegebene bäuerliche Wissen und Erleben mit Referenzen an die Antike. Besonders interessieren sie Bienen als Nutztier mit langer Geschichte und mythologischer Aufladung. Im Kunstraum Dornbirn fügt sie bestehende und neue Arbeiten zu einer stimmigen Inszenierung.
Anna Hulačová imkert. Die Künstlerin hat in ihrem Garten sieben Bienenstöcke. Um den Honig geht es ihr allerdings nicht, den lässt sie ihren Bienenvölkern. Sie integriert die Waben in ihr Werk. Betonfiguren der Bildhauerin haben statt eines Gesichtes eine Höhle im Kopf oder eine Öffnung im Leib. Im Garten platziert, sind sie eine geeignete Baustatt für Bienen: Ausschwärmende Völker füllen die Leerstellen mit ihren Waben auf. Im Kunstraum Dornbirn zeigt Anna Hulačová jetzt mehrere dieser Figuren. Die Gestalten sind durch ihr Tun – säen, mähen, sicheln – als bäuerlich charakterisiert. Der Beton ist einfach ausgeformt, Gliedmassen und Kleidung sind nur grob herausgearbeitet, umso stärker treten die kleinteiligen Wabenstrukturen in Kopf und Körper hervor. Anna Hulačová verbindet zwei konträre Materialien. Der graue Beton, omnipräsenter Baustoff mit schlechter Klimabilanz, trifft auf Wachs – weich, organisch und von warmer Farbe. Dieser Kontrast steht für ein grundsätzliches Interesse der Künstlerin: «So zeige ich die Spannung zwischen dem Vergangenem und der Gegenwart, zwischen Idealisierung und Industrialisierung. Zugleich liegt in dieser Verbindung die Balance zwischen Dystopie und Utopie.»
Antike Legenden als Warnungen für heute
Werden und Vergehen, Katastrophen und der Weg aus ihnen heraus sind Hulačovás zentrale Themen. Sie schöpft dafür sowohl aus der eigenen Familiengeschichte als auch aus dem intensiven Studium antiker Quellen: «Meine Arbeit ist inspiriert von der antiken Vorstellung der ‹Bugonie›. Sie war im alten Griechenland und Rom verbreitet, es existieren aber auch Bilder aus dem Mittelalter und dem 17. Jahrhundert. Man glaubte, dass aus dem verwesenden Körper eines toten Rindes ein Bienenvolk von selbst entstehen könnte.» Die Künstlerin bezieht sich dabei vor allem auf Vergil. Im vierten Buch seines Lehrgedichtes «Georgica» behandelt er die Imkerei und den Aristaios-Mythos: Der Gott stellt Eurydike nach, sie flieht, tritt dabei auf eine Schlange und stirbt durch den Biss. Ihre Schwestern rächen sie, indem sie Aristaios´ Bienen sterben lassen. Als er jedoch Rinder am Grab Eurydikes opfert, sind die Tierkörper kurz darauf voller Bienen. «Anhand von Vergils ‹Georgica› arbeite ich die Parallelen heraus zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart,» so Anna Hulačová. «Die Bienen stehen für die Erneuerung. Darum geht es: die Balance wiederherzustellen. Bereits bei Vergil werden ökologische Katastrophen beschrieben, die sich als Warnungen für heutige Zeiten lesen lassen.» Aber nicht nur das Bienen-, oder allgemeiner Insektensterben verbindet die Antike mit der heutigen Zeit. Anna Hulačová arbeitet weitere Parallelen heraus.
Enteignungen in der Antike und im 20. Jahrhundert
Die Künstlerin ist im ländlichen Tschechien geboren und aufgewachsen. Ihre Familie war von den Enteignungen im Zuge der sozialistischen Kollektivierung betroffen: Seit der Bodenreform prägen riesige landwirtschaftliche Flächen das Landschaftsbild. Die Familien verloren den Kontakt zu ihrer Scholle, ihren Wurzeln: «Für die einzelnen Bauernfamilien war die Kollektivierung ein drastischer, ja dramatischer Einschnitt, aber gesamtgesellschaftlich gesehen, glaubte man an eine bessere Zukunft. Jetzt – in der Rückschau – sehen wir die Auswirkungen dieses Fortschrittsglaubens, dessen Teil wir waren und sind.» Diese Ambivalenz verknüpft die Künstlerin in ‹Underworld and Confiscation› (2025) mit formalen und inhaltlichen Verweisen auf die Antike. Das Werk steht im Kunstraum Dornbirn frei im Raum. Die eine Seite gleicht einem Relief: Gesichtslose Figuren ernten Getreide und tragen die Garben davon. Die Oberfläche der Gestalten ist nahezu plan, aber dank eines mehrfach abgestuften Umrisses treten sie dynamisch aus der Fläche heraus. Das Relief ist inspiriert von Trajanssäule, so Anna Hulačová: «Es gibt dort ein Detail, wie Soldaten Feldfrüchte ernten. Ich habe die Morphologie der Figuren jedoch transformiert: Sie sind abstrahiert und die Ästhetik der sowjetischen Monumente überführt, denn wie die Sowjets konfiszierten die Römer das Land und ernteten die Felder ab.» Die Künstlerin verweist hier wieder auf Vergil, dessen Familie von der Landverteilung in Cremona und Mantua an 200.000 Kriegsveteranen betroffen war und die von ihren Ländereien zunächst vertrieben wurde.
Hirtenidylle und Traktoren
Mit «Bucolica» wählt Anna Hulačová für ihre Schau in Dornbirn einen Titel einen Begriff, der im Kontrast zu den radikalen Eingriffen ins bäuerliche Leben und die Landschaft steht. Die bukolische Landschaft ist der Idealzustand. Auch Vergil schildert ihn in seinen Hirtengedichten als Gegenbild zu Streit und Vertreibung. Hulačová wählt als Bild für diese Ambivalenz den Granatapfel: Auf der Rückseite von ‹Underworld and Confiscation› platziert sie einen Granatapfelzweig über einem Fragment eines Traktormotors. Die Früchte symbolisieren in der Antike die Unterwelt und stehen zugleich für die Hoffnung. Markanter noch als diese Metapher sind erneut die aufeinander treffenden Materialien: Inmitten des Betons ist der Granatapfelzweig aus Holz geschnitzt und von Bienenwaben besetzt. Holz stammt wie Wachs aus der handwerklichen Tradition. Anna Hulačová hat Holzbildhauerei studiert und in diesem Medium begonnen zu arbeiten. Mit der Zeit nahm der Beton mehr und mehr Raum ein, aber seit einem Jahr schnitzt die Künstlerin die Holzelemente für ihre Werke vermehrt wieder selbst. Und sie zeichnet. Lineare und fein schraffierte Zeichnungen auf Blech sind Bestandteil ihrer dreidimensionalen Arbeiten. Die Sujets sind dabei sowohl abstrakt als auch gegenständlich, sie können das Muster einer Hose sein oder ein ausgeleerter Krug in einem Kornfeld: «Ich nutze die Zeichnungen als Teil des Betons. Sie ermöglichen mir Schattierungen und versteckte Details.» Und sie tragen in ihren Grauwerten zum monochromatischen Gesamtbild der Ausstellung im Kunstraum Dornbirn genauso bei wie die Installationen aus Metall: Erstmals zeigt Hulačová architektonisch beeinflusste Arbeiten in Gestalt von Silos und Lagerhäusern aus Blech. Solche Baukörper sind in agrarwirtschaftlich geprägten Gegenden typische Bestandteile der Landschaft.
Vom Niedergang zum Aufbruch
Die Künstlerin bezieht sich dabei auch auf Le Corbusier, für den die Zweckbauten Leitbilder der Moderne waren und der sie in Analogie zu antiken Tempeln setzte. Zwischen diesen Architekturelementen platziert die Künstlerin drei Menschen beim Säen. Mit ihrer reduzierten Form und der typischen Geste schlagen sie mühelos einen Bogen durch die Kunstgeschichte über Breughel bis zu Van Gogh und lassen in ihrem Gleichschritt, ihrer identischen Bewegung auch die Kollektivierung wieder anklingen. Aber ihnen fehlen die Hände. Die Dysfunktionalität steht der Automatisierung gegenüber: Maschinen haben in Hulačovás Werken einen festen Platz. Und auch hier gelingt es ihr, zwei Seiten zu vereinen: In ‹Tractor Engine› (2022) beispielsweise integriert sie in ein Motorfragment aus Beton ein Keramikrelief, das Samen und Samenkapseln zeigt, und berichtet dazu Biografisches: Bei der Enteignung hatte ihr Grossvater seine Maschinen demontiert statt sie abzugeben. Die Einzelteile liegen noch immer auf dem Grundstück, sind jedoch überwuchert: «Die Maschinen können ein Haus für die Pflanzen sein.» – aus dem Niedergang kann Neues entstehen. So dystopisch die Inszenierungen von Anna Hulačová zunächst wirken, die natürlichen Materialien und handwerklichen Details bergen einen optimistischen Blick: Ökologie und Landwirtschaft, Zivilisation und Natur, Tradition und Fortschritt müssen einander nicht ausschliessen – in ihre dialektische Erzählung integriert die Künstlerin eine hoffnungsvolle Dimension.
Anna Hulačová (*1984 in Sušice, Tschechische Republik) studierte an der Akademie der Bildenden Künste Prag. Auslandssemester und -stipendien führten sie an die Gray School of Art, Aberdeen, die Fondation Albert Gleizes, Moly-Sabata, Sablons, das CEAAC, Strasbourg, und die Korea National University of Arts, Seoul. Sie lebt und arbeitet in Klučov. Einzelausstellungen zeigte sie unter anderem in der Kunsthalle Bratislava, im Brno House of Arts, im Kahán Art Space Vienna und bei ERES Projects in München.