Ulrike Kristin Schmidt

Gesammelte Texte

Vom Rotkreuzgründer zum Hipster Henry

Das Museum Henri Dunant behandelt schwere Themen. Kaba Rössler und Nadine Schneider haben eine leichte Form des Umgangs damit gefunden und das Haus neu konzipiert. Mit der Ausstellung «Dunant Souvenir» verabschieden sie sich nun aus Heiden.

Strassen, Brücken, Schulen und Schiffe wurden nach Henri Dunant benannt, ausserdem ein Asteroid und eine Bergspitze. Weltberühmt war der Schweizer Humanist, als er 1910 in Heiden starb. Wer rund um den Globus so viele Fans hat, erfährt Huldigung mitunter auf merkwürdige Weise. So schmückt Dunants Konterfei Tassen und Löffel, Münzen und Seidenkrawatten, Wimpel und Weinetiketten. Einige dieser Souvenirs sind jetzt im Museum Henry Dunant in Heiden zu sehen in einer kleinen, aber sehenswerten Schau.

Die Objekte stammen aus Langenthal, vom St.Galler OpenAir, aus Togo und sogar aus der ehemaligen DDR. Dass sie jetzt hier miteinander zu sehen sind, ist Kaba Rössler und Nadine Schneider zu verdanken und ihrem unkonventionellen Blick auf den Gründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung.

Vor sechs Jahren kamen die beiden Museumsleiterinnen nach Heiden und hatten viel vor: «Wir sind keine Verwalterinnen. Uns ging es darum, ein eigenständiges, zeitgemässes Konzept zu entwickeln und umzusetzen.» Der erste Rundgang war allerdings ernüchternd, so Nadine Schneider: «Als wir das erste Mal im Museum waren, haben Kaba und ich gesagt: ‹Vergessen wir´s.›» Aber auf den zweiten Blick zeichnete sich das Potential des Hauses ab. Ausserdem, so ergänzt Kaba Rössler, «war auch Heiden selbst ein Argument: das Dorf, eine gute Infrastruktur, der Kursaal.» Die beiden blieben also und haben das Museum Henri Dunant von Grund auf neugestaltet.

Erzählungen statt Elektronik

Im Zentrum stand die Frage, wie ein Museum im 21. Jahrhundert aussehen muss. Während andernorts auf die Digitalisierung gesetzt wird, auf Tablets und auf immersive Effekte, vertrauen Kaba Rössler und Nadine Schneider auf das Objekt und die Reduktion: «Im Museum geht es darum, etwas zu erfahren, zu spüren und die eigene Lebenswelt zu reflektieren.» Kaba Rössler ergänzt: «Wir haben verschiedene Menschen gefragt, wann sie ein Museum weiterempfehlen. Die Antworten lauteten oft, ‹Wenn ich berührt, oder wenn ich betroffen bin.›»

Dafür braucht es nicht viele Objekte, sondern die richtigen; keine Endlostexte, sondern Erzählungen; weniger Elektronik, sondern Emotionen und eine gute Portion Kunst. Letztere ist aktuell mit dem Video «Fridu» von Sarah Hugentobler und Stephan Hermann vertreten. Es zeigt, wie sich Menschen gemeinsam einem Friedensbegriff annähern können: Das Wichtigste dabei ist der Austausch.

Abschied vom Museum

Der Film wird in der linken Museumshälfte gezeigt. Sie führt in die Gegenwart, während die rechte Hälfte Dunants Leben gewidmet ist. Links ist auch die Souvenir-Ausstellung zu sehen und eine Collage aus Schweizer Filmen zu Migrationsthemen. Bis jetzt ist es kaum mehr als eine Stunde Filmmaterial, aber bald sollen es 24 Stunden sein. Doch dieses und andere Projekte überlassen Kaba Rössler und Nadine Schneider ihrer Nachfolge, denn die beiden verabschieden sich in diesem Sommer als Museumsleiterinnen von Dunant.

Sie haben ihr Engagement von Anfang an als befristet verstanden, wenngleich ohne fixe Zeitvorgaben. Nun sind wichtige Meilensteine erreicht. Das Museum ist umgebaut, weitgehend barrierefrei, der Eingang präsentiert sich offen und einladend. Anderes ist noch pendent: «Der Betrieb kostet und Personal ist teuer, aber eine Leitung sollte nicht dem Geld hinterherrennen müssen. Unter einer stabilen Trägerschaft muss der Betrieb künftig finanziell gesichert werden.» Auch inhaltlich warten weitere Aufgaben, so wird beispielsweise der Lebenslauf Dunants sehr offen präsentiert. Künftige Museumsleitungen können hier ihre eigenen Schwerpunkte setzen.

Kaba Rössler und Nadine Schneider war es wichtig, Dunant in seiner Ambivalenz zu zeigen: «Uns gefällt, dass Dunant nicht einfach der Held ist. Sein kolonialistisches Gedankengut gehört ebenfalls zu seiner Persönlichkeit. Aber auch ein fehlbarer Mensch kann etwas bewegen.» Dunant hatte Krieg und Gewalt miterlebt und selbst eine Biografie voller Brüche. Aber auch dies lässt sich mit Leichtigkeit paaren und mit kuriosen Details würzen, wenn er beispielsweise in den ausgestellten Souvenirs zum Hipster Henry wird.

Die Reaktionen der Museumsgäste geben Rössler und Schneider recht. Trotzdem ist es für die beiden Frauen Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen: «Wir gehen in Minne und freuen uns auf neue Projekte.» Allzuweit weg begeben sie sich dafür nicht. Sie haben die Ostschweiz schätzen gelernt und in St.Gallen eine Bleibe für ihre Ideenwerkstatt gefunden.

Schmiede und Bären im Kunsthaus

Seit Małgorzata Mirga-Tas 2022 den polnischen Pavillon an der Biennale Venedig gestaltete, ist sie weltberühmt. Jetzt zeigt sie im Kunsthaus Bregenz die Ausstellung «Tełe Ćerhenia Jekh Jag»: Unter dem bestirnten Himmel brennt ein Feuer.

Eine Kunstausstellung als Reise: Wer das Kunsthaus Bregenz betritt, ist einen Sommer lang weit weg von Bodensee und Alpen. Stattdessen setzen die Besucherinnen und Besucher ihren Fuss in das Dorf Czarna Góra. Hier am Fusse der Hohen Tatra im polnischen Teil der Region Zips ist Małgorzata Mirga-Tas aufgewachsen – und sie lebt und arbeitet noch immer dort. Die 1978 geborene Künstlerin gehört der ethnischen Minderheit der Romnja an. Dem Sog der grossen Metropolen widerstehend, findet sie in ihrer Heimat ihre Motive, ihre Themen und den Anlass, die Traditionen mit neuen Augen zu sehen. Auch ihr Arbeitsmaterial und ihre Technik knüpfen an ihre Herkunft an: Mirga-Tas arbeitet mit farbenprächtigen Stoffen und gebrauchter Kleidung, oft mit floralen Mustern. Die Textilien wurden von Verwandten und Bekannten gespendet. Gemeinsam mit anderen Frauen näht die Künstlerin daraus gegenständliche Bilder.

Wächter aus Russ und Wachs

Das erste Obergeschoss des Kunsthauses ist Czarna Góra und seinen Menschen gewidmet. Die Textilcollagen zeigen Frauen und Kinder des Dorfes, einstöckige Holzhäuser, blühende Obstbäume, Hühner, Pferde und im Hintergrund die Gipfelketten des nahen Gebirges. Es sind idyllische Szenen. Ganz ausgeblendet ist die Gegenwart dennoch nicht. Mal ist es ein grüner Monobloc-Stuhl, der die heutige Zeit verrät, mal ein himmelblaues Kindervelo – und die Künstlerin selbst. Sie und weitere drei Frauen sind auf einem der Bilder bei der Arbeit zu sehen: Sie nähen einen der «Jangare», die in der Ausstellung zu sehen sind. Aber nicht aus Stoff, sondern als menschenähniche Figuren aus mit Russ eingefärbtem Wachs. Die Wortneuschöpfung der Künstlerin leitet sich ab vom Romanes-Wort für Kohle. Den «Jangaren» schreibt sie eine magische, Unheil abwendende Ausstrahlung zu. So wachen sie nun über die Siedlung wie der von Rabbi Judah Loew ben Bezalel erschaffene Golem über das Ghetto. Zudem sind sie angelehnt an die kleinen magischen Figuren aus Wachs, Tierknochen und Haaren, die von Romnja gefertigt werden.

Schmiede mit Sternenhimmel

Den Männern, genauer: den Schmieden, ist das zweite Stockwerk gewidmet. Hier hat Małgorzata Mirga-Tas ihre Textilcollagen zu einem kleinen Haus zusammengefügt: Es ist der Holzschmiede ihres Grossonkels nachempfunden. Auch ihr Grossvater war Schmied. Die Porträts der beiden hat sie in ihre Schmiede integriert. Mit diesem Werk ehrt sie ihre Vorfahren und deren harte Arbeit. Das Schmiedehandwerk war typisch für die südpolnischen Roma und zeigt Parallelen zur Alchemie: Mithilfe des Feuers wird Materie verwandelt. In Mirga-Tas´ Installation wird die Schmiede zu einem familiären Ort, der eng mit dem Kosmos verbunden ist: Die Innenseite des Daches ist sternenübersät – eine ebenso poetische wie weitreichende Lesart der Tradition.

Bären als Beschützer

Das Dorf und die Schmiede zurücklassend steigen die Reisenden anschliessend in das Gebirge hinauf: Hier, im dritten Obergeschoss des Kunsthauses, stehen die Bären im Mittelpunkt. Deren Dressur war jahrhundertelang das Metier der Roma. Aber Małgorzata Mirga-Tas zeigt die Bären nicht als dressierte oder eingesperrte Kreaturen. Statt dessen begegnen sich Mensch und Tier im Einklang und auf Augenhöhe. Zugleich spannt sich der Bogen zu den Jangaren: Bären aus schwarz eingefärbtem Wachs übernehmen die Rolle der Beschützer der Gemeinschaft. Auch hier dominiert die Idylle. Und doch steckt viel mehr dahinter: Die Künstlerin verbindet Ritual und Erinnerung mit der Gegenwart. Aus dem kollektiven Gedächtnis heraus lässt sich die Geschichte neu und selbstbestimmt weiterschreiben.

Saiten Sommerführer

Kunstmuseum Liechtenstein: ‹Auf der Strasse›

Die Strasse gehört den Autos, den Velos, den Bussen? Von wegen! Sie gehört allen – ob mit oder ohne Fahrzeug. Sie ist mehr als von Bordstein und Leitplanken begrenzter Asphalt. Sie ist öffentlicher Raum. Hier spielt sich das Leben ab – und die Kunst. Künstlerinnen haben auf der Strasse aufsehenerregende Aktionen veranstaltet, Künstler haben Interventionen für einen kurzen, unbeobachteten Moment entworfen, Filmemacherinnen stellen die Menschen auf der Strasse in den Mittelpunkt ihrer Arbeit, Fotografen haben die Schönheit alltäglicher Momente festgehalten, Andere haben gesammelt, gesäubert, gemalt. Diese grosse künstlerische Vielfalt zeigt das Kunstmuseum Liechtenstein in der aktuellen Ausstellung. Sie blendet auch abweisende Seite der Strasse nicht aus, die Kälte, das aufenthaltsfeindliche und manipulative Mobiliar. Dennoch bleibt die Gesamtstimmung derSchau positiv, denn sie zeigt, wie die Strasse zum gemeinsamen Gestaltungsraum werden kann.

Saiten Sommerführer

Zeughaus Teufen
Petra Cortright «Paper-Thin Wood Veil Wide Range Hop Suisse!»
Thomas Stüssi «Pericenter»
Fred Waldvogel «Pilzlandschaften»

Schön und schräg: Das Appenzellerland ist beides. Es kommt ganz auf den Blickwinkel an. Der ist bei Petra Cortright und Thomas Stüssi sehr verschieden und passt dennoch zueinander. Die US-amerikanische Künstlerin malt mit Computermaus und Pixeln; der Schweizer Künstler mit Teufener Wurzeln ist neben seinen installativen, kollektiven Arbeiten mit dem Blick des Fotografen unterwegs. Während Cortright die Bilddatenbank von Appenzellerland Tourismus AR in digitale Malerei übersetzt, sammelt Stüssi mit der Smartphonekamera, was die Welt besonders macht: Dreckiger Schnee, nasse Kuh, Wasserschlauch auf Kunstrasen – so nebensächlich, so sehenswert. Das Zeughaus Teufen präsentiert beide Positionen parallel und folgerichtig, denn beide Perspektiven machen das Bild erst komplett. Die dritte Ausstellung setzt noch eines oben drauf: Fred Waldvogel (1922–1997) fotografierte vier Jahrzehnte lang Pilze: technisch ausgefeilt, präzise und in ihrer poetischen Hingabe fürs Sujet auch ein bisschen schräg. Gezeigt werden die Bilder im historischen Schopf – wo einst die Pilzkontrolle stattfand.

Saiten Sommerführer

Kulturort Weiertal: Knorzig bis knackig – den Wurzeln auf der Spur

Entwurzelt, verwurzelt, zurück zu den Wurzeln – die botanische Metapher ist omnipräsent. Der Kulturort Galerie Weiertal widmet den Wurzeln seine aktuelle Sommerausstellung: «Back to the Roots» lädt ein, mit der Kunst zusammen die Ursprünge zu ergründen. Dies trifft sich gut: Im weitläufigen Garten, zwischen Wiese und Wald, lässt sich gut abtauchen. Sogar der Mobilempfang ist so schlecht, dass die digitale Ablenkung in die Ferne rückt. Die Kunst ist dafür umso näher. Ingesamt 18 künstlerische Positionen werden hier präsentiert. Manche nehmen das Ausstellungsmotto wörtlich, viele arbeiten mit Holz, andere setzen starke Farbakzente, wieder andere beziehen sich formal oder inhaltlich auf die Apfelbäume. Und so reicht das Spektrum der Werke von der Schlange im Paradies im Werk der Zürcherin Teres Wyler bis zu dem 100-Kilogramm-Berg aus Äpfeln, aus dem die St.Gallerin Andrea Vogel in ihrer Videoperformance immer wieder einen anbeisst und weglegt. Zu süss, zu sauer? Im Weiertal gerade richtig: Hier interagieren Kunst und Natur aufs Schönste – und das seit 25 Jahren.
Bis 7. September
https://galerieweiertal.ch/

Saiten Sommerführer

Kunsthaus Bregenz, Małgorzata Mirga-Tas
«Tełe Ćerhenia Jekh Jag»

So viel Farbe! So reiche Bildwelten! Małgorzata Mirga-Tas zeigt ihre Textilcollagen im Kunsthaus Bregenz. Die Künstlerin und Aktivistin gehört der grössten ethnischen Minderheit Europas an: der Romnja. Deren Geschichte und Kultur inspirieren sie zu kraftvollen Werken, die international rezipiert werden. Ihre grossformatigen, farbenprächtigen Collagen entstehen gemeinsam mit Frauen ihrer Community und bestehen aus eigens gespendeten Kleidern. Bewusst verwendet Mirga-Tas Arbeitsweisen und Motive, die mit der Identität der Romnja verbunden sind, überschreibt diese und deutet sie um – die textile Handarbeit wird zur politischen Praxis. Die Künstlerin setzt ihre Werke jahrhundertealten Vorurteilen entgegen und präsentiert eine neue, würdevolle und intime Erzählung ihrer Kultur, insbesondere der von Frauen. Begleitet werden die Textilarbeiten von grossen Wachsfiguren: In Bären- und Menschengestalt beschützen sie nicht nur die Kunst, sondern alle, die sich hier verbunden fühlen.

Wurzeln und Wildnis


Seit 25 Jahren ist im Winterthurer Weiertal Kunst zu sehen. Die beiden aktuellen Sommerausstellungen im Kulturort Galerie Weiertal führen zurück zu den Wurzeln und hinaus in die Wildnis. Sie werden in der Galerie und im Garten präsentiert. Dort ist die Natur eine starke Partnerin der Kunst.

Der Baum sieht merkwürdig aus. Seine Äste wachsen im nahezu rechten Winkel aus dem Stamm und stehen waagerecht nach allen Seiten ab. Die Zweige hängen nach unten, kraftlos und an ihren Enden gekappt. Blätter oder Knospen sind nicht zu sehen. Wie eine Zeichnung steht das Geflecht vor dem blauen Himmel. Mit diesem Sujet bewirbt der «Kulturort Galerie Weiertal» seine diesjährige Sommerausstellung. Es ist das 25-jährige Jubiläum dieser privaten Kunstinitiative am Rande von Winterthur. Am Rand heisst hier nicht ‹kurz hinter den letzten Häusern der Grossstadt›, sondern wirklich entfernt von deren Geräuschen, ihrem Tempo, ihrer Betriebsamkeit.

Kunst statt Pferde

Wer ins Weiertal fährt, fährt in eine andere Welt. Vom S-Bahnhof Winterthur Wüflingen ist es noch eine halbe Stunde zu Fuss. Die letzten Gewerbebauten sind rasch passiert und dann gibt es bis auf ein paar wenige Häuser nur noch Grün. Der Weg ins Weiertal ist eine Reise in die Idylle. Ist es auch eine Reise zurück zu den Wurzeln? Der Ausstellungstitel «Back to the Roots» verheisst eine Rückkehr zu den Ursprüngen und lässt grossen Interpretationsspielraum. Sind die Wurzeln eines jeden Individuums gemeint, diejenigen der Menschheit oder – noch umfassender – des Universums? Der Eintritt in dieses Gedankengebäude ist ebenso offen wie einladend. Der St.Galler Alex Hanimann hat ein Holztor gestaltet und in ebenfalls hölzernen Buchstaben das Ausstellungsmotto darüber gesetzt: Wer hier eintritt, kommt den Wurzeln näher, auch denen des Kulturortes selbst. Denn das Tor gleicht jenen, wie sie im amerikanischen Westen auf Pferdekoppeln zu finden sind, und hier, wo jetzt zeitgenössische Kunst zu sehen ist, weideten vor sehr langer Zeit Pferde.

Eine Zelle in der Wiese

Jetzt, im Frühsommer, steht das Gras üppig, der Mülibach führt reichlich Wasser, an den Apfelbäumen fangen die Früchte an zu wachsen – und dazwischen ist die Kunst. Manche Werke nehmen das Motto wörtlich, andere versuchen die Metapher herauszustellen. Axel Reinhard Böhme beispielsweise visualisiert mit weissen Schwingen und einem Wurzelgeflecht Goethes Spruch: «Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.» Markus Fehr hat eine hölzerne Zelle konstruiert, die einladend und schön platziert ist – da hätte es die kleinen Hefte mit in Kunststoff eingeschweissten Sinnsprüchen nicht gebraucht, hier weniger mehr gewesen.

Baum steht Kopf

Ein paar Dutzend Schritte weiter kommt der Baum in Sicht, der die Ausstellung auf Plakaten, dem kleinen Katalog und den Flyern bebildert. Schnell wird klar, was anders ist an ihm: Das Künstlerduo Com&Com hat einen Baum ausgegraben und kopfüber wieder eingepflanzt. Statt Äste und Zweige gen Himmel zu strecken, lässt er etwas müde die Wurzeln hängen. Es ist der siebente einer Serie, die seit 15 Jahren entsteht, und der erste, der im Aussenraum zu sehen ist. Alle dieser Bäume mussten an ihrem eigentlichen Standort weichen, wären also ohnehin entwurzelt worden, so nun also auch das Exemplar im Weiertal. Verkehrtherum lässt es sich als Statement gegen die Umformung der Natur lesen und zu deren fatalen Folgen. Längst ist auch das Weiertal nicht mehr unangetastete, sondern stark gestaltete Natur. Der idyllische Garten ist von Menschenhand entworfen und gepflanzt. Unter einem der Apfelbäume arbeitet sich die St.Gallerin Andrea Vogel an einem grossen Haufen Äpfel ab. Das Video zeigt, wie sie immer wieder eine der rotbackigen Früchte nimmt, hinein beisst und sie beiseite legt. Konsumverhalten, Genuss, Gier und Gleichgültigkeit – die inhaltlichen Referenzen der künstlerischen Arbeit sind zahlreich. Das gilt auch für «Cocoon» der Winterthurerin Katharina Henking. Sie hat ein Objekt aus 2´500 gebrauchten und getrockneten Teebeutel in das kleine Gartenhäuschen des Kulturortes gehängt. Es verströmt sanften Fenchelduft und thematisiert Aspekte der Zeit, der Vergänglichkeit, des Heilens und Erinnerns.

Denkstösse statt Antworten

Der Rundgang durch den Garten – vorbei an weiteren zwölf künstlerischen Positionen – endet bei Alex Hannimans Tor. Hier nun fordert eine zweite Zeile, rückwärtig zur ersten, sich «Forward into the Future» zu bewegen. Wem das zu schnell geht, kann bei «Out in the Wild» verweilen. So heisst die Parallelausstellung im Kulturort. Sie findet in den Galerieräumen statt: Die Wildnis ist nach drinnen geholt. Hier thematisieren Porträts von Tieren, Pflanzen und Wolken, Arbeiten auf Papier, aus Keramik und Gemälde den Widerstreit zwischen ungebändigter und ausgenutzter Natur. Wie weit lässt sie sich zähmen? Was ist der Preis dafür? Was kann die Kunst tun? Allgemeingültige Antworten liefert sie nicht, aber gute Denkanstösse.

https://galerieweiertal.ch

Felix Lehner – Synthese von Denken und Tun

Felix Lehner erhält den Prix Meret Oppenheim 2025. Der Kunstgiesser hat in St.Gallen im Sittertal ein internationales Zentrum für Kunst und Produktion entwickelt. Dazu gehören die Kunstgiesserei St.Gallen, die Stiftung Sitterwerk und das Kesselhaus Josephsohn. Der Preis wird zum 25. Mal verliehen. Die beiden anderen in diesem Jahr Ausgezeichneten sind Pamela Rosenkranz und Miroslav Šik.

Kristin Schmidt: Die Anfänge der Kunstgiesserei reichen über vierzig Jahre zurück und wurden schon oft beschrieben: Du hast mit einer kleinen Giesserei in Beinwil am See begonnen, gemeinsam mit einem Freund, daraus ist ein Betrieb mit 80 Fachleuten in St. Gallen und einer Werkstatt in Shanghai gewachsen.

Felix Lehner: Die Anfänge reichen noch etwas weiter zurück. Inspiriert durch Jürg Hassler’s Dokumentarfilm «Josephsohn – Stein des Anstoss» von 1977 organisierten Andrea Spychiger und ich 1981 in St. Gallen eine kleine Josephsohn-Ausstellung und eine Präsentation seiner neu erschienenen Monografie. Im Hof der Buchhandlung, wo ich zuvor eine Lehre gemacht hatte, half ich beim Aufbau der Skulpturen. Josephsohn übernachtete bei uns in der WG, ich war zwanzig Jahre alt, er sechzig. Ich arbeitete damals schon als Hilfsarbeiter in einer kleinen Kunstgiesserei in Bischofszell und erzählte ihm von meinem Traum, eine eigene Giesserei zu gründen. Etwas ungläubig lud er mich in sein Atelier in Zürich ein, wenn ich soweit sei. So war dann einige Jahre später der erste Guss in der eigenen Werkstatt ein kleines Relief von Josephsohn. Zwölf Abgüsse musste ich giessen, bis einer wirklich gut war. So hat eine lange Zusammenarbeit und Freundschaft begonnen, die für die Entwicklung der Kunstgiesserei immer sehr wichtig war.

KS: Wie hat das Werk von Hans Josephsohn Deine Arbeit geprägt?

FL: Josephsohn war nicht so sehr an der Technik interessiert, sein Interesse für ein Werk kam ganz vom Schauen her: Stimmen die Volumen und Masse? Wie entsteht in einem an und für sich toten Material eine Intensität durch die Form, die Leben erzeugt – optisch und in der Materie? Dieser radikale Blick und Anspruch des Künstlers war extrem lehrreich für mich. Mitunter sind es Nuancen, die den besonderen Guss ausmachen. Als Kunstgiesser begibt man sich schnell in Gefahr, Fehlstellen, die es bei jedem Guss geben kann, überdecken zu wollen. Bei diesen Entscheidungen braucht es ein Gegenüber und einen Austausch mit grossem Vertrauen – so wie bei Josephsohn. Über Monate und manchmal Jahre hat er im Gips um diese Intensität gerungen, bis es für ihn gestimmt hat und er sich zum Giessen entschloss. Durch die Transformation in Metall bekommt die Arbeit dann nochmals eine andere Qualität.
Josephsohn war beim Giessen nie dabei, das war ihm zu gefährlich und zu aufregend. Er wusste, wann wir giessen, und rief mich gleich am nächsten Morgen an, um nachzufragen, wie es gegangen ist. Damit meinte er nicht, ob der Guss technisch geglückt ist, sondern ob das Kunstwerk, die Skulptur gut ist. Es ging nicht um technische Perfektion, sondern darum, wann es richtig ist für ihn als Künstler. Wenn man Josephsohn dazu befragte, meinte er, «Ein gutes Kunstwerk ist nicht zwingend ein fehlerfreies Werk».

KS: In der Kunstgiesserei arbeiten Du und Dein ganzes Team sehr eng mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Wie gelingt diese Nähe?

FL: Für viele der Künstlerinnen und Künstler entspricht die Arbeit bei uns einer erweiterten Ateliersituation. Hier können sie suchen, ausprobieren, Unsicherheiten zulassen. Wenn dies gelingt stellt sich eine grosse Intimität ein. Da geht es darum, die Dinge ernst zu nehmen und zugleich offen zu bleiben. Die Kunstgiesserei wird dann zu einem Organismus, in dem Experimentieren, Ausprobieren, Entdecken aber auch Scheitern möglich ist. Derzeit ist beispielsweise Ida Ekblad bei uns. Sie hat für ihre Arbeit mit Vielen aus unserem Team quer durch unsere Werkstätten der Kunstgiesserei zu tun. Sie alle sind Teil eines grossen Ganzen und tragen den Geist der Kunstgiesserei mit: die Offenheit, die Sorgfalt, die Qualität, den Respekt. Alles ist von diesem Klima durchdrungen – wie gearbeitet wird, wie gekocht wird, wie der Austausch miteinander gepflegt wird, wie die Gastateliers gestaltet sind.

KS: Die Gastateliers gehören mit der Bibliothek und dem dem Werkstoffarchiv zur Stiftung Sitterwerk. Was war Deine Motivation, die Stiftung mitzubegründen?

FL: Die geistige und künstlerische Auseinandersetzung nahe an der Materie und am Handwerk hat mich immer interessiert, nicht das Trennen und Ausschliessen, sondern die Synthese von Denken und Tun. Schon in den Anfängen mit den allgegenwärtigen technischen Schwierigkeiten in der kleinen Werkstatt in Beinwil hatte ich das Bedürfnis, andere Giessereien zu sehen. Jede Reise war damit verbunden, Werkstätten in ganz Europa zu besuchen. Das war für mich als Autodidakt immer sehr anregend. Zudem habe ich regelmässig Kongresse zu antiken Bronzen besucht und dort Fachleute kennengelernt. So aufregend! Materialforschung und -analyse, Naturwissenschaft in Kombination mit Artefakten, Kunstwerken. Und ich habe Bücher studiert und gesammelt. Sie sind gemeinsam mit Materialmustern oft die Grundlage eines Künstlerateliers; sie sind die Erweiterung des Werkstattbegriffs – aus diesem Gedanken heraus haben wir die Stiftung Sitterwerk gegründet. Eingeladene Künstlerinnen und Künstler können hier auf Wissen unmittelbar zugreifen ohne Erwartungen von Aussen. Hier wirken Produktion und Forschung, das Bewusstsein um die Geschichte und die Neugier auf Neues zusammen.

KS: Auch die Kunstgiesserei hat sich stets weiterentwickelt, sie ist inzwischen viel mehr als eine klassische Metallgiesserei. Ihr arbeitet mit Glas, Keramik, Kunststoffen, Robotik und Zucker.

FL: Glas, Keramik und Metall sind verwandt. Kultur- und technikgeschichtlich wurde alles in den gleichen Werkstätten entwickelt und bearbeitet. So sind die Metallurgie und Alchemie im Umfeld der Keramik entstanden: Ein Keramikofen ist einem Wachsausschmelzofen nicht unähnlich.
Für uns begann die Erweiterung vom Metallguss zum Glas mit der Skulptur «La Spirale» von Meret Oppenheim. Das Modell für den Brunnen in Basel war eine kleine Edition aus den 1970er Jahren. An ihr waren rote und blaue Gläser beweglich mit kleinen Stiften befestigt. Hätten wir bei der dreieinhalb Meter hohen Messingplastik einfach farbige Gläser eingeklebt, hätten sie wie Mosaiksteine ausgesehen. Deshalb haben wir eine Art Kardanaufhängung mit Gegengewichten entwickelt. Jetzt können sich die Gläser in alle Richtungen leicht bewegen. Durch die Bewegung im Wind gibt es kaum merkliche Veränderungen der Reflexionen. Für uns war schnell klar, wir wollen nicht nur die Aufhängung konstruieren, sondern auch die Gläser selbst giessen. Das war der erste Schritt zu einer Glaswerkstatt.

KS: Auch für Pierre Huyghe werdet Ihr immer wieder zu Erfinderinnen und Erfindern.

FL: Für Pierre Huyghe haben wir während der Pandemie Objekte aus Zucker, Bronze und Mikroorganismen entwickelt. Wir haben organische Materialien gesucht, die sich im Laufe der Zeit verändern: Gelatine, Schellack, Agar Agar, Harze, Kolophonium, Pigmente. Mit diesen organischen Stoffen wollte der Künstler Gehirnaktivitäten nachbilden, die immer nur einen Moment lang existieren und sich im ganzen Universum auf diese Weise niemals wiederholen werden. Pierre ist kein Bildhauer, er braucht viele Muster, um denken und weiterarbeiten zu können. Die Pakete gingen hin und her zwischen uns und seinem Atelier in Santiago de Chile. Und mit grossem Vergnügen und Konzentration wurden sie dann in Zoom-Sitzungen mit Pierre und dem Werkstattteam besprochen. Das war ein ungewöhnlicher, fruchtbarer Dialog. Pierre hat oft die schönsten Stücke, in die wir uns verliebt hatten, weggelassen. Schliesslich muss es für ihn und sein künstlerisches Gespür stimmen.
Das ist genauso wie bei Katharina Fritsch und ihrem Ringen um den richtigen Farbton für den «Hahn», 2013 für den Trafalgar Square in London. Am Schluss standen sechzehn sehr ähnliche Farbmuster zur Auswahl. Die allermeisten Menschen sehen diese kleinen Unterschiede vermutlich nicht, jeder der Farbtöne ist toll! Aber die Künstlerin hat den Anspruch, es mit ihrem Gefühl kompromisslos abzugleichen. Ich glaube, nicht die Entscheidung für den absoluten Farbton macht das Kunstwerk aus, sondern diese radikale Intention der Künstlerin dahinter. Diese Unbedingtheit liegt bei allen Künstlerinnen und Künstlern an einem anderen Ort. Jede Person ist wichtig hinter ihrem Kunstwerk.

KS: Nicht immer kennt Ihr die Person schon, wenn Ihr Euch für eine Zusammenarbeit entscheidet.

FL: Mit Precious Okoyomon haben wir vor zweieinhalb Jahren zum ersten Mal zusammengearbeitet. Precious wollte in einer Garteninstallation im Retiro Park in Madrid ein bewegliches Mischwesen integrieren mit einer Anmutung zwischen Mensch und Schaf und einem lebendigem Blick. Vor Weihnachten kam die Anfrage, ob wir die Figur bis Februar fertigstellen könnten. Nur sieben Wochen Produktionszeit für eine hochkomplexe und robotergesteuerte Figur! Trotz aller Unwägbarkeiten haben wir entschieden: Wir versuchen es! Wir bestellten in China eine supernaturalistische Sexdoll aus Silikon mit eingebauter Mechanik. Sie kam Mitte Januar an, wir hatten also nur drei Wochen Zeit, um die Figur zu operieren, Fell wachsen zu lassen und sie zum Leben zu erwecken. Parallel haben wir das Stickereikleid, die Hufe, die Augenmechanik und die Steuerung vorbereitet. So ist aus der abgründigen Pornopuppe ein magisches Wesen entstanden. Unter so grossem Zeit- und finanziellem Druck funktionieren die Dinge nur, wenn die Grundkonstellation stimmt und eine positive Energie fliesst. Es geht immer darum, das Optimum zu erreichen, aber noch wichtiger sind Vertrauen und Verbindlichkeit. Beides macht den Unterschied.

Felix Lehner ist 1960 in St. Gallen geboren und aufgewachsen. Nach der Lehre als Buchhändler arbeitet er bis 1982 in der Kunstgiesserei Zollinger in Bischofszell. 1983 eröffnet er in Beinwil am See eine eigene Kunstgiesserei, die er 1994 nach St.Gallen in die Hallen der ehemaligen Färberei im Sittertal zügelt. 2012 kommt das Partnerunternehmen in Shanghai hinzu. 2006 gründet Lehner mit Daniel Rohner und Hans Jörg Schmid die Stiftung Sitterwerk. 2017 erhält er den Kunstpreis des Kantons St.Gallen und 2018 den Kulturpreis der Stadt St. Gallen.

Klang der Erde – Keramik in der Kunst

Appenzell — Marcel Duchamps «Fountain» ist ein Dauerbrenner. Nicht nur für die Kunstwissenschaft, sondern auch für die Kunst selbst. Sherrie Levine, Saâdane Afif, Bethan Huws und Andere haben das umgedrehte Urinal kommentiert, transformiert, persifliert. Auch Lindsey Mendick hat ihre Version dazu entwickelt, in weiss und aus Keramik – genau wie das Original, allerdings bestückt mit männlichen Genitalien, ebenfalls aus Keramik. Lustvoll untergräbt die englische Künstlerin in ihren Werken gängige Stereotypen: Ob Vasen, Pissoir oder Handtaschen – was nützlich war, wird burlesk, was männlich oder weiblich konnotiert war, fällt aus der Rolle oder wird ins Absurde überdreht. Auf Bierdosen sitzen Zigaretten rauchende Frösche. Schnecken, Würmer und Gummibärchen besiedeln ein irdenes Gefäss. Alles ist überzogen mit dick aufgetragener Glasur in üppigen Farben. Mendicks opulente Arbeiten sind derzeit im Kunstmuseum Appenzell in einer Gruppenausstellung zu sehen. Gemeinsamer Nenner der gezeigten 13 Positionen ist das Material: «Klang der Erde» widmet sich der Keramik in der zeitgenössischen Kunst.

Die Spannbreite reicht von Cristian Andersens gegossenen Plastiken, die sich auf Materialien aus dem Baugewerbe beziehen, über Clare Goodwins vielschichtige Assemblagen aus eigens gefertigten Kacheln und sorgsam ausgewählten Möbelfragmenten bis hin zu den skurrilen Lampen von Carmen D´Apollonio. Mal wird die Grenze zur Gebrauchskeramik ausgelotet, mal werden organische Materialien nachbildet oder es werden historische Bezüge hergestellt. Shahpour Pouyan beispielsweise platziert knapp unter dem Spitz des Sheddachs zwei Figuren, die gotischen Wasserspeichern gleichen. An anderer Stelle zeigt er Fantasiebauten aus Ton, die sich auf archetypische Architekturformen beziehen. Von dem in London lebenden iranischen Künstler haben Stefanie Gschwend, Direktorin des Museums, und Felicity Lynn, Fachbereichsleiterin Gestaltung und Kunst an der Hochschule der Künste in Bern, wie von allen anderen Beteiligten mehrere Werke ausgewählt. Ausserdem haben sich die beiden Kuratorinnen entschieden, die Künstlerinnen und Künstler in unterschiedlichen Nachbarschaften zu präsentieren. Zwar setzen sie in den elf Museumsräumen Themen wie «Beseelte Alltagsobjekte», «Geometrie und Lyrik» oder «Verletzliche Körper. Starke Körper». Aber diese funktionieren eher wie Interpretationsanstösse, als dass sie zwingende Kategorisierungen vornehmen. Deshalb lassen sich alle Positionen mehreren Themen zuordnen und beweisen damit die Offenheit der inhaltlichen Konzepte. Im Mittelpunkt steht ohnehin das Material: Keramik eignet sich für gewagte Konstruktionen, kann aber auch wunderschön zusammensacken. Unglasiert präsentiert sich der archaische Rohstoff, Glasuren hingegen kommen in verschwenderischer Pracht, in triefenden Kaskaden oder präzise aufgetragen daher. Die Ausstellung präsentiert einen sehenswerten Ausschnitt dieser Vielfalt.


Kunstmuseum Appenzell bis 14.9.
kunstmuseum-kunsthalle.ch

Zwischen Schlaf und ewiger Ruhe:  Die Installation in der Kunsthalle Arbon ist rätselhaft und poetisch

Der Zürcher Künstler Paulo Wirz hat die Kunsthalle Arbon in ein Traumland verwandelt: Seine detailreiche Installation verbreitet in der ehemaligen Industriegebäude eine geheimnisvolle Stimmung.

Raus aus dem gleissenden Sonnenlicht, hinein ins Dunkel der Kunsthalle Arbon: Hier hat der Künstler Paulo Wirz einen stillen Kontrast zur bunten Sommerwelt inszeniert. Von der zweihundert Meter entfernten Badi Arbon kündet lautstarkes Lachen und Rufen; in der ehemaligen Lagerhalle dagegen verleitet die Ausstellung «Dormitórios» zum andächtigen Flüstern. Der grosse Raum ist ganz in Dunkel gehüllt. Einzig fünf tief hängende Glühbirnen verbreiten ein warmes, spärliches Licht. Sie gehören zu einer Installation, die ebenso rätselhaft wie poetisch ist.

Wachs versus Beton

Kerzen, Flaschen, Gläser, Silberbesteck, Dosen voller abgebrannter Zündhölzer, voller Würfel oder Knöpfe – einfache Gegenstände sind in langen Geraden aufgereiht. Einzelne der Flaschen und Gläser sind aus Beton gegossen. Wie versteinert stehen sie in deutlichem Kontrast zu ihren Zwillingen aus Glas. Während letztere die Vergänglichkeit zeigen – einige sind bereits zerbrochen und ihre Scherben auf dem Boden verteilt – formen die Betonobjekte ein Stückchen Ewigkeit.
Zwischen den Alltagsgegenständen finden sich Hände aus Bronze, mit Wolle umwickelte Knäuel aus Gras, Äpfel, Birnen und Trauben aus Wachs. Der Künstler hat dafür die Früchte in Wachs getaucht und sie anschliessend im Freien liegen lassen: Insekten haben das Innere gefressen, die Wachshülle ist geblieben. Wie die Kerzen und die zerbrochenen Gläser erzählen die Früchte von Schönheit und Vergänglichkeit.

Kultobjekte und Rituale

Immer wieder in der langen Reihe tauchen die Gegenstände in kleinen Variationen und rhythmischer Wiederholung auf. Mit ihrer Anordnung formen sie ein grosses Rechteck, das wiederum in kleinere rechteckige Segmente unterteilt ist: Paulo Wirz deutet damit einen Grundriss aus einzelnen Zimmern oder Räumen an und gibt mit dem Ausstellungstitel weitere Hinweise: Dormitório ist ein Schlafzimmer oder ein Schlafsaal. Aber auch Friedhöfe wurden in der Antike so bezeichnet. Die enge Verbindung zwischen dem Schlaf und der ewigen Ruhe ist dem in Zürich lebenden Künstler wichtig. In Brasilien ist er in einem Haus aufgewachsen, das neben einem Friedhof lag. Und er interessiert sich bis heute für die Rituale und Bräuche der afrobrasilianischen Religionen und für ihren Umgang mit den Themen Leben und Tod. Mit Bedeutung aufgeladene Gegenstände spielen darin eine wichtige Rolle.

Mystische Stimmung in der Lagerhalle

Paulo Wirz untersucht den Unterschied zwischen profanen Dingen und Kultobjekten: «Dinge haben nur eine Kraft, wenn wir an diese Kraft glauben.» Auch die Inszenierung der Dinge verleiht ihnen Kraft. Denn durch sie werden die Gegenstände ihrer Alltäglichkeit enthoben und können einen sakralen Charakter entfalten. Wirz´ Kunst zeigt dies anschaulich: Ihr gelingt es, in dem alten Industriebau mit seinem kaputten Asphaltboden eine mystische Stimmung zu verbreiten. Auch der sprichwörtlich gewordene rote Faden gehört zu dieser effektvollen Installation. Mit ihm verbindet der 1990 geborene Künstler alle aufgereihten Gegenstände: Der rote Wollfaden führt von einem Objekt zum nächsten, umschlingt ein jedes und verbindet alle miteinander. Anders als Ariadnes Faden in der griechischen Mythologie führt er nicht aus dem Labyrinth heraus, sondern hält alles zusammen: Das Fragile und das Stabile, das Ewige und das Endliche. Nur an einer Stelle ist der rote Faden unterbrochen: Hier ist der Eintritt in diese magische Inszenierung.