Ulrike Kristin Schmidt

Gesammelte Texte

Eine aktivistische Künstlerin wiederentdeckt

Eleanor Antin ist seit sechzig Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sich die in San Diego lebende Künstlerin mit Technologie, Rassismus und Genderfluidity beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.

«Der König kam zuerst, als ich herausfinden wollte, wie mein männliches Selbst sein würde.» Eleanor Antin posiert mit breitkrempigem Hut, legt sich einen Bart um, stutzt und zwirbelt ihn, bis er dem markanten Spitzbart von Karl I. gleicht. Der Monarch war im 17. Jahrhundert in religiöse und politische Machtkämpfe verstrickt und wurde schliesslich wegen Hochverrats enthauptet. Politische Krisen prägen auch die USA der 1970er Jahre. Der Vietnamkrieg, die eskalierenden Proteste dagegen, der Watergate-Skandal – Eleanor Antin wählt die Identität des Königs in Zeiten schwindenden Vertrauens in die Regierung. Sie spielt mit Allmachts- und Ohnmachtsgefühlen und belässt es nicht bei der Maskerade im Studio. Sie zieht mit wehendem Umfang durch das urbane Kalifornien und lässt die Welten aufeinander prallen: Hier der grossspurige Herrscher – dort die profane Wirklichkeit: die Parkplätze, die Banken, das öffentliche Männer-WC. Die Fotografien dieser Performance zeigen nicht nur den Drang der Künstlerin, sich unbequemen Situationen auszusetzen, sondern auch ihr komödiantische Talent.

Eine Abfolge von «Selbsten»

Der König war nicht das letzte Selbst, das Eleanor Antin entworfen hat. Die 91jährige Künstlerin hat immer wieder neue Identitäten ausprobiert. Nach dem König kam die Ballerina, nach der Ballerina die Krankenschwester, später hat sie sich mit ihrem jüdischen Erbe beschäftigt und sich schliesslich lustvoll in die Antike begeben, dann allerdings nicht mehr vor, sondern hinter der Kamera. Diese Rollenspiele sind Teil eines Werkes, das nicht nur Performance, Fotografie und Film umfasst, sondern auch raumgreifende Installationen, Literatur, Zeichnungen und Objekte – und das seit sechzig Jahren. Jetzt würdigt das Kunstmuseum Liechtenstein die US-Amerikanerin in einer sehenswerten Retrospektive – ihrer ersten in Europa. Das ist zwar spät, aber trotzdem ein guter Zeitpunkt, denn Eleanor Antins Themen sind unvermindert aktuell und gut in der Gegenwart anschlussfähig. Die Künstlerin gehört zur feministischen Avantgarde der 1960er und 1970er Jahre und hat von Anfang an einen bösen, ironischen Blick auf Weiblichkeitsstereotypen gerichtet. In der Serie «CARVING: A Traditional Sculpture» hat sie beispielsweise ihren eigenen Körper über 37 Tage hinweg geformt und fotografiert.

Aktivistisch, politisch und humorvoll

Auf den ersten Blick sind die 148 Fotografien das Protokoll einer Diät, auf den zweiten zeigen sich Anspielungen auf genormte Körperbilder, auf den als ethnografische Methode getarnten Voyeurismus gewisser Völkerkundler, auf deren Drang, Menschen zu klassifizieren, zu entblössen und zu vermessen – und auf die Kunst. So nimmt sie mit der selbstbewussten Geste, eine Diät als bildhauerischen Akt zu kennzeichnen, den von männlichen Heroen geprägten Kunstbegriff aufs Korn genauso wie die Tatsache, dass Frauen noch in den 1970er Jahren eher als Modell statt als ausstellende Künstlerin wahrgenommen wurden. Sie selbst arbeitet in einer Community, die lange nicht auf dem Kunstmarkt präsent war und keine Archive gepflegt hat. Das hat Eleanor Antin und ihre Mitstreiterinnen schlicht nicht interessiert, Geld verdienten sie ohnehin nicht mit ihrer Kunst. Stattdessen lebten sie aktivistisch, politisch und humorvoll. Für eine gross angelegte Ausstellung wie jene im Kunstmuseum Liechtenstein sind das Fehlen von Archivmaterialien und die damit bestehenden dokumentarischen Lücken eine schwierige Ausgangslage. Aber dank der Zusammenarbeit mit dem Mudam Luxembourg konnte eine dichte Ausstellung entwickelt werden. Allein das fotografische Material ist sehr umfangreich. Dazwischen setzen die historischen Filmkulissen grosse Akzente; und für die gezeigten Filme lohnt es sich, Zeit zu investieren. Anschliessend reist die Ausstellung an das Museum für Gegenwartskunst in Krakau.

Claire Fontaine – Echte Zeichen in digitalen Zeiten

Claire Fontaine setzt auf Enteignung statt auf Aneignung. Das Werk des Kollektivs ist durchsetzt mit Bezügen zu bekannten Motiven und erprobten künstlerischen Methoden wie dem Readymade. Doch es geht ihm um mehr als einen Beitrag zum Kunstdiskurs, es verhandelt ebenso engagiert politische und soziale Fragen. Das Kunst Museum Winterthur zeigt aktuell eine Ausstellung von Claire Fontaine als grosse raumumfassende Installation.

Eine Posaune, ein Orca, eine Balletttänzerin, ein Steinschlag und eine Schatztruhe – jeweils im Frühjahr bekommt die Smartphone-Welt neue Emojis. Zuständig für die finale Auswahl ist ein Kommittee des Unicode-Consortiums. Entschieden hat es sich 2026 ausserdem für Bigfoot, für eine Rauferei-Wolke und für ein Smiley mit aufgeblasenem Gesicht, so als würde ihm gleich der Kopf platzen. Vielleicht durchdringen die neuen Symbole bald die digitale Kommunikation, vielleicht landen sie in einer Nische und gehören zu jenen Emojis, deren Existenz erst dank Claire Fontaine grössere Aufmerksamkeit erfährt. Das Kollektiv ist spätestens seit zwei Jahren breiten kunstinteressierten Kreisen ein Begriff. An der Biennale Venedig 2024 war seine Installation Foreigners «Everywhere / Stranieri Ovunque», 2004/24 in den Arsenale prominent platziert und lieferte zugleich den Titel der gesamten Überblicksschau. Und im gleichen Jahr an der Manifesta 15 in Barcelona leuchtete die Arbeit «When women strike the world stops», 2020 durch die spektakuläre Halle eines stillgelegten Kraftwerks.

Eins plus eins ist etwas anderes

Gegründet hat sich das Kollektiv bereits 2004. Damals entschieden sich Fulvia Carnevale und James Thornhill, ihre Namen nicht zu nennen, «sondern einen Ideenraum öffnen, den wir als Individuen in dieser Intensität nicht gehabt hätten. Die Kollaboration hat unsere Sprache verändert. Wir arbeiten in einem Raum der Entsubjektivierung, zwischen Realität und Imagination.» Claire Fontaine spricht auch von der «Magie der Intersubjektivität: Eins plus eins ist nicht Zwei, sondern etwas anderes.» Die Entscheidung für einen weiblich konnotierten Namen fiel «in einer Zeit, in der lokal tätige Künstlerinnen nicht ausgestellt wurden.» Inspiriert wurde das Kollektiv vom Ortsnamen Clairefontaine und der dort angesiedelte Papierwarenfabrik, inhaltlich bedeutsamer ist jedoch die Parallele zu Marcel Duchamp und dessen Werk «Fountain», 1917. Während Duchamp mit dem Readymade den traditionellen Kunstbegriff radikal in Frage stellte, nutzt Claire Fontaine diese Methode, um sich mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Themen zu befassen. So verweist «Migrants», 2022 bestehend aus am Boden ausgelegten Plastikzitronen, auf Warenflüsse, Arbeitsbedingungen in Handel und Landwirtschaft und den Spielraum zwischen dem, was als fremd und was als vertraut empfunden wird.

Die Hieroglyphen der Digitalisierung

Während der Corona-Pandemie hat Claire Fontaine mit der Anti-NFT-Serie begonnen. Damals waren die zwischenmenschlichen Beziehungen noch stärker entmaterialisiert als ohnehin in Zeiten digitaler Kommunikation. Als persönliche Kontakte auf ein Minimum reduziert waren, erhielten auch die Emojis zusätzliches Gewicht oder wie es Claire Fontaine formuliert: «Sie bauen eine Brücke zwischen dem digitalen und dem echten Leben». Diese Bildzeichen kommen nun in physischer Form daher. Stark vergrössert und von Hand gemalt werden sie als Leuchtkästen präsentiert und damit aus ihrem interaktiven Zusammenhang gelöst: «Diese Emojis sind faszinierend. In dem Moment, in dem wir sie aus dem Kontext von Social Media nehmen, sind sie nicht länger aktiv. In ein Bild überführt, sind sie dematerialisiert und defunktionalisiert, sind nur noch Hieroglyphen: Das Essen kann nicht gegessen werden. Der Spiegel ist kein Spiegel. Er reflektiert nicht, er leuchtet. Und mit dem Geld kann nicht bezahlt werden.» Unter den auf diese Weise transformierten Emojis finden sich häufig genutzte wie das Herz, die abstrahierte Sonne oder die Wolke mit den drei Punkten als Symbol für eine Nachricht, die gerade verfasst wird, aber auch selten verwendete wie der erwähnte Spiegel oder beispielsweise die Auster, das Loch oder das Stück Cremetorte mit Erdbeere darauf. Für das Kunst Museum Winterthur hat Claire Fontaine aus der Serie ein raumgreifendes Konzept entwickelt. Das Dachgeschoss im Haus Reinhart am Stadtgarten ist schwarz gestrichen, die Gemälde leuchten in dichter Folge von den Wänden.

Enteignung statt Aneignung

In der Mitte des Raumes stehen Boxen aus gerahmten Leinwänden, die ebenfalls zur Anti-NFT-Serie gehören. Sie sind den quaderförmigen Rucksäcken der Essenslieferdienste nachempfunden. Der Vergleich mit Andy Warhols «Brillo Boxes», 1963–69 liegt nahe. Claire Fontaine malt jedoch die Transportbehältnisse von Hand und porträtiert mit der Geste zugleich die gefährdeten und ausgebeuteten Menschen in diesem Liefersystem. Auch die Mona-Lisa-Postkarte ist mehr als ein Kunstzitat: Mit der Aufschrift «L.G.B.T.Q.+» bezieht sich das Kollektiv ebenso ausdrücklich auf Marcel Duchamps «L.H.O.O.Q.», 1919 wie auf aktuelle Genderthemen. Claire Fontaine wurde immer wieder der Appropriation Art zugerechnet, denn in vielen Werken werden die grossen Bekannten der Kunstgeschichte und ihre Gesten transformiert. Aber sie werden immer auch mit Aussagen aufgeladen, die weit über das Referenzsystem der Kunst hinausweisen. Statt künstlerischer Aneignung findet ein radikales Umschreiben der Bedeutung statt oder wie es Claire Fontaine formuliert: «Wir nennen es Enteignung.» Dass das Kollektiv dabei selbst im Kunstzusammenhang agiert, bietet wie in Winterthur die Chance, «Begegnungen in einem Safe Space zu ermöglichen.» Zugleich ist Claire Fontaine ausserhalb der etablierten Kunsträume unterwegs: «Grossartig ist es, wenn eine grössere Öffentlichkeit teilhaben kann.» Wie beispielsweise im Museo Riso in Palermo 2024, wo Claire Fontaine zwei der Emoji-Gemälde in den Schaufenstern zeigte: «Ich weiss nicht, ob die Vorübergehenden wussten, dass es Kunstwerke sind. Wichtig ist, die Kunst dort zu platzieren, wo Interaktion möglich ist.» So installierte das Kollektiv im vergangenen Winter im Mimosa House London die Neonarbeit «FATHERFUCKER», 2025 ebenfalls im Schaufenster: «Keine einzige Person ging dort ohne Reaktion vorüber. Auch hier war einem breiteren Publikum nicht ausdrücklich klar, dass es sich um Kunst handelt. Und wer weiss, was das geändert hätte. Es gab viele Menschen, die sich provoziert fühlten. Die Umkehrung der Beschimpfung lässt die Figur des Vaters sowohl als Täter als auch als Opfer erscheinen und erinnert uns daran, dass Gewalt überwiegend geschlechtsspezifisch ist. Das Wort bringt die gewohnte Sprache ins Wanken und zwingt uns zu der Frage, wer vergewaltigt wird und wer vergewaltigt.»

Zuckerfreies Vergnügen

Claire Fontaine ist von Anfang an als feministisches Kollektiv unterwegs und prangert lautstark das Patriarchat an. Als es 2020 für die Ausgestaltung einer Dior-Show im Jahr eine Carte Blanche erhielt, leuchteten über den Models markige Statements in Neonschrift wie «Patriarchy = Repression», «Patriarchy = Climate Emergency», «Patriarchy = CO2» oder «Patriarchy Kills Love» oder auch «Women Raise the Upraising». Claire Fontaine begibt sich in das hochkommerzielle System und konfrontiert es dort, wo es am wirkungsvollsten ist, mit der schlagwortartig vorgebrachten Anklage . Die Intensität dieser Sprüche ist durch ihren Kontext bedingt, hat doch die Mode viele Provokationen längst durchgespielt – da braucht es deutlichere Töne. Im Vergleich mit diesem antipatriarchalen Manifest ist die Schau im Kunst Museum Winterthur spielerischer, zurückhaltender und poetischer. Auf den Titel «Sugar Free» angesprochen betont Claire Fontaine: «Unsere Ausstellung ist schön, verführerisch, farbig, aber sie soll keine Abhängigkeiten provozieren.» Statt dem schnellen Kick nachzurennen, wie ihn der Zucker liefert, setzt das Kollektiv auf kritische Reflexion und eine Praxis, die langfristig wirken soll.

CLAIRE FONTAINE ist ein 2004 in Paris gegründetes feministisches, konzeptionelles Kollektiv und existiert unabhängig von biografischen Lesarten. Seit 2018 ist es in Palermo ansässig. Claire Fontaine realisiert regelmässig Einzelausstellungen sowie ortsspezifische Arbeiten und ist an internationalen Gruppenausstellungen beteiligt wie beispielsweise der Shanghai Biennale 2012, der Performa 13, New York, der Architecture Biennale 2016 in Venedig, und 2024 an der Manifesta 15 in Barcelona und an der Biennale Venedig.

Malerei als Selbstvergewisserung und Erfahrungsbericht

Diese Malerei entsteht aus purer Notwendigkeit. Janet Mueller (*1975) malt, weil sie muss. Vor fünfzehn Jahren fand sie zur Kunst und bewegt sich seither jenseits von Trends, Konzepten, Recherchen oder Diskursen. Getrieben ist sie von inneren und äusseren Impulsen: Muellers Kunst ist Selbstvergewisserung und Erfahrungsbericht. Das zeigt jetzt ihre erste museale Einzelausstellung im museumbickel. Der Titel Unter die Haut spielt an auf das Organ als biologische Hülle, aber auch auf die Grenz- und Kontaktfläche zwischen dem Ich und dem Anderen.
Die in Zürich lebende Künstlerin malt figurativ, aber die Dynamik ihres Ausdruckes löst die dargestellten Gestalten, ihre Gesichter und Körper mitunter gänzlich auf im Strudel der Farbmasse. Mueller schmiert, klatscht, kleckst die Farbe auf den Bildgrund. Schlieren, Schlaufen, Spritzer, Wülste und Wirbel prägen die Bildoberfläche. Fratzenhaft taucht ein Antlitz auf, lässt sich kaum fassen, bleibt Ahnung und Schemen. Ein Körper windet sich, seine Konturen springen auf. So roh und unbändig die Malerei Muellers ist, so zart und tastend sind ihre Zeichnungen. Eines dieser Motive bildet den Einstieg in die Ausstellung. Ein kauernder Akt mit Clownsgesicht ist als Digitaldruck mehrmals überlebensgross auf freistehende Wände tapeziert. Die Linien sind tastend und immer wieder unterbrochen. Der Akt ist gekippt oder angeschnitten. Er passt nicht auf die Fläche, nicht ins vorgegebene Format. Damit steht diese Installation für die Schwierigkeiten einer Existenz unter dem Druck gesellschaftlicher Normen und individueller Zwänge.
Das Clownsmotiv wiederholt sich immer wieder in den Arbeiten von Janet Mueller. Der Spassmacher ist hinter seiner Maske eine tragische Figur und hat zugleich die sprichwörtliche Narrenfreiheit. Die Künstlerin zeigt ihn schreiend und wild, gebeugt und fragil. Nicht immer ist der Clown als solcher dargestellt; die Übergänge sind fliessend, manchmal gleicht er mehr Pinocchio manchmal ist er der Harlekin, vor allem aber ist er ein Mensch.
Die Acrylgemälde, Graphit- und Kohlezeichnungen sind dicht gehängt in drei kleinen Kabinetten. Die Inszenierung setzt Akzente mit wandfüllend aufgetragenen schwarz-weissen Rauten. Dem Kostüm des Harlekins entlehnt, schaffen sie Ordnung und zugleich Dynamik, da das Muster unregelmässig verzerrt ist. Zudem bleibt stets die hintere Wand der Ausstellungshalle im Blick, da die eingebauten Wände nicht raumhoch sind. Hier sind nochmals Motive aus Muellers Werken tapeziert, diesmal grossflächig und farbig – eine gelungene Öffnung nach den kleinteiligen Kabinetten. Zudem laden zwei eigens entworfene Schaukeln an langen Seilen ein, die Erdenschwere zumindest für kurze Zeit hinter sich zu lassen.

Janet Mueller: Unter die Haut
museumbickel, Walenstadt, bis 9. Mai
museumbickel.ch

Containers Love Disorder

Die Masse der von Menschen und ihren Maschinen hergestellten Dinge übertrifft inzwischen die Biomasse der Erde. Immer mehr wird produziert. Immer schneller werden Gegenstände ausgetauscht gegen neue. Doch wohin mit den alten? Wie wäre es mit einer Schenkung an die Bibliothèque des Ready-Mades? Anaïs Wenger lädt dazu ein, ihr einen Gegenstand zu überlassen, der dann durch Titel und Objektbeschreibung zum Kunstwerk wird. Die Kunst Halle Sankt Gallen zeigt nun den Bestand von aktuell 300 Ready-Mades in der Ausstellung Containers Love Disorder. Die Schau mit insgesamt sieben Positionen spiegelt das Bedürfnis, zu ordnen und aufzubewahren – und das am passenden Ort, befindet sich doch die Kunsthalle in einem ehemaligen Lagerhaus.
Was für die Dingwelt gilt, lässt sich auch aufs Immaterielle beziehen: Dominic Michel arrangiert Klänge und ihren räumlichen Kontext. Oft sind es Zufallsfunde, aufgenommen mit dem Smartphone, die nun in einer losen Video-Folge abgespielt werden. Seine Arbeit Hollowware (2026) hingegen türmt die Leere auf: Sie besteht aus gestapelten Gastrogefässen aus der Konkursmasse von Hotels. Michéle Graf & Selina Grüter archivieren nicht, sondern transformieren. Aus Zahnrädern, Schwungfedern und Achsen bauen sie kleine Maschinen, die nichts Neues produzieren, sondern jenseits der Logik vor sich hin arbeiten. Eine Umdeutung praktiziert auch Matthias Sohr. Eine seiner Treppenlift-Skulpturen schraubt sich hier an einem Stützpfeiler empor – sie wurde ausgemustert, nun hat sie einen neuen Zweck, indem sie auf die Herausforderungen von Barrierefreiheit im Kunstkontext hinweist.
Kunst Halle Sankt Gallen, bis 31.5.
k9000.ch

Erdmensch und Wasserkreisläufe

Bald dreissig Jahre sind vergangen seit Fabrice Hyber parallel in der Kunst Halle Sankt Gallen und im Kunsthaus Glarus ausstellte. Nun ist der international tätige Künstler endlich wieder in zwei Schweizer Häusern zu Gast: Das Kunstmuseum Thurgau und das Kunstmuseum Thun widmen ihm eine sehenswerte Doppelschau.

Von Paris, London, Shanghai, Tokyo ins thurgauische Warth – vierzehn Figuren sind weit herumgekommen und sie haben Geschwister in der ganzen Welt. Jetzt stehen sie in der ehemaligen Rossschwemme der Kartause Ittingen und fallen auf, obwohl sie keinen Meter hoch sind. Das liegt an ihrer Farbe – künstliches Giftgrün ist selten in den idyllischen Nutz- und Blumengärten des ehemaligen Klosters – und an mit ihren kleinen Fontänen: Unablässig spritzt den Figuren Wasser aus Augen, Ohren, Brüsten und anderen Körperöffnungen vorn und hinten. Was wie eine humorvolle Geste wirkt, ist deutlich mehr als das. Der französische Künstler Fabrice Hyber (*1961) versteht seine Installation als Botschafter des Wassers und damit als Symbol für den Quell des Lebens und die Kreisläufe der Natur. Diese Themen sind zentral in seiner Arbeit. Und sie sind für ihn mehr als blosse Theorien, sondern eng verbunden mit seiner Biografie und seinem Engagement «La Vallée»: Vor über dreissig Jahren, ungefähr zu der Zeit, als die erste der kleinen, grünen Figuren entstand, erwarb der international tätige Künstler das Land, auf dem seine Eltern und Grosseltern als Pächter Schafe und Pferde gezüchtet hatten.

Ein Stück Land als Lebensprojekt

Seither ist das Areal in der Vendée sein Lebensprojekt – er kümmert sich um Pflanzen und Tiere, sät Baume, pflegt die Gärten. Auch seine Ateliers hat er dort und weitere Arbeits- und Wohnräume für Gäste aus Kunst und Wissenschaft. So ist es wenig verwunderlich, dass sich Hyber in der Kartause Ittingen schnell wohl fühlte. Auch hier wird am selben Ort gearbeitet, gewohnt und der Natur Sorge getragen, auch hier sind eindrückliche Räume der Kunst gewidmet – vom Keller bis zur Zelle, von der Wiese bis zum Kreuzgang. In letzterem zeigt Fabrice Hyber seine Installation «Valse Hysterique». Sie besteht aus kostümierten Schaufensterpuppen, die bisher immer im Kreis aufgestellt waren. Im Kunstmuseum Thurgau bilden sie jedoch eine Prozession und beziehen die Geschichte der Kartause mit ein: An der Spitze der Reihe steht der Heilige Laurentius aus den Beständen des Ittinger Museums. Von Märtyrer inspiriert, zeigt Fabrice Hyber die Wandlungsfähigkeit des Menschen. Die Figuren sind verkleidet als Mönch, Schwamm, Harlekin oder Braut, sie tragen Zwangsjacke oder Tentakel, sie sind Stehaufmännchen oder aufblasbar.

Der Künstler als Schwamm

Viele dieser Verkleidungen sind sehr persönlich motiviert. Beispielsweise beschreibt sich Hyber als Künstler, der wie ein Schwamm Ideen und Anregungen aufnimmt. Einige der Verkleidungen können selbst anprobiert werden. Dies ist neu und gilt nur für das Kunstmuseum Thurgau. Auch ein grossformatiges Gemälde ist eigens für die Ausstellung «Homme de Terre» entstanden. Hyber hat es erst kurz vor dem Transport vollendet. Es zeigt den künstlerischen Kosmos des Franzosen: Mit wässriger Farbe malt er den Menschen in unterschiedlicher Gestalt, er lässt ihn mutieren von der Zelle zum Pilz zum Skelett bis er zuletzt wieder in die Natur eingeht. Pflanzen und Wasser sind ebenfalls zentrale Motive in diesem Gemälde wie auch in anderen Werken von Fabrice Hyber. Wer sich ein vollständigeres Bild seines Schaffens machen möchte, sollte eine Reise nach Thun planen. Parallel zur Präsentation im Kunstmuseum Thurgau zeigt der Künstler die Schau «L´Artiste Agriculteur» im Kunstmuseum Thun. Beide Institutionen haben für diese Doppelausstellung zusammengespannt und einen gemeinsamen Katalog publiziert.

Mit der Handkamera in der Zuckerfabrik

Christof Rüttimann ist Zeichner, Videofilmer, Performer, Fotograf und vieles mehr. Im Kunstverein Frauenfeld zeigt der Künstler jetzt eine Auswahl seiner Werke. Viele davon sind Teil von Langzeitprojekten, die ihn seit Jahren beschäftigen.

Die Schlote qualmen. Die Rüben fallen. Die Kamera rast. Sie folgt einem Absperrgitter, einer Eisenbahnschiene, der Kante einer Werkbank, einer Rohrleitung oder einem armdicken Schlauch. An jedem Hindernis stoppt sie, sei es ein Schraubstock, ein Stahlträger oder auch nur die Verzweigung einer Haltestange. Seit Ende der 1990er Jahre folgt Christoph Rütimann mit der Videokamera baulichen Linien. Angefangen hatte es mit möglichst langen Handläufen in der Schweiz, bald reiste er für Geländeraufnahmen um die Welt und nahm auch Balustraden oder Mauern in sein Repertoire mit auf. Für seine Ausstellung «Handlauf Zucker» war der Künstler nun mit der Kamera auf dem Fabrikgelände der Zuckerfabrik Frauenfeld unterwegs. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts versorgt sie die Schweiz mit der Süsse aus Zuckerrüben.

Die Handläufe der Zuckerfabrik

Rastlos geht es treppauf, treppab: Mal unter freiem Himmel, mal in den Werkhallen vorbei an Sicherungskästen und Tanks. Mal hoch oben, so dass das Fabrikgelände mit seinen Silos und Schornsteinen zu sehen ist, mal unten an Perronkanten entlang, wo die Zuckerrüben aus den Waggons poltern. Das Geräusch dazu geht zwar unter im metallischen Scheppern des Kamerawagens, aber der Sound der sechs Videoprojektionen ist dennoch stimmig: Wie eine Kakophonie der Industrie fügt er sich mit den Bildern zu einem Porträt der Frauenfelder Zuckerfabrik. Zugleich ist Rüttimanns Videoserie der «Handläufe» verwandt mit seinem Konzept einer raumbezogenen Linie: Seit 1987 arbeitet der 1955 in Zürich geborene Künstler mit horizontalen Tuschelinien, die er über mehrere, nebeneinander aufgehängte Papierbögen zieht. Unterbrochen werden diese Linien nur von Architekturelementen wie Türen, Stützen oder – wie in Frauenfeld – von Fenstern. Die gefilmten Handläufe bauen auf diesen Linien auf, auch sie durchmessen den Raum, sie sind dank der schnell geführten Videokamera allerdings dynamisch.

Kulturkeulen aus Obstbäumen

Christoph Rütimann musste nicht weit reisen für diese Aufnahmen. Der international tätige Künstler lebt im thurgauischen Müllheim, nur zehn Kilometer von Frauenfeld entfernt. Nun zeigt er im Kunstverein der Kantonshauptstadt aktuelle und ältere Werke. Einen Raum hat er für die «Kulturkeulen» reserviert. Seit zehn Jahren arbeitet er an diesem Langzeitprojekt. Und auch dieses hat einen lokalen Bezug: Der moderne Obstbau mit Niederstammbäumen prägt die Thurgauer Landschaft. Christoph Rütimann fielen die Verdickungen am unteren Ende der Stämme auf – eine Reaktion der Pflanze auf den Eingriff der Veredelung. Entrindet und bearbeitetet sehen diese Stellen wie Knollen aus und mit dem anschliessenden Stammstück wie Keulen, allerdings schön gemastert und mit einer haptisch sehr angenehmen Oberfläche. Der Künstler hat diese «Kulturkeulen» in der Vergangenheit an Persönlichkeiten der Kunst oder der Kulturpolitik verliehen, dies durchaus im Sinne einer Auszeichnung. In Frauenfeld hat er ein ganzes «Kulturkeulenbüro» eingerichtet: Ein Keulen-Arsenal aus Kirsch- und Apfelbaumholz steht in einer Ecke bereit, ob für den Einsatz als Schlagwaffe oder Prothese bleibt offen. Auch als Tisch- und Stuhlbeine können sie genutzt werden. Zudem präsentiert der Künstler die Keulen wie Schmuckstücke in Vitrinen. Sogar einen Keulenstempel gibt es, mit dem Rüttimann an drei Sonntagen im April eine Broschüre veredelt. Augenzwinkernd nimmt er die Funktion des Kulturbürokraten ein: stempeln statt signieren.

Koo Jeong A

Luft, Duft, Energieströme, Kraftfelder – Koo Jeong A (*1967) widmet sich Phänomenen, die schwer zu fassen, flüchtig oder unsichtbar sind. Wichtig sind sie dennoch. Sie durchdringen Räume, prägen Erinnerungen und halten die Welt zusammen. Sie in eine künstlerische Form zu bringen, ist eine Herausforderung, die Koo Jeong A mit feinem Sinn und präziser Ausarbeitung bewältigt. So einte Koo anlässlich der Biennale Venedig 2024 die politisch zweigeteilte koreanische Halbinsel durch Gerüche von Stadt und Land, von hüben und drüben.
Jetzt lädt Koo Jeong A im Kunsthaus Bregenz ins Land of Ouss [Gravitta] – der Titel spielt auf einen undefinierten Zustand oder Ort an. Ein solcher ist das Foyer als Dienstleistungs- und Durchgangszone. Koo platziert hier eine schwungvolle Kurve, abgeleitet von den Skatebahnen wie eine aktuell im Haus der Kunst München installiert ist. Dank photolumineszierender Farbe leuchten sie im Dunkeln. Für diesen Effekt wird in Bregenz alle Viertelstunde kurz das Licht ausgeschaltet, dann erhellt ein sanftgrünes Schimmern den Raum. Im ersten Obergeschoss umströmt ein Hauch von Zirbelholz drei Möbiusbänder. Max Bill – fasziniert von diesen unendlichen Schleifen – haute sie in Stein; bei Koo Jeong A sind sie aus Holz und fügen sich mit dem Duft zu einem poetischen Kommentar über Zirkularität. Das Stockwerk darüber ist magnetischen Feldern gewidmet, allerdings bleiben die hier wirkenden Kraftfelder ein Gedankenspiel angesichts der massiven Hilfskonstruktionen. Eine Videoinstallation beschliesst die Ausstellung – hier findet Koo Jeong A wieder zum Thema der ewigen Kreisläufe und zur Leichtigkeit zurück.


Kunsthaus Bregenz, bis 25.5.
www.kunsthaus-bregenz.at
Haus der Kunst München, bis 31.5.
www.hausderkunst.de

einnisten

Tauben polarisieren. Zwar haben Hochzeits- und Brieftauben viele Fans, zugleich werden Haltung und Einsatz kritisch beurteilt. Die ungleich präsenteren Stadttauben sorgen naturgemäss für eine noch grössere Kontroverse, wie mit ihrer Population zu verfahren sei. Die Stadt Winterthur hat sich entschieden, ihnen Taubenschläge anzubieten, um die Bestände zu regeln. Einer davon ist unter dem Dach der oxyd – Kunsträume. Diese Nähe von Tier und Mensch im dichtbesiedelten Lebensraum bietet einen hervorragenden Steilpass für ein Ausstellungsprojekt, ist doch der Diskurs des more-than-human und die Abkehr vom anthropozentrischen Blick längst in der Kunst angekommen. Jonathan Steiger beispielsweise zeigt die Bedürfnisse der Tiere ebenso wie ihre Fähigkeiten, indem er Nestmaterialien von Tieren behutsam zu Bildern zusammensetzt. Und er platziert 131 Gipseier zufällig im Ausstellungsraum – exakt jene Zahl Eier wurde den Tauben unter dem Dach im vergangenen Jahr weggenommen. Maxi Ehrenzeller malt seit dem Lockdown Tauben; ruhend, eng nebeneinander liegend und gestapelt – verletzlich und stoisch zugleich. Miriam Rutherford und Joke Schmidt dokumentieren filmisch und fotografisch, was an einer Wildtierpassage passiert, oder eben nicht passiert, denn auch das scheue Tier ist Teil des Ökosystems. Von Mireille Gros sind Gemälde aus ihrem The Fictional Plant Biodiversity Project zu sehen: Die Künstlerin setzt fiktive Pflanzen dem Untergang der Artenvielfalt entgegen. Ihre Arbeit ist Appell und Utopie zugleich, und erinnert daran, dass auch Pflanzen zum more-than-human-Konzept gehören.
oxyd – Kunsträume, Winterthur, bis 12.4.
oxydart.ch

Margaretha Dubach

Was für eine Fülle! Federn, Blätter, Phiolen, Figürchen, Schlüssel, Perlen, Dominosteine, Knochen; Fundstücke aus Stoff, Glas, Pflanzenfasern, auch Grösseres wie Bücher, Flaschen oder Wurzeln – keine Aufzählung wird je vollständig sein. Sie erfasst immer nur einen Bruchteil des Kosmos von Margaretha Dubach (*1938). Die Künstlerin schöpft aus dem unendlichen Reservoir der Brockenhäuser, der marchés aux puces und der Natur. Sie findet Dinge und erkennt deren Potential, eine Geschichte zu erzählen. Sie fügt Objekte zu Assemblagen, überschreibt, ergänzt und deutet um. Auf diese Weise haben sich über Jahrzehnte hin Schauräume, -lager und das Atelier der Künstlerin in Zürich gefüllt. Das Kunst(Zeug)Haus Rapperswil präsentiert jetzt einen kuratierten Einblick in dieses umfassende Oeuvre. Es wäre ein Leichtes gewesen, mit der Material- und Fabulierlust Dubachs den Ausstellungssaal in eine überbordende Wunderkammer zu verwandeln. Doch die Präsentation widersteht dieser Versuchung und setzt stattdessen auf Übersicht und eine gut überlegte Auswahl – wie es der ersten Einzelausstellung der Künstlerin in einem Schweizer Museum gebührt. Werkgruppen wie die Bücher, die Masken, Talismane oder Collagen bilden formale und inhaltliche Inseln in der Ausstellung. Verbindende Elemente sind die häufig auftauchenden Augenpaare, die Patina der Dinge oder die Anspielungen auf Heiligengestalten aller Religionen: Dubachs Welten sind surreal, magisch und in jedem Falle einzigartig.


Kunst(Zeug)Haus Rapperswil, bis 10.5.
kunstzeughaus.ch

Will der Salamander ins Zimmer?

Annina Arter hat die Kunsthalle Arbon in einen imaginären Garten verwandelt und in eine Bibliothek. Ein Kinderbuch aus dem Jahr 1991 dient der Textildesignerin als Ausgangspunkt einer Gedankenreise mit üppigen Bildern und umweltethischen Fragen.

Kräftige gelbe oder leuchtend orangefarbene Flecken auf tiefschwarzem Grund, die Haut glänzend, die Augen ebenfalls tiefschwarz – Feuersalamander fallen auf. Ihre kurzen Beine sind leicht angewinkelt, so als wiege der kräftige Körper schwer. Sie kommen hervor, wenn es feucht und dunkel ist. In früheren Zeiten wurden diese gedrungenen Amphibien mit Drachen verglichen; Brian denkt vielleicht an einen Minisaurier: Der Junge findet einen Salamander und versucht seine Mutter zu überzeugen, ihn in seinem Kinderzimmer halten zu dürfen. Wenig überraschend äussert die Mutter Bedenken: Wo soll das Tier schlafen? Wird es nicht seine Artgenossen vermissen? Was soll es fressen? Brian hat auf alles eine Antwort und so entspinnt sich im Bilderbuch «The Salamander Room» von Anne Mazer ein Dialog, der die Grenzen des Kinderzimmers sprengt. Dies auch dank der Illustrationen von Steve Johnson und Lou Fancher. Brian lässt die Natur immer mehr in sein Zimmer hinein. Zunächst quellen nur Blätter aus der Nachttischschublade. Doch bald gibt es ein Wasserbecken, Bäume wachsen neben dem Kinderbett und statt der Decke leuchtet schliesslich das Himmelsgewölbe über dem kleinen Raum. Annina Arter hat das Kinderbuch entdeckt und sich sofort in Bann ziehen lassen von der einfachen und doch so eindringlichen Geschichte.
In der Erzählung steckt sowohl die Sehnsucht des Kindes, ein Geschöpf aus der Tierwelt zum Begleiter zu haben, als auch die Utopie, Zivilisation und Natur zu vereinen. Für ihre Ausstellung in der Kunsthalle Arbon hat Arter daraus eine raumgreifende Installation entwickelt – das Spezialgebiet der freischaffenden Textildesignerin. Sie arbeitete mehrere Jahre bei Jakob Schlaepfer und führt seit 2017 ihr eigenes Studio in Zürich. Ihre Projekte entwickelt sie an der Schnittstelle von Design, Kunst und Raum – so entstehen Tapeten, Teppiche, Objekte und Installationen.

Bio­top aus Gou­ache

Die Kunsthalle Arbon in ein Biotop zu verwandeln, in ein Salamanderzimmer oder einen Garten ist nicht einfach. Die ehemalige Lagerhalle ist gross, ihre Tragstrukturen sind markant; rauer, an vielen Stellen aufgerissener Asphalt bedeckt den Boden. Trotzdem hat es Annina Arter geschafft, die träumerische Atmosphäre des Kinderbuches in die Halle zu übertragen. Die gebürtige St.Gallerin hat mit Gouachefarbe einzelne Motive entworfen, sie rapportartig – so wie im Textildesign erprobt – aneinander gefügt und auf durchscheinende Vliesbahnen gedruckt. Diese zarten Bahnen hängen nun jeweils zu zweien hintereinander über den Stahlträgern der Halle und verbreiten Dschungelstimmung. Stachlige Ranken schlängeln sich auf den Bildstreifen empor. Sind es überhaupt Ranken oder schon die Tentakeln eines Tieres? Blutrot leuchten Stacheln aus dem dichten Grün hervor. Blätter fächern sich auf, überlagern sich, strotzen vor Lebenskraft, spriessen aus dicken Stengeln. Die Vegetation wuchert üppig und ist doch gebändigt. Hölzerne Gitter, Zäune und Stangen bilden ein Gerüst. Und das untere Ende einer jeden Bahn bildet ein Stück Trockensteinmauer – damit schafft Annina Arter den optischen Übergang zum Hallenboden und die gedankliche Verbindung zu den Wänden des Kinderzimmers. Auch der Himmel aus dem Bilderbuch findet sich wieder. Mal strahlend blau, mal eindunkelnd wie zur Blauen Stunde, mal tiefschwarz durchbricht er das Blätterdickicht. In den Nachtbahnen – und nur dort – tauchen Tiere auf: Eulen blicken mit leuchtend gelber Iris aus dem Dunkel; ebenso leuchten gelb sind die Augen auf den Flügeln der Nachtfalter.

Mensch und Na­tur

Wer jedoch den Salamander sucht, wird nicht fündig. Annina Arter hat die Vorlage bewusst frei interpretiert. Statt ein Suchspiel zu gestalten, bei dem es nur darum ginge, den Salamander zu finden, ist ihr der Gesamteindruck wichtig. Dieser lässt sich am besten in Bewegung erleben. Da jeweils zwei Vliese mit jeweils identischem, aber gespiegeltem Motiv mit kleinem Abstand hintereinander hängen, schieben sich die Motive beim Vorbeigehen ineinander bis sie genau deckungsgleich sind. Mit jedem weiteren Schritt lösen sie sich wieder und erzeugen so ein tiefes räumliches Bild. Dabei bleibt die Hallenarchitektur stets im Blick: Die gedankliche und die gebaute Welt, der Naturentwurf und seine Umgebung sind nicht voneinander zu trennen.
Annina Arter hat keine begehbare Geschichte gestaltet und keinen Abenteuerspielplatz, sondern eine Installation, die sich auf grundsätzliche Fragen bezieht: Wer soll sich wem anpassen, die Natur dem Menschen oder der Mensch der Natur? Wie kann ein Zusammenleben von Mensch und Tier gelingen? Ist die Natur ein Gegenüber oder funktioniert es nur Miteinander? Antworten gibt die Ausstellung nicht, aber sie lädt ein, die Gedankenreisen fortzusetzen: In Holzboxen steht eine Kinderbuchbibliothek zum Blättern und Entdecken bereit. Es ist die Sammlung von Luca Beeler, Cédric Eisenring und Carmen Tobler. Sie wurde über viele Jahre aufgebaut und legt einen besonderen Fokus auf die Literatur der 1970er Jahre – einer Zeit, die von antiautoritären Ideen und einem erstarkenden Umweltbewusstsein geprägt war. Eines der 500 Bücher ist «The Salamander Room» – die Reise in diesen Raum oder aus ihm heraus kann beginnen.