Ulrike Kristin Schmidt

Gesammelte Texte

Saiten Sommertipp: Blau hinauf bis ins All

Die Wegwarte besiedelt Grenzen. Sie wächst an Strassenrändern und Böschungen, an Waldsaum und Feldrain. In Heerbrugg spriesst sie nun schon zum zweiten Mal. Im ehemaligen SBB-Stellwerk steht der Name der hübschen, blaublühenden Pflanze für künstlerische und musikalische Sommerexperimente. In diesem Jahr hat der Verein Wegwarte das Kollektiv U5 und die Künstlerin Monika Stalder eingeladen. Zu Dritt werden sie an der Auflösung der Grenzen arbeiten. Mit ihrer multimedialen Installation erweitern sie den Raum bis ins Weltall hinein. Sie verwirbeln Astronomie, Astrologie, Textiles und Intuitives. Wer die bisherigen Arbeiten der Künstlerinnen kennt, weiss, es wird wunderbar schräg und schön. Und wer sie noch nicht kennt, darf sich auf eine wichtige Neuentdeckung freuen.
Die Kunst wird von einem dichten Musikprogramm aus der Region begleitet. Wegwarte 002 nimmt damit Anlauf, sich zu einer festen Grösse in der Kulturlandschaft des Rheintals zu etablieren.

www.wegwarte.space

Saiten Sommertipp: Vergrämen und Verführen

«Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.» reimte Wilhelm Busch und nahm vorweg, was heute ein gängiger Mechanismus ist: An öffentlichen Plätzen wird Klassik abgespielt, um Menschen den Aufenthalt zu verleiden – Passieren erlaubt, Bleiben unerwünscht. Cyprien Gaillard widmet solchen und anderen Abwehrstrategien einen 35mm-Film, koproduziert von der Mailänder Fondazione Prada und dem Kunsthaus Bregenz. Dort zeigt er ihn jetzt in einer Einzelausstellung. In deren Zentrum stellt der Franzose die Legende vom Rattenfänger zu Hameln und thematisiert damit Verführung und Verfall, Macht und Manipulation. Er lässt eine riesige, aufblasbare Figur zu den Klängen des Killasan Soundsystems tanzen; er installiert hinter der Glasfassade des Kunsthauses eine Schuttrutsche; er präsentiert sehr persönliche Polaroids von den Rändern und Brennpunkten der Städte. Allerdings muss für diese engagierte Schau das Empfangsteam ins Untergeschoss abtauchen: Allen Platz der Kunst!

www.kunsthaus-bregenz.at

Saiten Sommertipp: Rauschen aus schönen Geräten

Längst hat das Video den Radiostar gekillt. Längst haben Radiowecker ausgedient. Podcasts verdrängen das lineare Radio. Programmdramaturgien weichen der Individualisierung. Und dann auch noch UKW: Die Abschaltung war längst beschlossen, SRF hat sie vollzogen und trotzdem hält sich die Ultrakurzwelle – auch dank eines Nationalratsenscheides. Das Kollektiv Blablabor liefert dazu den passenden künstlerischen Kommentar in der Kunsthalle Arbon und verbindet 150 Radiogeräte, zwei UKW-Sender und Richtstrahlantennen zu einer eindrucksvollen, sehens- und hörenswerten Installation. Allein die alten Transistorradios mit ihren sorgfältig gestalteten Senderskalen, den durchdacht angeordneten Bedienelementen, den schönen Oberflächen werden so manchen einen nostalgischen Seufzer entlocken. Allerdings werden solche Laute untergehen im pulsierenden Rauschen und Knistern der Installation «Guerilla Radio». Blablabor liefert damit ein atmosphärisches Plädoyer für mediale Vielfalt und Unabhängigkeit. KS

www.kunsthallearbon.ch

Saiten Sommertipp: Flugzeuge als Kunstrohstoff

Die Schweiz fliegt. Immer mehr nach nah und fern, als gäbe es keine Gletscherschmelze in den Alpen, keine Tropennächte im Mittelland und keinen Pollenflug im Februar. Umdenken beim Reiseverhalten ist unbequem. Wer es dennoch schafft aufs Fliegen zu verzichten, sich aber die Faszination für die Luftfahrt erhalten hat, kann sie im Kunstraum Dornbirn auskosten. Hier zeigt Michail Pirgelis seine erste institutionelle Einzelausstellung in Österreich. Seit über zwei Jahrzehnten arbeitet der Künstler mit ausrangierten Passagierflugzeugen. Dabei ist die Technik allerdings weniger ein Thema als die Kunst. Pirgelis löst Wandsegmente oder Böden von ihrer ursprünglichen Funktion. Er bearbeitet sie und transformiert sie in abstrakte Plastiken im kunsthistorischen Sinne der Readymades. Lackierungen und Witterungsspuren sind selbstverständlicher Teil dieser Objekte. So transportieren sie zwar keine Fluggäste mehr, aber nach wie vor die Aura des Reisens in Wolken und Weite.

www.kunstraumdornbirn.at

Saiten Sommertipp: Oper mit grosser Kelle angerichtet

Mann liebt Frau, aber heimlich. Ehemann sieht sich betrogen. Freunde ermordet Freund. Ehre gerettet. Matrose wird reich. Wahrsagerin hat immer recht. Giuseppe Verdis «Un ballo in maschera» bietet alles, was zu einer Oper gehört: Liebe, Intrigen und Verrat, Drama und grosse Musik. Damit kann das Stück eingefleischte Opernfans genauso begeistern wie es tauglichen Stoff für Opernneulinge bietet. Aber die Werdenberger Schlossfestspiele setzen nicht einfach aufs Bewährte, sondern wagen sich an eine Neuinterpretation des Klassikers. Die vierzigste Produktion in der Festspielgeschichte setzt sich mit Identität, gesellschaftlichen Rollen und Maskeraden auseinander und transferiert die Oper schwungvoll ins Rheintal. So wird beispielsweise der Gouverneur von Boston zum Grafen von Werdenberg.
Mehr als 200 Mitwirkende von beiden Seiten des Rheins sorgen für grosse musikalische und szenische Momente vor der einzigartigen Kulisse von Schloss und Städtchen.

www.schlossfestspiele.ch

Saiten Sommertipp: Ein Stück Karibik am Bodensee

Piratenkönigin, Mörderin, Freiheitskämpferin, Pionierin der Emanzipation? Anne Bonny ist eine faszinierende historische Figur. Gemeinsam mit Mary Read segelte sie im 18. Jahrhundert kapernd und plündernd durch die Karibik. Waren die zwei Frauen ein Liebespaar? Vieles bleibt im Ungewissen, bietet aber umso mehr Stoff für einen schwungvollen Theaterabend. Das See-Burgtheater in Kreuzlingen inszeniert mit «Die Legende von Anne Bonny» das richtige Stück am richtigen Ort. Das Ensemble erzählt den Weg der Irin von einer folgsamen Ehefrau zur Rebellin. Es verbindet Live-Musik, Schauspiel, Kampfgetümmel und Akrobatik zu einem actiongeladenen, humorvollen Abend. Damit wird der Bodensee zum Atlantik und die Bühne zum Schiffswrack mit einem zehn Meter hohen Mast mit Ausguck und Takelage. Sogar ein Affe spielt mit und wird das rasante Treiben kommentieren. Und falls das Wetter nicht ganz so südseemässig ausfällt: Die Publikumstribüne ist überdacht. Ahoi!

www.see-burgtheater.ch

Ein flatternder Riese und Klassik zur Abschreckung

Weil er um seinen Lohn geprellt wurde, entführte der Rattenfänger von Hameln die Kinder der Stadt auf Nimmerwiedersehen – Cyprien Gaillard greift für seine Ausstellung im Kunsthaus Bregenz auf eine bekannte Legende zurück und präsentiert eigens konzipierte künstlerische Werke.

Schön ist diese Welt nicht: Der Fluss im Betonkanal, die Fliegenkadaver auf dem Fensterbrett, der Abfall im Rinnstein, die Ratte im Kühlregal, die Verbotsschilder, der Stacheldraht – all das gehört zur Lebensumgebung des Menschen. Zustände, die mehr oder weniger normal, akzeptiert oder einfach da sind. Cyprien Gaillard richtet seine Kamera dorthin, wo kaum jemand aufmerkt und Fragen stellt, ob es auch anders sein könnte. Der in Paris und Berlin lebende Künstler filmt jene Bereiche der Städte, in denen gefahren, parkiert, entsorgt oder vandaliert wird. Er zeigt die Sicherungszäune und Überwachungskameras mitsamt den Lautsprechern. Mit ihnen wird klassische Musik abgespielt, um Unerwünschte fernzuhalten. Das Pathos der Klänge mischt sich mit der Tristesse der Bilder – eine eindrückliche Kombination, die Gaillard eigens für die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Bregenz und in Koproduktion mit der Fondazione Prada konzipierte.

Der Rattenfänger als Verführer

Einige Sequenzen stechen aus der Wahl der Orte von Los Angeles bis Kopenhagen heraus. So filmte der Künstler in Hameln das Glockenspiel am Marktplatz. Dort dreht die Figur des berühmten flötespielenden Rattenfängers ihre Runden, erst folgen ihr die Ratten, dann die Kinder. Diese Sage und ihre Elemente der Macht, Verführung und Manipulation stellt der Künstler ins Zentrum seiner Ausstellung in Bregenz. Gezeigt wird der 35mm-Film im obersten Stockwerk des Kunsthauses. Der Künstler selbst empfiehlt, hier mit dem Rundgang zu beginnen und mit der Wucht der Bilder im Kopf und dem Sound im Ohr die darunter liegenden Stockwerke zu besichtigen.
Das zweite Obergeschoss ist den Themen Konsum und Verführung gewidmet. Die gezeigten Objekte sind klein, aber bedeutungsschwer und etwas plakativ, wenn etwa Flötenfragmente neben Fentanylpackungen von Hameln Pharma platziert werden. Die in der niedersächsischen Stadt angesiedelte Firma hat sich auf hochwirksame Betäubungsmittel spezialisiert. Zur Installation gehören auch Null-Euro-Noten der Europäischen Zentralbank, auf denen der Rattenfänger und die Stadt Hameln abgebildet sind. Blaue Druckerfarbe hat auf diesen Scheinen Spuren hinterlassen, die Blutflecken gleichen.

Ein fragiler Riese

Nach so viel Symbolik ist das erste Obergeschoss sehr viel zurückhaltender. Cyprien Gaillard, der von New York bis Basel, von Venedig bis Tokyo mit grossen Installationen auftritt, zeigt hier Polaroids in einer minimalistischen Anordnung: Jeweils neun der Sofortbilder liegen auf einem horizontal montierten Karton. Die Motive reichen von Mahnmalen und Sarkophagen über brutalistische Architektur bis hin zu Nazischmierereien im öffentlichen Raum – das ganze Spektrum von Machtdemonstrationen.
Das Erdgeschoss dient im Kunsthaus Bregenz als Eingangshalle. Für diesmal jedoch mussten Empfang und Kasse in den Keller ausweichen, damit der «Visitant» seinen grossen Auftritt hat. Die riesenhafte, aufblasbare Gestalt gleicht den flatternden Werbefiguren auf Festivals, Sportplätzen
oder vor Autohäusern. In Bregenz tanzt sie dank dem programmierten Gebläse zu jeder halben Stunde. Zu lauten, elektronischen Klängen bläht sich die Nylonfigur auf, stösst an die Decke, fällt in sich zusammen, erreicht wieder die Decke, sinkt erneut sanft nieder. Cyprien Gaillard findet damit ein passendes Bild für den fragilen Zustand der Welt, für die Erosion, die Ungewissheiten, aber auch für die Unmöglichkeit von Kontrolle und die Absurdität von Dominanz.

Auftritt Reinhard Tobler

Absorption, 2026
Schwarzweissabzug auf PE-Papier
68 x 48 cm

Der Strom fliesst. Die Pixel leuchten. Rot. Grün. Blau. In unterschiedlichen Farbanteilen, vereint zu Bunt geben die Pixel den endlosen Strom der Bilder, Filme, Informationen wieder – auf dem Computer, dem Tablet, dem Smartphone. Permanent lässt sich abrufen, was potenziell interessant ist oder einfach die Zeit vertreibt. Das Wetter, die Emails, die Zugverbindungen, die Nachrichten, die Notizen, die Fotos und Filme – alles ist immer parat, leuchtet aus den Bildschirmen heraus. Und was Licht sendet, lässt sich ablichten: Reinhard Tobler, 1992 in Heiden geboren und 2023 mit einem Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung ausgezeichnet, hat sein Smartphone mit in die Dunkelkammer genommen und mehrfach direkt das Fotopapier belichtet. Immer dasselbe Gerät ist in der Ausführung unterschiedlicher Anwendungen zu sehen. Erahnen lassen sich Textnachrichten, eine Sonne oder der Home-Bildschirm – immer in Grautönen. Das hat pragmatische und konzeptuelle Gründe: Schwarzweissbilder benötigen keine vollständige Dunkelheit, sie lassen sich unter Rotlicht entwickeln, das erlaubt Kontrolle und vereinfacht das Handling der Fotopapiere. Gleichzeitig dreht der Künstler eine markante Eigenschaft des Smartphones – seine exzellente Farbwiedergabe – bewusst ins Gegenteil. Die Farben fehlen und auch das Kabel führt ins Nichts: Es zeichnet sich als weisse Spur im Negativ ab, da es kein Licht aussendet. Dort, wo es ans Gerät anschliesst, formt sich eine schwarze Wolke. Unklar, unbegrenzt, kaum zu fassen, genauso wie die Erinnerung an stundenlanges Surfen, Scrollen, Swipen. Die Zeit ist verronnen, aber wohin und wofür genau? Reinhard Tobler moralisiert nicht, findet aber ein treffendes Bild für den Sog der Apps und Netzwerke. Auch die Analogie zu den Schwarzen Löchern im All liegt nahe: Deren Masse ist so gross, dass ihnen nichts entweichen kann, keine Materie, keine Strahlung, kein Licht. So ist auch ein Smartphone ein fesselndes, kleines Schwarzes Loch, in dem man sich zeitweise verlieren kann. Dieser Anziehungskraft des digitalen Gerätes antwortet Reinhard Tobler mit dessen direkter, analoger Belichtung. Auch der Hintergrund von «Absorption» ist auf diese Weise entstanden: Der Künstler mit Ateliers in Trogen und Zürich hat dafür das Display seines Smartphones stark vergrössert. Kratzer zeichnen sich als Linien ab, Fingerschlieren als Schatten und sogar die Pixel sind zu sehen: Millionen von Punkten – ein jeder davon eine kleine Lichtquelle.

Auftritt, Obacht Kultur, Ausgabe LICHT, No. 53 | 2026/1

Bildbogen Martin Benz

Martin Benz
«Remembering Anna A.», 2025,

Licht, Pflanzen, Zeit – viel braucht es nicht, um die Welt fotografisch abzulichten. Keine Petrochemie, keine Kamera, aber einiges an Erfahrungen – so wie sie Martin Benz (*1971) seit zwanzig Jahren sammelt und notiert. Mit seinem Wissen um verwendete Filme und Papiere, um Belichtungsmesswerte, Wetter, Jahres- und Tageszeiten hat sich der Teufner Künstler auf die Spur der Ursprünge der Fotografie begeben.
Dafür reiste er 2025 mit dem Atelierstipendium der Ausserrhodischen Kulturstiftung nach England. Hier, in London, präsentierte Joseph Nicéphore Niépce 1826 der Royal Society die älteste erfolgreich aufgenommene und erhaltene Fotografie: den «Blick aus dem Arbeitszimmer». Martin Benz erweist ihm die Referenz mit einer Lochkameraaufnahme aus seinem Londoner Studiofenster. Entwickelt mit Gallapfel, zeigt sie eine Dachlandschaft als Negativbild. Auf dem Bildbogen ist sie abgebildet neben Algen, Dünen und Docks. Martin Benz hat die Aufnahmen an den Stränden Englands gemacht. Interessiert haben ihn nicht nur die Motive, sondern auch die Technik. Sein Fokus lag auf pflanzenbasierten Entwicklern, Lumenprints und Cyanotypien. So hat er mit foraging seaweed Algen direkt unter Wasser aufgenommen und nutzte für andere Bilder zum Entwickeln Färber-Reseda, Felsengeisskraut, Malve oder Blasentang und die darin enthaltenen Polyphenole. Mit diesen Stoffen schützen Pflanzen ihren Photosynthese-Apparat vor UV-Strahlung. Den Apparat brauchen sie, um mit Lichtenergie den für die Fauna lebenswichtigen Sauerstoff herzustellen. Wenn Martin Benz also Lichtbilder dieser Gewächse aufnimmt, nutzt er dieselbe Energie wie die Pflanzen selbst und fokussiert sich auf das elementare Prinzip der Fotografie: Licht sichtbar zu machen.

Zu den Bildern, Obacht Kultur, Ausgabe LICHT, No. 53 | 2026/1

«Und die andern sind im Licht»

Für Obacht Kultur sprechen Stefan Rüttimann und Eva Keller über Licht auf der Bühne und in Kirchenarchitektur: «Interessant wird es, wenn wir selbst mitgestalten und mit Bühnenbildnern oder Regisseurinnen zusammenarbeiten können. Mitunter sitzt dann einer von uns am Pult und fährt die Show,» erklärt der Lichttechniker. Die Architektin berichtet: «Wir überlegen von Anfang an, welche Anlässe das Licht wo und wie benötigen und welche Beleuchtungskörper wir einsetzen. Es gibt ein grosses Vokabular.»

«Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht./Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht.» Die Moritat von Mackie Messer ist einschlägig bekannt, und wer die Dreigroschenoper im Theater besucht, sitzt für gewöhnlich im Schatten. Die auf der Bühne hingegen stehen im Licht – eine Zweiteilung, die nicht überall und nicht in allen Kultursparten gleich strikt gehandhabt wird. Stefan Rüttimann hat den Vergleich, seit 20 Jahren erarbeitet und installiert er Lichtkonzepte für Theaterfestivals ebenso wie für Konzerte oder für die grossen Openairs im Sommer. Für letztere gilt besonders: «Die Künstlerinnen und Künstler wollen das Publikum sehen, sie wollen wissen, wie fühlt es sich, wie integriert es sich.» Deshalb schwenken Scheinwerfer in die Menge. Sie wird einbezogen ins Gesamtbild, das auch für die Social Media-Kanäle kreiert wird. Es geht um das Look and Feel. Das gilt auch für Kirchen, allerdings in anderer Form: Look lässt sich hier mit Beleuchtungsästhetik übersetzen, und Feel mit Stimmungen, die je nach Nutzungsart verschieden sind. Denn Kirchen sind längst nicht mehr der Liturgie vorbehalten. Die Architektin Eva Keller hat Kirchenumbauten und -renovationen in Herisau und Appenzell realisiert und muss von Anfang an ein grosses Repertoire von Anlässen mitdenken: «Mehrfachnutzungen sind in sakralen Räumen heute Standard, vor allem auch deshalb, weil in Ausserrhoden sämtliche Kirchen im Besitz der Gemeinden sind. Zu den bis zu 200 Veranstaltungen pro Jahr gehört der Singkreis ebenso wie die Brevetierung der Schweizer Armee.» Das wirkt sich auf die Beleuchtungsaufgaben aus: «Gearbeitet wird mit Szenenbeleuchtungen. Szenen sind etwa der Sonntagmorgen, die Beerdigung, das Konzert, die Hochzeit oder das Kindertheater. Acht bis zehn Szenen sind in der Regel definiert. Diese reichen aus, um alles, was inzwischen in Kirchen stattfindet, zu beleuchten.» Nach wie vor gilt: «Für den Sonntagsgottesdienst muss das Licht richtig auffahren.» Auch für das Kirchenschiff gibt es Mindestanforderungen, schliesslich will das alternde Publikum das Gesangbuch lesen können. Unterschieden wird zwischen der sichtbaren und der technischen Beleuchtung. Nochmals Eva Keller: «Die sichtbare Beleuchtung muss ins Gesamtensemble passen. Wie sie aussieht, ist genauso wichtig, wie welches Licht sie gibt. Die technische Beleuchtung hingegen wird möglichst versteckt. Wenn sie sichtbar ist, dann formal zurückhaltend.» Sie finde sich oft entlang der Wände oder auf dem Kranzgesims, in Herisau sogar im Deckenspiegel.
So eine Zurückhaltung braucht es bei Festivals nicht: Wer vor der Hauptbühne steht, sieht Hunderte von Lampen. Aber nicht die Menge ist entscheidend für Stefan Rüttimann, sondern das gestalterische Gesamtkonzept: «Bei Theaterfestspielen oder Shows für mittelgrosse Bands sind die Budgets begrenzt. Aber es ist sowieso spannender, mit sechs Scheinwerfern zu arbeiten als mit 200. Und im immer grösser werdenden Spektrum der technischen Möglichkeiten ist das Weglassen die Kunst.» Entscheidend sind Erfahrungen und ein guter Blick: «Wir arbeiten beispielsweise mit Gassenlicht, das den Körper nicht ganzflächig ausgeleuchtet. Je nach Lichtwinkel erzeugen wir tiefere Bilder, lassen die Schatten grösser oder kleiner werden oder das Hintergrundbild verschwinden.» Gearbeitet wird auch mit Etagen, die auf der Bühne allerdings nicht übereinander, sondern hintereinander liegen: «So staffeln beispielsweise lichtdurchlässige Vorhänge die Bühne in der Tiefe.» Auch Nebel, Dunst oder Wind werden eingesetzt. Für die Wahl der Mittel sei es weniger entscheidend, ob Rap oder Pop gespielt werde, sondern woher die Bands kommen: «In Frankreich darf es ein bisschen theatralischer sein, in Italien verspielter, und in Nordamerika liebt man die grosse Show», beobachtet Stefan Rüttimann. Bei Kirchenbeleuchtungen liegen die Unterschiede in den Konfessionen, so Eva Keller: «Die Beleuchtungsaufgaben sind identisch, aber der Widerstand gegen eine prächtige Inszenierung ist bei den katholischen Gemeinden kleiner.» Aber ob Heilige Messe oder Konfirmation, ob Sitterbühne oder Casino Herisau – am Schluss geht es um das Gleiche: Licht und Emotionen. Oder wie es Stefan Rüttimann formuliert: «Die Wirkung des Lichts merken die Leute erst, wenn es keines mehr gibt.»

Eva Keller, 1995 geboren, ist in Herisau aufgewachsen, hat in Düsseldorf Architektur studiert und betreibt gemeinsam mit Peter Hubacher seit 1990 das Büro Keller Hubacher Architekten. Vor wenigen Monaten sind sie damit von Herisau nach Waldstatt gezogen.
Stefan Rüttimann, 1986 geboren, ist gelernter Veranstaltungstechniker und arbeitet seit knapp 20 Jahren bei Stagelight in Herisau. Die Firma gehört zu den grössten im Bereich Ton-, Licht-, Video- und Bühnentechnik in der Schweiz.

Thementext, Obacht Kultur, Ausgabe LICHT, No. 53 | 2026/1