Für Obacht Kultur sprechen Stefan Rüttimann und Eva Keller über Licht auf der Bühne und in Kirchenarchitektur: «Interessant wird es, wenn wir selbst mitgestalten und mit Bühnenbildnern oder Regisseurinnen zusammenarbeiten können. Mitunter sitzt dann einer von uns am Pult und fährt die Show,» erklärt der Lichttechniker. Die Architektin berichtet: «Wir überlegen von Anfang an, welche Anlässe das Licht wo und wie benötigen und welche Beleuchtungskörper wir einsetzen. Es gibt ein grosses Vokabular.»
«Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht./Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht.» Die Moritat von Mackie Messer ist einschlägig bekannt, und wer die Dreigroschenoper im Theater besucht, sitzt für gewöhnlich im Schatten. Die auf der Bühne hingegen stehen im Licht – eine Zweiteilung, die nicht überall und nicht in allen Kultursparten gleich strikt gehandhabt wird. Stefan Rüttimann hat den Vergleich, seit 20 Jahren erarbeitet und installiert er Lichtkonzepte für Theaterfestivals ebenso wie für Konzerte oder für die grossen Openairs im Sommer. Für letztere gilt besonders: «Die Künstlerinnen und Künstler wollen das Publikum sehen, sie wollen wissen, wie fühlt es sich, wie integriert es sich.» Deshalb schwenken Scheinwerfer in die Menge. Sie wird einbezogen ins Gesamtbild, das auch für die Social Media-Kanäle kreiert wird. Es geht um das Look and Feel. Das gilt auch für Kirchen, allerdings in anderer Form: Look lässt sich hier mit Beleuchtungsästhetik übersetzen, und Feel mit Stimmungen, die je nach Nutzungsart verschieden sind. Denn Kirchen sind längst nicht mehr der Liturgie vorbehalten. Die Architektin Eva Keller hat Kirchenumbauten und -renovationen in Herisau und Appenzell realisiert und muss von Anfang an ein grosses Repertoire von Anlässen mitdenken: «Mehrfachnutzungen sind in sakralen Räumen heute Standard, vor allem auch deshalb, weil in Ausserrhoden sämtliche Kirchen im Besitz der Gemeinden sind. Zu den bis zu 200 Veranstaltungen pro Jahr gehört der Singkreis ebenso wie die Brevetierung der Schweizer Armee.» Das wirkt sich auf die Beleuchtungsaufgaben aus: «Gearbeitet wird mit Szenenbeleuchtungen. Szenen sind etwa der Sonntagmorgen, die Beerdigung, das Konzert, die Hochzeit oder das Kindertheater. Acht bis zehn Szenen sind in der Regel definiert. Diese reichen aus, um alles, was inzwischen in Kirchen stattfindet, zu beleuchten.» Nach wie vor gilt: «Für den Sonntagsgottesdienst muss das Licht richtig auffahren.» Auch für das Kirchenschiff gibt es Mindestanforderungen, schliesslich will das alternde Publikum das Gesangbuch lesen können. Unterschieden wird zwischen der sichtbaren und der technischen Beleuchtung. Nochmals Eva Keller: «Die sichtbare Beleuchtung muss ins Gesamtensemble passen. Wie sie aussieht, ist genauso wichtig, wie welches Licht sie gibt. Die technische Beleuchtung hingegen wird möglichst versteckt. Wenn sie sichtbar ist, dann formal zurückhaltend.» Sie finde sich oft entlang der Wände oder auf dem Kranzgesims, in Herisau sogar im Deckenspiegel.
So eine Zurückhaltung braucht es bei Festivals nicht: Wer vor der Hauptbühne steht, sieht Hunderte von Lampen. Aber nicht die Menge ist entscheidend für Stefan Rüttimann, sondern das gestalterische Gesamtkonzept: «Bei Theaterfestspielen oder Shows für mittelgrosse Bands sind die Budgets begrenzt. Aber es ist sowieso spannender, mit sechs Scheinwerfern zu arbeiten als mit 200. Und im immer grösser werdenden Spektrum der technischen Möglichkeiten ist das Weglassen die Kunst.» Entscheidend sind Erfahrungen und ein guter Blick: «Wir arbeiten beispielsweise mit Gassenlicht, das den Körper nicht ganzflächig ausgeleuchtet. Je nach Lichtwinkel erzeugen wir tiefere Bilder, lassen die Schatten grösser oder kleiner werden oder das Hintergrundbild verschwinden.» Gearbeitet wird auch mit Etagen, die auf der Bühne allerdings nicht übereinander, sondern hintereinander liegen: «So staffeln beispielsweise lichtdurchlässige Vorhänge die Bühne in der Tiefe.» Auch Nebel, Dunst oder Wind werden eingesetzt. Für die Wahl der Mittel sei es weniger entscheidend, ob Rap oder Pop gespielt werde, sondern woher die Bands kommen: «In Frankreich darf es ein bisschen theatralischer sein, in Italien verspielter, und in Nordamerika liebt man die grosse Show», beobachtet Stefan Rüttimann. Bei Kirchenbeleuchtungen liegen die Unterschiede in den Konfessionen, so Eva Keller: «Die Beleuchtungsaufgaben sind identisch, aber der Widerstand gegen eine prächtige Inszenierung ist bei den katholischen Gemeinden kleiner.» Aber ob Heilige Messe oder Konfirmation, ob Sitterbühne oder Casino Herisau – am Schluss geht es um das Gleiche: Licht und Emotionen. Oder wie es Stefan Rüttimann formuliert: «Die Wirkung des Lichts merken die Leute erst, wenn es keines mehr gibt.»
Eva Keller, 1995 geboren, ist in Herisau aufgewachsen, hat in Düsseldorf Architektur studiert und betreibt gemeinsam mit Peter Hubacher seit 1990 das Büro Keller Hubacher Architekten. Vor wenigen Monaten sind sie damit von Herisau nach Waldstatt gezogen.
Stefan Rüttimann, 1986 geboren, ist gelernter Veranstaltungstechniker und arbeitet seit knapp 20 Jahren bei Stagelight in Herisau. Die Firma gehört zu den grössten im Bereich Ton-, Licht-, Video- und Bühnentechnik in der Schweiz.
Thementext, Obacht Kultur, Ausgabe LICHT, No. 53 | 2026/1