Claire Fontaine setzt auf Enteignung statt auf Aneignung. Das Werk des Kollektivs ist durchsetzt mit Bezügen zu bekannten Motiven und erprobten künstlerischen Methoden wie dem Readymade. Doch es geht ihm um mehr als einen Beitrag zum Kunstdiskurs, es verhandelt ebenso engagiert politische und soziale Fragen. Das Kunst Museum Winterthur zeigt aktuell eine Ausstellung von Claire Fontaine als grosse raumumfassende Installation.
Eine Posaune, ein Orca, eine Balletttänzerin, ein Steinschlag und eine Schatztruhe – jeweils im Frühjahr bekommt die Smartphone-Welt neue Emojis. Zuständig für die finale Auswahl ist ein Kommittee des Unicode-Consortiums. Entschieden hat es sich 2026 ausserdem für Bigfoot, für eine Rauferei-Wolke und für ein Smiley mit aufgeblasenem Gesicht, so als würde ihm gleich der Kopf platzen. Vielleicht durchdringen die neuen Symbole bald die digitale Kommunikation, vielleicht landen sie in einer Nische und gehören zu jenen Emojis, deren Existenz erst dank Claire Fontaine grössere Aufmerksamkeit erfährt. Das Kollektiv ist spätestens seit zwei Jahren breiten kunstinteressierten Kreisen ein Begriff. An der Biennale Venedig 2024 war seine Installation Foreigners «Everywhere / Stranieri Ovunque», 2004/24 in den Arsenale prominent platziert und lieferte zugleich den Titel der gesamten Überblicksschau. Und im gleichen Jahr an der Manifesta 15 in Barcelona leuchtete die Arbeit «When women strike the world stops», 2020 durch die spektakuläre Halle eines stillgelegten Kraftwerks.
Eins plus eins ist etwas anderes
Gegründet hat sich das Kollektiv bereits 2004. Damals entschieden sich Fulvia Carnevale und James Thornhill, ihre Namen nicht zu nennen, «sondern einen Ideenraum öffnen, den wir als Individuen in dieser Intensität nicht gehabt hätten. Die Kollaboration hat unsere Sprache verändert. Wir arbeiten in einem Raum der Entsubjektivierung, zwischen Realität und Imagination.» Claire Fontaine spricht auch von der «Magie der Intersubjektivität: Eins plus eins ist nicht Zwei, sondern etwas anderes.» Die Entscheidung für einen weiblich konnotierten Namen fiel «in einer Zeit, in der lokal tätige Künstlerinnen nicht ausgestellt wurden.» Inspiriert wurde das Kollektiv vom Ortsnamen Clairefontaine und der dort angesiedelte Papierwarenfabrik, inhaltlich bedeutsamer ist jedoch die Parallele zu Marcel Duchamp und dessen Werk «Fountain», 1917. Während Duchamp mit dem Readymade den traditionellen Kunstbegriff radikal in Frage stellte, nutzt Claire Fontaine diese Methode, um sich mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Themen zu befassen. So verweist «Migrants», 2022 bestehend aus am Boden ausgelegten Plastikzitronen, auf Warenflüsse, Arbeitsbedingungen in Handel und Landwirtschaft und den Spielraum zwischen dem, was als fremd und was als vertraut empfunden wird.
Die Hieroglyphen der Digitalisierung
Während der Corona-Pandemie hat Claire Fontaine mit der Anti-NFT-Serie begonnen. Damals waren die zwischenmenschlichen Beziehungen noch stärker entmaterialisiert als ohnehin in Zeiten digitaler Kommunikation. Als persönliche Kontakte auf ein Minimum reduziert waren, erhielten auch die Emojis zusätzliches Gewicht oder wie es Claire Fontaine formuliert: «Sie bauen eine Brücke zwischen dem digitalen und dem echten Leben». Diese Bildzeichen kommen nun in physischer Form daher. Stark vergrössert und von Hand gemalt werden sie als Leuchtkästen präsentiert und damit aus ihrem interaktiven Zusammenhang gelöst: «Diese Emojis sind faszinierend. In dem Moment, in dem wir sie aus dem Kontext von Social Media nehmen, sind sie nicht länger aktiv. In ein Bild überführt, sind sie dematerialisiert und defunktionalisiert, sind nur noch Hieroglyphen: Das Essen kann nicht gegessen werden. Der Spiegel ist kein Spiegel. Er reflektiert nicht, er leuchtet. Und mit dem Geld kann nicht bezahlt werden.» Unter den auf diese Weise transformierten Emojis finden sich häufig genutzte wie das Herz, die abstrahierte Sonne oder die Wolke mit den drei Punkten als Symbol für eine Nachricht, die gerade verfasst wird, aber auch selten verwendete wie der erwähnte Spiegel oder beispielsweise die Auster, das Loch oder das Stück Cremetorte mit Erdbeere darauf. Für das Kunst Museum Winterthur hat Claire Fontaine aus der Serie ein raumgreifendes Konzept entwickelt. Das Dachgeschoss im Haus Reinhart am Stadtgarten ist schwarz gestrichen, die Gemälde leuchten in dichter Folge von den Wänden.
Enteignung statt Aneignung
In der Mitte des Raumes stehen Boxen aus gerahmten Leinwänden, die ebenfalls zur Anti-NFT-Serie gehören. Sie sind den quaderförmigen Rucksäcken der Essenslieferdienste nachempfunden. Der Vergleich mit Andy Warhols «Brillo Boxes», 1963–69 liegt nahe. Claire Fontaine malt jedoch die Transportbehältnisse von Hand und porträtiert mit der Geste zugleich die gefährdeten und ausgebeuteten Menschen in diesem Liefersystem. Auch die Mona-Lisa-Postkarte ist mehr als ein Kunstzitat: Mit der Aufschrift «L.G.B.T.Q.+» bezieht sich das Kollektiv ebenso ausdrücklich auf Marcel Duchamps «L.H.O.O.Q.», 1919 wie auf aktuelle Genderthemen. Claire Fontaine wurde immer wieder der Appropriation Art zugerechnet, denn in vielen Werken werden die grossen Bekannten der Kunstgeschichte und ihre Gesten transformiert. Aber sie werden immer auch mit Aussagen aufgeladen, die weit über das Referenzsystem der Kunst hinausweisen. Statt künstlerischer Aneignung findet ein radikales Umschreiben der Bedeutung statt oder wie es Claire Fontaine formuliert: «Wir nennen es Enteignung.» Dass das Kollektiv dabei selbst im Kunstzusammenhang agiert, bietet wie in Winterthur die Chance, «Begegnungen in einem Safe Space zu ermöglichen.» Zugleich ist Claire Fontaine ausserhalb der etablierten Kunsträume unterwegs: «Grossartig ist es, wenn eine grössere Öffentlichkeit teilhaben kann.» Wie beispielsweise im Museo Riso in Palermo 2024, wo Claire Fontaine zwei der Emoji-Gemälde in den Schaufenstern zeigte: «Ich weiss nicht, ob die Vorübergehenden wussten, dass es Kunstwerke sind. Wichtig ist, die Kunst dort zu platzieren, wo Interaktion möglich ist.» So installierte das Kollektiv im vergangenen Winter im Mimosa House London die Neonarbeit «FATHERFUCKER», 2025 ebenfalls im Schaufenster: «Keine einzige Person ging dort ohne Reaktion vorüber. Auch hier war einem breiteren Publikum nicht ausdrücklich klar, dass es sich um Kunst handelt. Und wer weiss, was das geändert hätte. Es gab viele Menschen, die sich provoziert fühlten. Die Umkehrung der Beschimpfung lässt die Figur des Vaters sowohl als Täter als auch als Opfer erscheinen und erinnert uns daran, dass Gewalt überwiegend geschlechtsspezifisch ist. Das Wort bringt die gewohnte Sprache ins Wanken und zwingt uns zu der Frage, wer vergewaltigt wird und wer vergewaltigt.»
Zuckerfreies Vergnügen
Claire Fontaine ist von Anfang an als feministisches Kollektiv unterwegs und prangert lautstark das Patriarchat an. Als es 2020 für die Ausgestaltung einer Dior-Show im Jahr eine Carte Blanche erhielt, leuchteten über den Models markige Statements in Neonschrift wie «Patriarchy = Repression», «Patriarchy = Climate Emergency», «Patriarchy = CO2» oder «Patriarchy Kills Love» oder auch «Women Raise the Upraising». Claire Fontaine begibt sich in das hochkommerzielle System und konfrontiert es dort, wo es am wirkungsvollsten ist, mit der schlagwortartig vorgebrachten Anklage . Die Intensität dieser Sprüche ist durch ihren Kontext bedingt, hat doch die Mode viele Provokationen längst durchgespielt – da braucht es deutlichere Töne. Im Vergleich mit diesem antipatriarchalen Manifest ist die Schau im Kunst Museum Winterthur spielerischer, zurückhaltender und poetischer. Auf den Titel «Sugar Free» angesprochen betont Claire Fontaine: «Unsere Ausstellung ist schön, verführerisch, farbig, aber sie soll keine Abhängigkeiten provozieren.» Statt dem schnellen Kick nachzurennen, wie ihn der Zucker liefert, setzt das Kollektiv auf kritische Reflexion und eine Praxis, die langfristig wirken soll.
CLAIRE FONTAINE ist ein 2004 in Paris gegründetes feministisches, konzeptionelles Kollektiv und existiert unabhängig von biografischen Lesarten. Seit 2018 ist es in Palermo ansässig. Claire Fontaine realisiert regelmässig Einzelausstellungen sowie ortsspezifische Arbeiten und ist an internationalen Gruppenausstellungen beteiligt wie beispielsweise der Shanghai Biennale 2012, der Performa 13, New York, der Architecture Biennale 2016 in Venedig, und 2024 an der Manifesta 15 in Barcelona und an der Biennale Venedig.