Olaf Breuning: Menschliches, Allzumenschliches, künstlich Intelligentes

by Kristin Schmidt

Olaf Breuning lässt sich begeistert auf die jüngsten technologischen Entwicklungen ein und anerkennt zugleich deren Grenzen. Deshalb bleiben Kamera und Bleistift wichtige Arbeitsgeräte für den gebürtigen Schaffhauser. Auch inhaltlich setzt der Künstler auf Kontinuität: 25 Jahre nach seiner grossen Einzelausstellung Apes im Museum zu Allerheiligen kommt er nun mit Humans dorthin zurück.

Bigfoots sind keine Yetis. Der riesenhafte Schneemensch ist angeblich im Himalaya zu Hause. Bigfoot hingegen stapft durch die Wälder Nordamerikas – jedenfalls der Legende nach. Und durchs Museum zu Allerheiligen: Auf der Wand vor den Ausstellungssälen halten vier der behaarten Humanoiden verwundert inne. Die zotteligen Wesen haben die namengebenden riesigen Füsse, grosse Hände und einen auffallend aufrechten Gang.
Olaf Breuning (*1970) hat die vier aufgespürt in den weiten Kiefernwäldern in Upstate New York. Dort lebt der in Schaffhausen geborene Künstler, seit er vor zehn Jahren von New York City weggezogen ist. Dort konzipiert er seine Fotografien, zeichnet, malt, entwickelt Installationen und arbeitet mit sogenannter Künstlicher Intelligenz. Sein Spektrum der Techniken ist gross, auch in der Ausstellung in Schaffhausen. Eine Retrospektive präsentiert Breuning aber nicht: «In Schaffhausen sind die räumlichen Möglichkeiten begrenzt, deshalb habe ich mich entschieden, keine Malerei zu zeigen. Die Ausstellung ist auch keine Retrospektive, sondern erzählt die Geschichte der Humans.»

Krone der Schöpfung oder tragikkomische Figur?

Die Menschen also – sie sind seit Jahrzehnten Olaf Breunings zentrales Thema. Er lässt sie in seinen Werken die ganz grossen Fragen stellen und an kleinen Dingen scheitern. Sie strampeln sich ab, machen kaputt, was sie umgibt, und freuen sich über absurd erscheinende Freizeitvergnügungen. Eingekleidet in Kartonschachteln und von Papiersäcken verhüllt fragen sie beispielsweise «Can Someone Tell Us Why We Are Here?» in der gleichnamigen Fotografie (2006). Ein Kniff, der in vielen von Olaf Breunings Arbeiten funktioniert: Die Gesichter der Individuen sind verborgen, maskiert, stark geschminkt oder tragen Perücken. Die Fotografierten sind jemand anderes und können dadurch stellvertretend für viele agieren. Auch Tierverkleidungen nutzt Breuning häufig und stellt damit seit Jahrzehnten nicht nur die sogenannte Krönung der Schöpfung in Frage, sondern auch ihr Verhältnis zu anderen Lebewesen. So auch im jetzt in Schaffhausen ausgestellten Leave Me Alone (2024): Für die Fotografie schickte der Künstler vier Menschen in Bigfoot-Kostümen durch die Landschaft. Das Innehalten, ihr verdutzter Blick, der Kontrast des geordneten Grüppchens zur Natur – wer hat hier wen ertappt? Wer ist hier fremd und wer zu Hause?
Das Bild ist inszeniert, wie alle von Breunings Fotografien: Sie sind alle frontal aufgenommen und zeigen grosse Hingabe zu Details, Requisiten und Kostümen. Und sie balancieren zwischen Ironie und Witz. Breuning macht sich mit leisem Humor über die Menschen lustig, ohne sie zu verurteilen: Menschen posieren in albernen Dinosaurierkostümen, stecken zuhauf in Müllsäcken oder sind angemalt wie Kraftwerkstürme: mit rot-weisser Warnfarbe. Selbst, wenn ihnen die Natur entgegenruft: «Why can you not be nice with nature? What is wrong with you?» kann man den Menschen kaum böse sein, schliesslich gibt sich die Natur selbst menschlich: In Complaining Forest (2010) und Still Complaining Forest (2024) ächzt, schnauft und flucht sie in bester Comic-Manier.

Zeichnung versus KI-generiertes Video

Die Fotografie ist seit Olaf Breunings Studium an der Schule für Gestaltung in Zürich eng verknüpft mit einem zweiten Medium: «Als ich während des Studiums Fotografien konzipierte, habe ich zeichnend die Position der Menschen und Requisiten skizziert.» Parallel zu diesen Entwürfen entwickelte sich die Zeichnung für ihn als eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel. So reiste Breuning mit Zeichenstift und Schiff über den Atlantischen Ozean und versammelte die entstanden Blätter 2006 im Buch Mary II. Zehn Jahre später folgte der Band Drawings mit 200 Zeichnungen. Nun – wieder zehn Jahre später – hängt eine Serie von sechzig Zeichnungen in dichter Folge im ersten Saal der Schaffhauser Ausstellung: Sie zeigen den Menschen als scheiterndes Wesen, seine Misserfolge, aber auch den Willen weiterzumachen, zu helfen, wo es hoffnungslos ist, und nach Krisen wiederaufzustehen – oder wie es an anderer Stelle heisst: «What should I do, I am simply a human». Die Motive sind kaum mehr als handtellergross und mit sicherem Strich aufs Papier gebracht. Breuning schwärmt von der Einfachheit des Zeichnens: «Für mich ist es das Simpelste: Mein Kopf, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schreiber, Papier – und schon kann ich loslegen.»
Für den Einsatz von sogenannter Künstlicher Intelligenz sind ungleich mehr Ressourcen notwendig. Nicht nur deshalb schlagen ihrer Nutzung in der Kunst einige Vorbehalte entgegen, stellen sich doch zusätzlich Fragen der Urheberschaft und des kreativen Wertes. Aber aufhalten lässt sich die Technik nicht, oder wie es Breuning formuliert: «KI wird die Welt überrollen.» Der Künstler zeigt in Schaffhausen erstmals mehrere Werke auf der Basis von KI. Eines davon ist die Rauminstallation Simple Human (2026): In einer Höhle hantiert ein urzeitliches Alter Ego des Künstlers mit allerlei Geräten und singt seine Ratlosigkeit über das Menschsein in die Kamera. Die Höhle selbst ist als wandfüllende Projektion zu sehen, der singende Künstler auf einem Smartphone an einem Stecken mitten im Raum. Der hölzerne Stab wiederum steckt in einem Stein. Mit dieser Montage bekommt das Video eine physische Präsenz, die computergenerierten Arbeiten sonst fehlt: «Das Arbeiten mit KI war supercool, aber für herkömmliche Videodrehs betreibe ich viel mehr Aufwand und bin als Künstler viel stärker involviert. Dort steckt schon im Produktionsprozess viel mehr Geschichte. Die Erinnerung daran fühlt sich intensiver, dichter an.»

Die Menschheitsgeschichte als blaues Seil

Auch in den acht Kurzvideos AI Characters (2026) nimmt Breuning jeweils eine andere Identität an und tritt als Astronaut, Segler, Druide, Arzt oder Teenage Popstar auf. Diesen Wechsel zwischen verschiedenen Identitäten hat KI sehr vereinfacht: «Ich habe es genossen, kein Make-up mehr auftragen und keine Requisiten organisieren zu müssen, um etwas anderes darzustellen.» Gleichzeitig stellt der Künstler klar, dass KI vor allem ein Instrument ist: «Die KI ist wie ein Schweizer Taschenmesser mit 100´000 Klingen. Ich war überrascht, wie viel sie übernimmt und wie gut sie obendrein aussieht. Aber ich verwende KI nicht um der KI willen, sondern weil es meinem Konzept dienlich ist.» Für Breuning liegt der Vergleich zwischen KI und der Zeichnung nahe: «Beiden gehen eine Idee und ein Konzept voran. Beides muss zu meiner künstlerischen Sprache passen. Ich werde KI nicht losgelöst verwenden. Am Ende des Tages muss es ein Olaf Breuning sein.»
Damit bleibt der Wiederkennungswert der Breuningschen Arbeiten hoch. Das gilt aber nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich. Die roten Fäden ziehen sich unverwechselbar durch sein Schaffen. So gibt es 25 Jahre nach der Ausstellung Apes als Manor-Kunstpreisträger in Schaffhausen ein Wiedersehen mit Menschenaffen, zumindest mit einem Exemplar: Auf einem Marmorsockel hockt ein Bronzeaffe und hält das goldene Ende eines dreihundert Meter langen, blauen Seils fest. – In der Freilichtausstellung Art Môtiers ist aktuell ein Pendant des Affen mit rotem Seil zu sehen. – Hier wie dort steht das Seil steht für die viereinhalb Milliarden Jahre der Erdgeschichte. Die vergoldeten zwanzig Millimeter symbolisieren die Zeit des Menschen auf diesem Planeten. Schaut sie der Affe kritisch, ratlos oder zufrieden an? Breuning lässt das bewusst offen: «Ich bin kein missionarischer Künstler. Ich schaue in die Welt und mache mir Gedanken, aber ich habe nicht das Bedürfnis, die Menschen zu überzeugen.» Mit seinem vorurteilsfreien Zugang und seinem Humor entwickelt Breuning Kunst, die beides kann: entlarven und unterhalten, die Schwachstellen in den Blick nehmen, ohne die Menschen blosszustellen.

Olaf Breuning: Humans
Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, bis 29.9.
allerheiligen.ch