Manifesta 16
by Kristin Schmidt
Deindustrialisierung und Säkularisierung als Treiber von Transformation
Den Landeskirchen laufen die Mitglieder davon. Euphemistischer ausgedrückt: Die Bedeutung der Kirchen wandelt sich, aber ihre Bauten sind nach wie vor architektonische Schwergewichte in Stadtzentren und Quartieren. Folglich wird nach angemessenen, alternativen Nutzungen für sie gesucht. Diesem und einem anderen grossen Strukturwandel, der seit Jahrzehnten eine ganze Region prägt, widmet sich die Manifesta 16: Die europäische Wanderbiennale feiert ihr dreissigjähriges Jubiläum im Ruhrgebiet in zwölf Kirchenbauten in Essen, Duisburg, Gelsenkirchen und Bochum. Sie wurden alle in der Nachkriegszeit neu- oder wiederaufgebaut und dienen nun als Veranstaltungslokal, Kulturort, Treffpunkt, Teestube. Die Kunst ist darin nicht Beiwerk, sondern motiviert den neuen Blick auf die ehemals sakralen Räume. Unsentimental geht sie mit dem materiellen Erbe um, in Essen zum Beispiel mit den Kirchenbänken: Nasan Tur liess Wünsche und Fragen in die Bänke schnitzen und stellt sie hochkant in den monumentalen Kirchenraum von St.Gertrud. Jarosław Kozłowski schichtet St.Mariens Möbel sorgfältig zu einem Haufen: Sie sind ausrangiert und doch präsent. In der Markuskirche baut Augustas Serapinas aus den alten Bänken einen Turm, der dem Publikum die sonst verborgene Empore enthüllt und es näher an eine Soundinstallation von Lilli Lake bringt.
Auch umgenutzte Industrieareale gibt es viele im Ruhrgebiet, aber diejenigen, die dort arbeiteten, werden selten gewürdigt. Die Manifesta geht da einen anderen Weg. So stellen Pınar Öğrenci und Wilhelm Sasnal in St.Anna in Bochum die Bergleute in den Mittelpunkt zweier Videoarbeiten: Die Berliner Künstlerin zeigt in Glück auf in Deutschland (2024) Menschen, deren Lebensläufe von so beschönigend benannten Vorgängen wie Personalbereinigung, Humankapitalabbau oder Restleistungsvermögen geprägt waren. Sasnal filmte für Centrum (2004) die Bergleute der polnischen Stadt Bytom: Die Arbeit ist schwer, die Atmosphäre bedrückend.
In der Thomaskirche in Gelsenkirchen stehen die Frauen im Vordergrund. Textiles Handwerk pflegen sie nicht nur als zweckdienliche Praxis, sondern auch zum persönlichen Ausdruck und Austausch. Zu sehen sind unter anderem Werke der Textildesignerin Atiye Altül, Strickarbeiten von Fatma Ceylan und Fotografien von Asimina Paradissa. Solche thematischen Schwerpunkte setzt die Ausstellung in mehreren Kirchen. In St. Anna in Gelsenkirchen beispielsweise zeigt sich, wie Musik Heimat bieten oder nicht gesellschaftskonforme Codes transportieren kann. Ebenfalls in Gelsenkirchen, in St. Bonifatius, einem Backsteinbau auf wabenförmigem Grundriss, sind malerische Positionen von migrantischen Künstlerinnen und Künstlern versammelt, die in Deutschland zuerst in der Industrieproduktion arbeiteten, dann Kunst studierten und zur Figuration fanden.
Drei Tage lassen sich gut investieren für diese sorgfältig kuratierte, aber geografisch weit ausgebreitete Schau. Wer weniger Zeit hat, sollte sie sich trotzdem nicht entgehen lassen – fast jede der zwölf Stationen wartet mit bedenkenswerten Transformationsansätzen auf.
Das ist keine Kirche
Manifesta 16 Ruhr
Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, bis 4.10.
www.manifesta16.org