Ein flatternder Riese und Klassik zur Abschreckung

by Kristin Schmidt

Weil er um seinen Lohn geprellt wurde, entführte der Rattenfänger von Hameln die Kinder der Stadt auf Nimmerwiedersehen – Cyprien Gaillard greift für seine Ausstellung im Kunsthaus Bregenz auf eine bekannte Legende zurück und präsentiert eigens konzipierte künstlerische Werke.

Schön ist diese Welt nicht: Der Fluss im Betonkanal, die Fliegenkadaver auf dem Fensterbrett, der Abfall im Rinnstein, die Ratte im Kühlregal, die Verbotsschilder, der Stacheldraht – all das gehört zur Lebensumgebung des Menschen. Zustände, die mehr oder weniger normal, akzeptiert oder einfach da sind. Cyprien Gaillard richtet seine Kamera dorthin, wo kaum jemand aufmerkt und Fragen stellt, ob es auch anders sein könnte. Der in Paris und Berlin lebende Künstler filmt jene Bereiche der Städte, in denen gefahren, parkiert, entsorgt oder vandaliert wird. Er zeigt die Sicherungszäune und Überwachungskameras mitsamt den Lautsprechern. Mit ihnen wird klassische Musik abgespielt, um Unerwünschte fernzuhalten. Das Pathos der Klänge mischt sich mit der Tristesse der Bilder – eine eindrückliche Kombination, die Gaillard eigens für die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Bregenz und in Koproduktion mit der Fondazione Prada konzipierte.

Der Rattenfänger als Verführer

Einige Sequenzen stechen aus der Wahl der Orte von Los Angeles bis Kopenhagen heraus. So filmte der Künstler in Hameln das Glockenspiel am Marktplatz. Dort dreht die Figur des berühmten flötespielenden Rattenfängers ihre Runden, erst folgen ihr die Ratten, dann die Kinder. Diese Sage und ihre Elemente der Macht, Verführung und Manipulation stellt der Künstler ins Zentrum seiner Ausstellung in Bregenz. Gezeigt wird der 35mm-Film im obersten Stockwerk des Kunsthauses. Der Künstler selbst empfiehlt, hier mit dem Rundgang zu beginnen und mit der Wucht der Bilder im Kopf und dem Sound im Ohr die darunter liegenden Stockwerke zu besichtigen.
Das zweite Obergeschoss ist den Themen Konsum und Verführung gewidmet. Die gezeigten Objekte sind klein, aber bedeutungsschwer und etwas plakativ, wenn etwa Flötenfragmente neben Fentanylpackungen von Hameln Pharma platziert werden. Die in der niedersächsischen Stadt angesiedelte Firma hat sich auf hochwirksame Betäubungsmittel spezialisiert. Zur Installation gehören auch Null-Euro-Noten der Europäischen Zentralbank, auf denen der Rattenfänger und die Stadt Hameln abgebildet sind. Blaue Druckerfarbe hat auf diesen Scheinen Spuren hinterlassen, die Blutflecken gleichen.

Ein fragiler Riese

Nach so viel Symbolik ist das erste Obergeschoss sehr viel zurückhaltender. Cyprien Gaillard, der von New York bis Basel, von Venedig bis Tokyo mit grossen Installationen auftritt, zeigt hier Polaroids in einer minimalistischen Anordnung: Jeweils neun der Sofortbilder liegen auf einem horizontal montierten Karton. Die Motive reichen von Mahnmalen und Sarkophagen über brutalistische Architektur bis hin zu Nazischmierereien im öffentlichen Raum – das ganze Spektrum von Machtdemonstrationen.
Das Erdgeschoss dient im Kunsthaus Bregenz als Eingangshalle. Für diesmal jedoch mussten Empfang und Kasse in den Keller ausweichen, damit der «Visitant» seinen grossen Auftritt hat. Die riesenhafte, aufblasbare Gestalt gleicht den flatternden Werbefiguren auf Festivals, Sportplätzen
oder vor Autohäusern. In Bregenz tanzt sie dank dem programmierten Gebläse zu jeder halben Stunde. Zu lauten, elektronischen Klängen bläht sich die Nylonfigur auf, stösst an die Decke, fällt in sich zusammen, erreicht wieder die Decke, sinkt erneut sanft nieder. Cyprien Gaillard findet damit ein passendes Bild für den fragilen Zustand der Welt, für die Erosion, die Ungewissheiten, aber auch für die Unmöglichkeit von Kontrolle und die Absurdität von Dominanz.