Mit der Handkamera in der Zuckerfabrik
by Kristin Schmidt
Christof Rüttimann ist Zeichner, Videofilmer, Performer, Fotograf und vieles mehr. Im Kunstverein Frauenfeld zeigt der Künstler jetzt eine Auswahl seiner Werke. Viele davon sind Teil von Langzeitprojekten, die ihn seit Jahren beschäftigen.
Die Schlote qualmen. Die Rüben fallen. Die Kamera rast. Sie folgt einem Absperrgitter, einer Eisenbahnschiene, der Kante einer Werkbank, einer Rohrleitung oder einem armdicken Schlauch. An jedem Hindernis stoppt sie, sei es ein Schraubstock, ein Stahlträger oder auch nur die Verzweigung einer Haltestange. Seit Ende der 1990er Jahre folgt Christoph Rütimann mit der Videokamera baulichen Linien. Angefangen hatte es mit möglichst langen Handläufen in der Schweiz, bald reiste er für Geländeraufnahmen um die Welt und nahm auch Balustraden oder Mauern in sein Repertoire mit auf. Für seine Ausstellung «Handlauf Zucker» war der Künstler nun mit der Kamera auf dem Fabrikgelände der Zuckerfabrik Frauenfeld unterwegs. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts versorgt sie die Schweiz mit der Süsse aus Zuckerrüben.
Die Handläufe der Zuckerfabrik
Rastlos geht es treppauf, treppab: Mal unter freiem Himmel, mal in den Werkhallen vorbei an Sicherungskästen und Tanks. Mal hoch oben, so dass das Fabrikgelände mit seinen Silos und Schornsteinen zu sehen ist, mal unten an Perronkanten entlang, wo die Zuckerrüben aus den Waggons poltern. Das Geräusch dazu geht zwar unter im metallischen Scheppern des Kamerawagens, aber der Sound der sechs Videoprojektionen ist dennoch stimmig: Wie eine Kakophonie der Industrie fügt er sich mit den Bildern zu einem Porträt der Frauenfelder Zuckerfabrik. Zugleich ist Rüttimanns Videoserie der «Handläufe» verwandt mit seinem Konzept einer raumbezogenen Linie: Seit 1987 arbeitet der 1955 in Zürich geborene Künstler mit horizontalen Tuschelinien, die er über mehrere, nebeneinander aufgehängte Papierbögen zieht. Unterbrochen werden diese Linien nur von Architekturelementen wie Türen, Stützen oder – wie in Frauenfeld – von Fenstern. Die gefilmten Handläufe bauen auf diesen Linien auf, auch sie durchmessen den Raum, sie sind dank der schnell geführten Videokamera allerdings dynamisch.
Kulturkeulen aus Obstbäumen
Christoph Rütimann musste nicht weit reisen für diese Aufnahmen. Der international tätige Künstler lebt im thurgauischen Müllheim, nur zehn Kilometer von Frauenfeld entfernt. Nun zeigt er im Kunstverein der Kantonshauptstadt aktuelle und ältere Werke. Einen Raum hat er für die «Kulturkeulen» reserviert. Seit zehn Jahren arbeitet er an diesem Langzeitprojekt. Und auch dieses hat einen lokalen Bezug: Der moderne Obstbau mit Niederstammbäumen prägt die Thurgauer Landschaft. Christoph Rütimann fielen die Verdickungen am unteren Ende der Stämme auf – eine Reaktion der Pflanze auf den Eingriff der Veredelung. Entrindet und bearbeitetet sehen diese Stellen wie Knollen aus und mit dem anschliessenden Stammstück wie Keulen, allerdings schön gemastert und mit einer haptisch sehr angenehmen Oberfläche. Der Künstler hat diese «Kulturkeulen» in der Vergangenheit an Persönlichkeiten der Kunst oder der Kulturpolitik verliehen, dies durchaus im Sinne einer Auszeichnung. In Frauenfeld hat er ein ganzes «Kulturkeulenbüro» eingerichtet: Ein Keulen-Arsenal aus Kirsch- und Apfelbaumholz steht in einer Ecke bereit, ob für den Einsatz als Schlagwaffe oder Prothese bleibt offen. Auch als Tisch- und Stuhlbeine können sie genutzt werden. Zudem präsentiert der Künstler die Keulen wie Schmuckstücke in Vitrinen. Sogar einen Keulenstempel gibt es, mit dem Rüttimann an drei Sonntagen im April eine Broschüre veredelt. Augenzwinkernd nimmt er die Funktion des Kulturbürokraten ein: stempeln statt signieren.