Eine aktivistische Künstlerin wiederentdeckt
by Kristin Schmidt
Eleanor Antin ist seit sechzig Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sich die in San Diego lebende Künstlerin mit Technologie, Rassismus und Genderfluidity beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
«Der König kam zuerst, als ich herausfinden wollte, wie mein männliches Selbst sein würde.» Eleanor Antin posiert mit breitkrempigem Hut, legt sich einen Bart um, stutzt und zwirbelt ihn, bis er dem markanten Spitzbart von Karl I. gleicht. Der Monarch war im 17. Jahrhundert in religiöse und politische Machtkämpfe verstrickt und wurde schliesslich wegen Hochverrats enthauptet. Politische Krisen prägen auch die USA der 1970er Jahre. Der Vietnamkrieg, die eskalierenden Proteste dagegen, der Watergate-Skandal – Eleanor Antin wählt die Identität des Königs in Zeiten schwindenden Vertrauens in die Regierung. Sie spielt mit Allmachts- und Ohnmachtsgefühlen und belässt es nicht bei der Maskerade im Studio. Sie zieht mit wehendem Umfang durch das urbane Kalifornien und lässt die Welten aufeinander prallen: Hier der grossspurige Herrscher – dort die profane Wirklichkeit: die Parkplätze, die Banken, das öffentliche Männer-WC. Die Fotografien dieser Performance zeigen nicht nur den Drang der Künstlerin, sich unbequemen Situationen auszusetzen, sondern auch ihr komödiantische Talent.
Eine Abfolge von «Selbsten»
Der König war nicht das letzte Selbst, das Eleanor Antin entworfen hat. Die 91jährige Künstlerin hat immer wieder neue Identitäten ausprobiert. Nach dem König kam die Ballerina, nach der Ballerina die Krankenschwester, später hat sie sich mit ihrem jüdischen Erbe beschäftigt und sich schliesslich lustvoll in die Antike begeben, dann allerdings nicht mehr vor, sondern hinter der Kamera. Diese Rollenspiele sind Teil eines Werkes, das nicht nur Performance, Fotografie und Film umfasst, sondern auch raumgreifende Installationen, Literatur, Zeichnungen und Objekte – und das seit sechzig Jahren. Jetzt würdigt das Kunstmuseum Liechtenstein die US-Amerikanerin in einer sehenswerten Retrospektive – ihrer ersten in Europa. Das ist zwar spät, aber trotzdem ein guter Zeitpunkt, denn Eleanor Antins Themen sind unvermindert aktuell und gut in der Gegenwart anschlussfähig. Die Künstlerin gehört zur feministischen Avantgarde der 1960er und 1970er Jahre und hat von Anfang an einen bösen, ironischen Blick auf Weiblichkeitsstereotypen gerichtet. In der Serie «CARVING: A Traditional Sculpture» hat sie beispielsweise ihren eigenen Körper über 37 Tage hinweg geformt und fotografiert.
Aktivistisch, politisch und humorvoll
Auf den ersten Blick sind die 148 Fotografien das Protokoll einer Diät, auf den zweiten zeigen sich Anspielungen auf genormte Körperbilder, auf den als ethnografische Methode getarnten Voyeurismus gewisser Völkerkundler, auf deren Drang, Menschen zu klassifizieren, zu entblössen und zu vermessen – und auf die Kunst. So nimmt sie mit der selbstbewussten Geste, eine Diät als bildhauerischen Akt zu kennzeichnen, den von männlichen Heroen geprägten Kunstbegriff aufs Korn genauso wie die Tatsache, dass Frauen noch in den 1970er Jahren eher als Modell statt als ausstellende Künstlerin wahrgenommen wurden. Sie selbst arbeitet in einer Community, die lange nicht auf dem Kunstmarkt präsent war und keine Archive gepflegt hat. Das hat Eleanor Antin und ihre Mitstreiterinnen schlicht nicht interessiert, Geld verdienten sie ohnehin nicht mit ihrer Kunst. Stattdessen lebten sie aktivistisch, politisch und humorvoll. Für eine gross angelegte Ausstellung wie jene im Kunstmuseum Liechtenstein sind das Fehlen von Archivmaterialien und die damit bestehenden dokumentarischen Lücken eine schwierige Ausgangslage. Aber dank der Zusammenarbeit mit dem Mudam Luxembourg konnte eine dichte Ausstellung entwickelt werden. Allein das fotografische Material ist sehr umfangreich. Dazwischen setzen die historischen Filmkulissen grosse Akzente; und für die gezeigten Filme lohnt es sich, Zeit zu investieren. Anschliessend reist die Ausstellung an das Museum für Gegenwartskunst in Krakau.