ALFRED MESSERLI: AUTOBIOGRAFIE ALS SOZIALE TAT
by Kristin Schmidt
Schreiben über das eigene Leben heisst, sich zu erinnern, einzuordnen, zu gewichten und zu gestalten. Kein leichtes Unterfangen, oder wie es Alfred Messerli zusammenfasst: «Eine Autobiografie ist ein sprachliches Konstrukt: Ein gelebtes Leben stellt etwas dar, für das 24 Buchstaben auf eine Geschichte eingefädelt werden. Sie lässt sich ganz unterschiedlich erzählen: Zeitordnungen sind möglich, thematische Schwerpunkte, Assoziationen. Die Chronologie kann auf den Kopf gestellt werden oder es lässt sich vom Vertrauten ins Unvertraute wandeln.» Alfred Messerli gehört zu den Mitbegründern des Autobiografie-Festivals in Heiden, das seit 2021 jährlich im Juni stattfindet. Zuvor hatte er an der Volkshochschule Zürich autobiografisches Schreiben unterrichtet – ein Kurs, der sehr guten Zuspruch erhalten hatte und 2017 in ein neues Format an der Universität Zürich überführt wurde. Als dieser Kurs 2019 endete, organisierte Kursmitglied Gustav Schneiter aus dem Wäldler Weiler Nüret einen Abschlussanlass im Appenzellerland. Es kam die Idee auf, etwas Bleibendes zu entwickeln – das Festival entstand: «Eine Ausgangsidee war es, schreibenden Laien eine Chance auf eine interessante Auseinandersetzung mit ihrem Text zu geben: Wir laden ausgewählte Autorinnen und Autoren ein, eine halbe Stunde vorzulesen. Chance auf eine interessante Auseinandersetzung mit ihrem Text zu geben: Wir laden ausgewählte Autorinnen und Autoren ein, eine halbe Stunde vorzulesen. Darauf reagieren dann zwei Profis.»
Die Beteiligten schätzen es, wenn ernsthaft und förderlich auf ihren Text eingegangen wird. Das Publikum wiederum interessieren der Blick auf ein anderes Leben, die professionellen Rückmeldungen zum Handwerk des Schreibens und zu den literarischen Qualitäten eines Textes: «Wir versuchen den Schreibenden nahezulegen: ‹Ihr habt Verantwortung und ein Sprachgefühl. Das Erlebte muss nicht grossartig sein, es kommt darauf an, wie es erzählt wird.› So kann beispielsweise eine Frau mit vier Kindern ihren anstrengenden Alltag in eine lesenswerte Form bringen.»
Das Genre ist sehr offen. Und es verändert sich. Ihre Wurzeln hat die Autobiografie in den Familienbüchern des 13. Jahrhunderts. Dort wurden alle wichtigen Ereignisse festgehalten. Daraus entwickelt sich spätestens im 16. Jahrhundert das autobiografische Schreiben als eigenständige Gattung mit einer deutlichen Individualisierung. Seither steigt die mediale Reproduktion stetig. Inzwischen gibt es digitale Plattformen, auf denen die eigenen Texte publiziert werden können und jährlich ein Preis vergeben wird. Alfred Messerli verweist auf die hohen Zugriffszahlen auf die dort veröffentlichten Autobiografien, aber auch auf den Einfluss des Schreibwerkzeuges: «Schreiben ist eine Form des Denkens. Die Wahl der Schreibtechnik – von der Feder über den Kugelschreiber bis zum Computer – verändert die Art des Schreibens ebenso wie die Möglichkeiten des Speicherns. Wenn wir etwas am Computer überschreiben, sind die älteren, verworfenen Fassungen leider nicht mehr zu rekonstruieren.»
Das eigene Schreiben – und damit den Blick aufs eigene Leben – selbst zu gestalten, ist zentral beim Verfassen einer Autobiografie: «Man schmiegt sich an Vorbilder an, überlegt sich: ‹Wie will ich gesehen werden?› Und man begreift, wie die Dinge ausgegangen sind. Mit 24 habe ich die Nase an der Scheibe, aber im Rückblick wird eine Reflektion möglich.»
Das heisst aber auch, eine Perspektive einzunehmen, die es damals – mitten im Geschehen – nicht gegeben hat: «Eine eigene Kindheit zu erzählen, berührt die Grenze zwischen Autobiografie und Autofiktion, denn in der Rückschau wird die Naivität des Kindes wiederhergestellt» – eine Rückschau, die sich für alle Lebensphasen lohnt und zu der Messerli ausdrücklich aufruft: «Macht eine Reise in den Dschungel der Erinnerungen. Statt auf Kreuzfahrt zu gehen, schreibt eine Autobiografie. Lasst andere an Erfahrungen teilhaben, die sie nicht selbst gemacht haben!» Jede Autobiografie ist eine soziale Tat, ein Geschenk – und vielleicht findet sie ihr Publikum in Heiden an einem der nächsten Autobiografie-Festivals.
Alfred Messerli, geboren 1953, lehrte am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Kinderfolklore und Selbstzeugnisse. Er ist Mitherausgeber der zwischen 1998 und 2010 erschienenen fünfbändigen historisch-kritischen Edition der Schriften Ulrich Bräkers.
Obacht Kultur, PORTRÄTS, No. 52 | 2025/2