WER BIST DU UND WER BIN ICH? – WAS EIN PORTRÄT ALLES (SEIN) KANN

by Kristin Schmidt

ADRIAN FÄSSLER, RENATA OLIVO – VON DER PROFESSIONELLEN QUALITÄT DES FOTOGRAFISCHEN PORTRÄTS

Das Baby auf dem Eisbärenfell, die Familie im Sonntagsstaat, das Hochzeitspaar vor der Fototapete – Porträtaufnahmen in Sepiatönen, die sich in den Fotoalben der Gross- oder Urgrosseltern finden. Seither hat sich die Welt der Fotografie verändert. Geschichte sind auch die gestellten Familienfotos in den Schaufenstern der Fotogeschäfte: Eltern und Kinder hatten sich im Studio in einträchtigen Posen gemeinsam ablichten lassen, anschliessend wurde mit solchen Aufnahmen um weitere Kundschaft geworben. Vorbei. Adrian Fässler braucht für Porträts kein Atelier mehr. Der Fotograf betreibt gemeinsam mit Simon Spirig seit fünf Jahren das Fotostudio Appenzeller Fotografen in Speicher, aber die meisten Porträtaufträge kommen inzwischen von Unternehmen: «Wir gehen zu den Firmen mit dem Studioset, dem Blitz etc. Wir fotografieren vor Ort mit Bezug zur Firma oder vor neutralem Hintergrund.» Die beiden Fotografen porträtieren innerhalb eines Auftrages fünf bis dreissig Personen. Oft sind die Zeitfenster eng, aber Adrian Fässlers Anspruch ist hoch: «Mein Ziel ist das ehrliche Bild, in dem sich die Fotografierten wiederfinden können.» Damit dies gelingt, unterhält sich Adrian Fässler «wenn möglich mit der Person vor der Kamera. Wenn das Zeitfenster aber kurz nach der Mittagspause gebucht wird und anschliessend alle wieder auf die Baustelle müssen, reicht die Zeit nur für eine rasche Instruktion.»
Inzwischen fotografieren manche Firmen selbst mit dem Mobiltelefon, aber Adrian Fässler ist sich sicher: «Die Porträtfotografie wird nicht aussterben, für manche Menschen bleibt die professionelle Qualität in der Fotografie wichtig.» Doch nicht alle Gattungen werden sich halten. Bewerbungsfotos beispielsweise oder Passfotos werden kaum noch beim Profi-Fotografen gebucht. Ungebrochen populär hingegen ist die Hochzeitsfotografie: «Wir haben regelmässig Anfragen von Brautpaaren aus der Region. Das ist eine schöne Aufgabe, aber sehr viel Arbeit. Oft entstehen an einer Hochzeit tausende Fotografien, die wir anschliessend sichten und nachbearbeiten.» War das Ergebnis früher ein passepartouriertes Einzelbild, steht heute das digitale Datenpaket zum Download bereit.
So läuft es auch bei Renata Olivo und ihrem Fotostudio ReniToni Fotografie: Die digitalen Medien haben längst das Papierbild abgelöst. Was jedoch unverändert ist: das grosse Interesse, für den besonderen Moment einen Profi zu engagieren – oder wie es Renata Olivo formuliert: «Jeder trägt eine Kamera in der Hosentasche mit sich, aber für ein gutes Bild ist immer noch die Fotografin gefragt. Ich liebe es, Menschen zu begegnen, ihre Geschichten kennenzulernen und mit meiner Arbeit bleibende Erinnerungen zu schaffen. So hinterlasse ich hier ganz besondere Spuren.» Sie fotografiert Hochzeitspaare, Familien und vieles mehr, aber ihr Spezialgebiet sind die Allerjüngsten: 3500 Neugeborene hat Renata Olivo bereits im Spital Herisau fotografiert. Sie bietet ihren Service direkt in der Geburtsabteilung an. Dreimal in der Woche kommt sie hierher und ist begeistert von der Zusammenarbeit mit dem Team der Station: «Ich fühle mich als Fotografin geschätzt und nicht als Störfaktor.» Die Kinder vor der Kamera sind wenige Stunden bis maximal drei Tage alt, «und sie kommen schon mit einem eigenen Charakter auf die Welt. Die einen sind interessiert, andere schreien, manche schlafen einfach und können besonders leicht in Szene gesetzt werden. Der erste Blick ist so wertvoll. Die Babys verändern sich schnell.» Aber sie fotografiert auch Erwachsene und Jugendliche: «Mich haben beispielsweise Schulen eingeladen zu Bewerbungsfotos. Die Jugendlichen nehmen das sehr ernst und kommen gepflegt und vorbereitet.» – Ein Zeichen dafür, dass auch hier der Fotoprofi den Unterschied macht: «Anfangs hatte ich Bedenken, was mit der KI-Bildbearbeitung auf uns zukommt, aber inzwischen sehe ich das realistisch: Die Menschen entscheiden selbst, ob sie sich authentisch und voller Energie porträtieren lassen wollen.» So ist sich auch Renata Olivo sicher: Qualität bleibt bestehen.

Adrian Fässler, 1984 in St. Gallen geboren, in Speicher aufgewachsen, ist ausgebildeter Polygraf und arbeitete zunächst in der grafischen Branche. Seit 2012 ist er als professioneller Fotograf in einem breiten fotografischen Spektrum unterwegs und betreibt seit fünf Jahren zusammen mit Simon Spirig das Fotostudio Appenzeller Fotografen in Speicher.

Renata Olivo ist 1977 geboren, in der Slowakei aufgewachsen und lebt in Balgach. Mit 14 Jahren bekam sie ihre erste Kamera und fotografiert seither leidenschaftlich. Mit etwa 42 Jahren begann sie als Babyfotografin in den Spitälern Herisau und Heiden zu arbeiten und ist seit 2024 zusätzlich als selbstständige Fotografin tätig.

Obacht Kultur, PORTRÄTS, No. 52 | 2025/2