Auftritt: Serafin Krieger

by Kristin Schmidt

Hier und Jetzt, 2025, Brand auf Materica Gesso, 18.5 x 22.5 cm

Immer ist irgendwas. Jederzeit und überall. Kleines passiert und Grosses. Manches geschieht im Verborgenen, anderes lässt sich nicht übersehen. Dinge und Zustände verändern sich oder bleiben, wie sie sind. Und wenn nichts mehr ist? Wenn es ein Loch gibt, wo vorher etwas war? Auch dann ist etwas. Etwas ist passiert, etwas ist abwesend, etwas, das da war, ist nun weg. Einzig bleiben die hinterlassenen Spuren. Serafin Krieger hat ein Loch in einen dicken Stapel Papier gebrannt. Jedes einzelne Blatt Papier für sich genommen ergeben das zweitausendfünfhundert Löcher – für jedes Heft der aktuellen Obacht-Ausgabe eines. Jedes Loch ist anders, jedes hat Brandspuren am Rand, jedes berichtet von einem Ereignis.
Hier und Jetzt dokumentiert den künstlerischen Akt und ist doch viel mehr als eine Dokumentation: Handlung, Prozess und Ergebnis sind eine Einheit. Die künstlerische Arbeit und das Werk sind nicht voneinander zu trennen. Das Werk selbst ist der Schauplatz. Hier ist etwas passiert und passiert noch. Die Brandlöcher sind instabil, das verkohlte Papier franst weiter aus, Kohlepartikel rieseln aus dem Obacht-Magazin.
Serafin Krieger hat an der Hochschule Luzern Kunst studiert. Einerseits interessieren den 1995 in Heiden geborenen Künstler alltägliche Beobachtungen. Mit der Smartphonekamera oder dem Stift hält er kleine Begebenheiten oder zufällig entstandene Arrangements fest: Oft sind es Fehler oder Auffälligkeiten in einem System, die seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Andererseits bringt er selbst die Dinge in Bewegung. In seinen Ausstellungen kann es vorkommen, dass plötzlich ein Reifen selbständig vorbei rollt, Wasser sich ausbreitet oder Gegenstände schweben, so wie die Verkehrskegel in der Galerie Kriens in der Ausstellung Ich will schwärmen, ausgezeichnet mit dem Förderpreis der Stiftung Alan C. Harris und Else Harris geb. Treumann. Oder Serafin Krieger verunmöglicht Bewegung und lenkt den Blick genau dadurch auf das Bewegungspotential der Dinge, indem er etwa in der Stadt hölzerne Trotinetts mit viereckigen Rädern neben die omnipräsenten Verleihscooter stellt. Schweben, rollen, fliegen, tanzen, stolpern, knittern – den in Baden lebenden Künstler interessiert die Physik künstlerischer oder alltäglicher Momente und die daraus erwachsende Poesie. Auch der kleine kontrollierte Brand für den Auftritt im Obacht-Magazin entspringt diesem Funken Faszination.

Obacht Kultur, SCHAUPLÄTZE, No. 51 | 2025/1