Barbara Auer – vier Sommer für Robert Walser

by Kristin Schmidt

Die Literaturwissenschafterin und Psychologin Barbara Auer (*1956) arbeitete in Herisau als Betreu­e­rin und Leiterin des Wohn­heims Kreuz­strasse. Sie organisierte vier Heri­sauer Robert Walser-Sommer, war Prä­si­den­tin der Aus­serr­ho­di­schen Kul­tur­stif­tung und Vor­stands­mit­glied der Genos­sen­schaft Kul­tur­lands­ge­meinde. Seit 2020 ist sie Prä­si­den­tin der Casino-Gesell­schaft.

Barbara, wo bist Du Robert Walser in Herisau zum ersten Mal begegnet?
Ich kam 1988 nach Herisau, und ich bin in die Burghalde gezogen. Peter Morgers Walser-Weg führte hinter dem Haus vorbei. Ansonsten schien mir Walser nicht sehr präsent in Herisau. Aber ich kannte Bernhard Echte, den Walser-Experten und damaligen Leiter des Walser-Archivs.
Aber auch an Deinem damaligen Arbeitsplatz im Wohnheim Kreuzstrasse bist Du indirekt mit Walser in Berührung gekommen.
Ein pensionierter, freundlicher Mensch pflegte den Garten des Wohnheims. Ich wusste, dass er als Pfleger in der „Psychi“ gearbeitet hatte, und dachte, er könnte Robert Walser gekannt haben. So war es, Josef Wehrle hat eineinhalb Jahre lang auf der Station gearbeitet, auf der Robert Walser Patient war. Der damalige Leiter des Staatsarchivs, Peter Witschi, und ich, wir haben dann weitere Zeitzeuginnen gefunden und interviewt. Wir trafen Myrtha Dubs, die damals als erste Sozialarbeiterin in der Klinik angestellt war und zwei Pflegerinnen. Und der ehemalige Posthalter in Herisau berichtete, Walser habe sich öfter im Post-Vorraum aufgehalten, besonders im Winter, und er habe auf Rückseiten der aufliegenden Einzahlungsscheine geschrieben.
Das Jahr 2001 wurde dann ein besonderes Jahr für Deine Beschäftigung mit Robert Walser.
2001 gab es zum einen die von Peter Witschi im Museum Herisau eingerichtete Sonderausstellung zu den gerade freigegebenen Krankenakten von Robert Walser, und ausserdem hielt die Walser-Gesellschaft 2001 ihre Jahrestagung in Herisau ab.
Und Du initiiertest den ersten von vier Herisauer Robert Walser- Sommern. In jedem hast Du Theateraufführungen organisiert, aber nie in einem Theater.
Im ersten Jahr, 2001, stand das Haus 1 der Klinik leer, es sollte renoviert werden. Für eine Aufführung von Walsers „Jakob von Gunten“ schien es der ideale Schauplatz.
War Robert Walser Patient im Haus 1?
Walser hätte im Haus 1 ein Zimmer unter dem Dach für sich haben können, um in Ruhe schreiben zu können. Walser lehnte das ab, er wollte in den Wachsaal, auch im Haus 1, dort verbrachte er während 23.5 Jahren die Nächte. Im Wachsaal und in den ehemaligen Patientenzimmern spielte das Theaterensemble „Sursum Corda“ aus Münster Szenen aus Walsers „Jakob von Gunten“. In diesen Räumen entstand eine unglaublich intensive Atmosphäre.
Ein Stück ausserhalb klassischer Theaterräume ist eine organisatorische und logistische Herausforderung. Wie hast Du das erlebt?
In der Klinik waren die Mitarbeitenden äusserst hilfreich, die Chefsekretärin, der Hauswart, der Schreiner, alle unterstützten das Unternehmen. Und die Herisauer Stiftungen haben die Aufführungen überhaupt erst ermöglicht. Das hat mich ermutigt, für 2003 einen zweiten Herisauer Robert Walser-Sommer ins Auge zu fassen.
Es war das Jahr des 125. Geburtstags von Robert Walser.
Das Ensemble „Théatre Sauternes“, Biel wollte Walsers „Der Gehülfe“ unter der Regie von Peter Wyler in Herisau aufführen. Der Roman spielt in Wädenswil im Haus des Architekten Tobler. Damals war in Herisau die „Rüti“ geschlossen. Das Ehepaar Zwimpfer hatte das beliebte Ausflugslokal jahrzehntelang geführt und sich altershalber zurückgezogen. Bereitwillig wurde uns die „Rüti“ zur Verfügung gestellt. Gespielt wurde vor dem Haus und aus den Fenstern heraus. Das Publikum nahm auf einer Tribüne Platz.
Im gleichen Jahr wurde auch eines der Märchenspiele von Robert Walser aufgeführt.
Zusammen mit Peter Schweiger, damals Schauspieldirektor des Theaters St.Gallen, habe ich eine Spielfassung des Dramoletts „Schneewittchen“ erstellt. Die Truppe aus St. Gallen brachte das Stück im „Alten Zeughaus“, im obersten Stock, zur Aufführung. Eva Bachmann schrieb damals im St. Galler Tagblatt: „Auf knarrendem Dachboden lässt sich gut spielen: ein Tisch, Klappstühle, ein Fenster und ein paar Requisiten genügen. Aus dem Vorlesen wird allmählich ein Kammerspiel, doch die Schlichtheit Walsers bleibt.“
Für den dritten Herisauer Robert Walser-Sommer hast Du wieder einen besonderen Schauplatz gefunden.
2006 war das Jahr des 50. Todestages von Robert Walser. In der Kapelle des Psychiatrischen Zentrums, der Krombachkapelle, fanden unter der Regie von Christian Bertram aus Berlin Aufführungen von „Das kleine Welttheater“ statt. Schauspielerinnen und Schauspieler aus der Schweiz und aus Deutschland trugen Monologe, Dialoge und kleine Szenen aus Walsers Mikrogrammen in einem beeindruckenden Bühnenbild vor. Zu Zeiten von Robert Walser fanden in der Kapelle nicht nur Gottesdienste, sondern auch Weihnachtsfeiern und andere Feste statt. Es ist davon auszugehen, dass Robert Walser die Kapelle kannte und sich manchmal auch dort aufhielt.
Aufwendiger wurde es dann beim vierten Herisauer Robert Walser-Sommer, 2011.
Zufällig war ein Kontakt zur Gruppe 400ASA entstanden. Der Regisseur Samuel Schwarz bot an, Walsers einziges Mundartstück „Der Teich“ zu inszenieren. Wir haben uns den Gübsensee angesehen und uns für zwei Rundgänge entschieden. Start war beim Bahnhof Herisau. Unterwegs gab es einige inszenierte Momente, so fuhr ein Kahn mit einer Harfespielerin in der Dämmerung über den See, oder es fanden Szenen in einem Stall statt.
Das Haus 1, das Restaurant Rüti, die Krombachkapelle, der Gübsensee – welche Herausforderungen ergeben sich bei der Arbeit an solchen besonderen Schauplätzen?
Die Ausgangslage ist anders als an etablierten Kulturstätten. Die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Verantwortlichen ist unerlässlich. Und bei den Stücken unter freiem Himmel war uns der Wetterverantwortliche einigermassen wohlgesonnen. Zwei der drei geplanten Aufführungen auf der Rüti konnten bei gutem Wetter stattfinden. Aber vor der dritten Vorstellung war der Flughafenwetterbericht Zürich verheerend. Kurzfristig fragte ich im „Casino“ an, ob wir dorthin umziehen und im kleinen Saal spielen dürften. Aber auch da erlebten wir unkompliziertes Entgegenkommen. Die Zügelaktion hat dem Stück keinen Abbruch getan, denn die Texte von Robert Walser entfalten ihre Wirkung, eigentlich egal, wo.

Obacht Kultur, SCHAUPLÄTZE, No. 51 | 2025/1