Zu den Bildern
by Kristin Schmidt
Brenda Osterwalder
Roter Bär (Freakshow), 2022, Acyl auf Leinwand, 140 x 100 cm
Grand Tour (Vulkan), 2021, Acryl auf Leinwand, 100 x 120 cm
Sternstrasse, 2020, Acyl auf Leinwand, 140 x 120 cm
Genutzte Wohnräume gleichen Schauplätzen. In ihnen hinterlassen Interessen, Vorlieben und der ganz normale Alltag aussagekräftige Spuren – auch in der «Sternstrasse». Hier steht das Aromat auf dem Tisch und der Tisch vor dem Bett, ein moderner Armlehnstuhl daneben, ein Foto eines Pferderennens hängt an der Wand, Bücher füllen das Regal. Das Gemälde der Künstlerin Brenda Osterwalder erzählt viel über die Menschen in dieser Wohnung, obgleich sie nicht im Bild zu sehen sind. Das Interieur ist ein Porträt, die Wohnung ein Möglichkeitsraum und eine Zeitzeugin. Brenda Osterwalder (*1971) hat als Vorlage eine Fotografie aus ihrem Geburtsjahr verwendet. Die in Speicher lebende Künstlerin arbeitet mit privaten und kollektiven Archiven. Ihren Gemälden gehen umfangreiche Bild- und Textrecherchen voraus, so auch für «Roter Bär» und «Grand Tour (Vulkan)»: Sie beschäftigte sich mit dem viktorianischen Zeitalter, als das Reisen und das Interesse am Exotischen populär wurden. Zugleich legte Darwin dar, wie eng das Band zwischen Mensch und Tier ist. In der Folge versucht der Mensch sich neu zu definieren, und das Tier wird konditioniert, dressiert oder manipuliert. Das Andere wird zum Ausstellungsobjekt. Museen, Jahrmärkte und Tierschauen werden zu Schauplätzen der Machtdarstellung, Naturereignisse zu Reisezielen und zu Orten der Selbstinszenierung. So kann die kolorierte Postkarte, die dem Bild «Grand Tour (Vulkan)» zugrunde liegt, als ein erster Vorbote des Selfies gelesen werden. Brenda Osterwalders Bildforschungen zeigen die Absurditäten des Menschseins verbunden mit nuancierter, aber deutlicher Zivilisationskritik.
Obacht Kultur SCHAUPLÄTZE, No. 51 | 2025/1