Muttersprache, Elternsprache, globale Sprache
by Kristin Schmidt
Die Trogener Künstlerin Hapiradi Wild erhielt vor zwei Jahren das Atelierstipendium der Ausserrhodischen Kulturstiftung für ihre Untersuchungen zur Muttersprache. Jetzt präsentierte sie in Trogen ihre Rechercheergebnisse, die von persönlicher Geschichte geprägt sind und dennoch gesellschaftlicher Bedeutung entfalten.
Ist Rorschach weit genug entfernt vom Appenzellerland? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Stiftungsrat der Ausserrhodischen Kulturstiftung, als sich Hapiradi Wild 2024 um ein Atelierstipendium bewarb. Seit 2012 schreibt die Stiftung Beiträge aus für Auslandaufenthalte von Kultur- und Kunstschaffenden aller Sparten. Sie können im Rahmen des Artist in Residence-Programms für eine begrenzte Zeit an einem frei gewählten Ort arbeiten und sich weiterentwickeln. Diese Art der Förderung war damals neu und hob sich ab von den üblichen Atelieraufenthalten, bei denen der Ort feststeht und sich die künstlerischen Vorhaben anpassen müssen. Seither konnten viele wegweisende, inspirierende Projekten in ganz Europa und auf anderen Kontinenten umgesetzt werden. Aber nicht immer muss es eine Destination sein wie Helsinki, Chandigarh oder London, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und fruchtbaren Boden für künstlerische Arbeiten zu finden.
Was ist Muttersprache?
Das zeigt Hapiradi Wilds Forschungsprojekt. Die Trogener Künstlerin stellte es vergangenen Freitag im 5 Eck Keller in der Kantonsbibliothek Trogen vor. Eingeladen hatte «Das kleine Amt». Gegründet wurde es von Hapiradi Wild vor fünfzehn Jahren. Seither sorgt es im öffentlichen Raum und in Kulturorten für kleine Interventionen und Irritationen im wohlgeordneten Alltag. «Das kleine Amt» zeigt, dass alles auch ganz anders sein könnte, als es ist, und dass es sich lohnt, vermeintlich Selbstverständliches nicht einfach hinzunehmen. Das gilt auch für das Artist in Residence-Projekt. An dessen Anfang stellte Hapiradi Wild die Frage: Was ist Muttersprache? Die Antwort darauf scheint auf der Hand zu liegen und ist doch sehr komplex. Zumindest im Fall von Hapiradi Wild. Die Künstlerin wurde 1974 in Ecuador geboren als sechstes Kind einer thailändischen Mutter und eines Auslandsschweizers. Daheim wurde spanisch gesprochen mit thailändischen und englischen Einsprengseln. Wie besonders ihre Sprache war, fiel der kleinen Hapiradi erst im Kontakt mit ecuadorianischen Kindern auf, die sich ausschliesslich in Spanisch ausdrückten.
Eine autobiografische Reise
Dann der grosse Umzug: 1981 kam Chandarambai Wild-Balachandra mit vier Kindern nach Urnäsch – zwei der Schwestern waren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Der Vater blieb in Ecuador. Im Appenzellerland sah Hapiradi Wild den ersten Schnee und lernte eine neue Sprache: Deutsch. Spanisch blieb die Familiensprache. Thailändisch hingegen hat sie nie gelernt. Erst später entdeckte die Künstlerin, dass ihre Mutter in dieser Sprache mehrere Bücher veröffentlicht hatte.
Diese Bücher präsentierte sie nun in verschiedenen Ausgaben im Kulturkeller der Kantonsbibliothek in Trogen. Bis auf den letzten Platz war der Raum besetzt. Das Publikum liess sich mitnehmen auf eine Erkundungstour zur Muttersprache. Immer wieder hatte der Abend stark autobiografische Züge, war aber zugleich jederzeit offen für den Blick auf das grosse Ganze. Dafür sorgten auch die zahlreichen Fragen. Beispielsweise: Welche Rolle spielen Mütter, Frauen oder allgemeiner die Eltern beim Spracherwerb ihrer Kinder? Wie prägt die Sprache den inneren Monolog? Welchen normierenden Einfluss hatte der Buchdruck auf die Sprache?
Rechte statt Gesetze
Für mögliche Antworten hat die Künstlerin viele Quellen studiert, hat sich mit Philosophie und Sprachwissenschaft befasst, hat die sogenannte künstliche Intelligenz befragt und sich selbst. Dabei hat sie den Mut bewiesen, den Faden zu verlieren und sich von Neuem unbefangen heranzutasten an das Wesen der Muttersprache. Denn auch das gehört zu Kommunikation: sich zu verheddern, zu verhaspeln, die Worte wiederzufinden. Hapiradi Wild beweist, welche Kraft das Gesagte hat und wie es Emotionen nicht nur ausdrücken, sondern auch verändern kann. Im Laufe des Abends stellt sie Behauptungen auf und leitet Forderungen ab. Kein Thema ist ihr zu gross, um nicht aufgegriffen zu werden: Die Muttersprache als globale Sprache gehört ebenso dazu wie die Abschaffung der Nationalsprachen, der Respekt für Unterschiede ebenso wie die Ächtung der Kriege, denn sie zerstören auch Muttersprachen. Hapiradi Wild artikuliert ihre Forderungen kraftvoll und selbstbewusst. Aber sie zeigt auch, dass die Kunst offen bleibt für unterschiedliche Ideen und Haltungen.
Aber warum nun Rorschach? Hier hatte Chandarambai Wild-Balachandra ihre erste Stelle in der Schweiz als Putzfrau in einem Hafenlokal. Hier, wo viele Menschen eine andere Muttersprache als Deutsch haben, hat Hapiradi Wild einen Atelierraum bezogen, um die Sprache zu erkunden – nicht nur ihre eigene, sondern die aller Menschen. Und es gibt noch viel zu tun – «Das Kleine Amt» wird weiterforschen.