einnisten
by Kristin Schmidt
Tauben polarisieren. Zwar haben Hochzeits- und Brieftauben viele Fans, zugleich werden Haltung und Einsatz kritisch beurteilt. Die ungleich präsenteren Stadttauben sorgen naturgemäss für eine noch grössere Kontroverse, wie mit ihrer Population zu verfahren sei. Die Stadt Winterthur hat sich entschieden, ihnen Taubenschläge anzubieten, um die Bestände zu regeln. Einer davon ist unter dem Dach der oxyd – Kunsträume. Diese Nähe von Tier und Mensch im dichtbesiedelten Lebensraum bietet einen hervorragenden Steilpass für ein Ausstellungsprojekt, ist doch der Diskurs des more-than-human und die Abkehr vom anthropozentrischen Blick längst in der Kunst angekommen. Jonathan Steiger beispielsweise zeigt die Bedürfnisse der Tiere ebenso wie ihre Fähigkeiten, indem er Nestmaterialien von Tieren behutsam zu Bildern zusammensetzt. Und er platziert 131 Gipseier zufällig im Ausstellungsraum – exakt jene Zahl Eier wurde den Tauben unter dem Dach im vergangenen Jahr weggenommen. Maxi Ehrenzeller malt seit dem Lockdown Tauben; ruhend, eng nebeneinander liegend und gestapelt – verletzlich und stoisch zugleich. Miriam Rutherford und Joke Schmidt dokumentieren filmisch und fotografisch, was an einer Wildtierpassage passiert, oder eben nicht passiert, denn auch das scheue Tier ist Teil des Ökosystems. Von Mireille Gros sind Gemälde aus ihrem The Fictional Plant Biodiversity Project zu sehen: Die Künstlerin setzt fiktive Pflanzen dem Untergang der Artenvielfalt entgegen. Ihre Arbeit ist Appell und Utopie zugleich, und erinnert daran, dass auch Pflanzen zum more-than-human-Konzept gehören.
oxyd – Kunsträume, Winterthur, bis 12.4.
oxydart.ch