Malerei als Selbstvergewisserung und Erfahrungsbericht
by Kristin Schmidt
Diese Malerei entsteht aus purer Notwendigkeit. Janet Mueller (*1975) malt, weil sie muss. Vor fünfzehn Jahren fand sie zur Kunst und bewegt sich seither jenseits von Trends, Konzepten, Recherchen oder Diskursen. Getrieben ist sie von inneren und äusseren Impulsen: Muellers Kunst ist Selbstvergewisserung und Erfahrungsbericht. Das zeigt jetzt ihre erste museale Einzelausstellung im museumbickel. Der Titel Unter die Haut spielt an auf das Organ als biologische Hülle, aber auch auf die Grenz- und Kontaktfläche zwischen dem Ich und dem Anderen.
Die in Zürich lebende Künstlerin malt figurativ, aber die Dynamik ihres Ausdruckes löst die dargestellten Gestalten, ihre Gesichter und Körper mitunter gänzlich auf im Strudel der Farbmasse. Mueller schmiert, klatscht, kleckst die Farbe auf den Bildgrund. Schlieren, Schlaufen, Spritzer, Wülste und Wirbel prägen die Bildoberfläche. Fratzenhaft taucht ein Antlitz auf, lässt sich kaum fassen, bleibt Ahnung und Schemen. Ein Körper windet sich, seine Konturen springen auf. So roh und unbändig die Malerei Muellers ist, so zart und tastend sind ihre Zeichnungen. Eines dieser Motive bildet den Einstieg in die Ausstellung. Ein kauernder Akt mit Clownsgesicht ist als Digitaldruck mehrmals überlebensgross auf freistehende Wände tapeziert. Die Linien sind tastend und immer wieder unterbrochen. Der Akt ist gekippt oder angeschnitten. Er passt nicht auf die Fläche, nicht ins vorgegebene Format. Damit steht diese Installation für die Schwierigkeiten einer Existenz unter dem Druck gesellschaftlicher Normen und individueller Zwänge.
Das Clownsmotiv wiederholt sich immer wieder in den Arbeiten von Janet Mueller. Der Spassmacher ist hinter seiner Maske eine tragische Figur und hat zugleich die sprichwörtliche Narrenfreiheit. Die Künstlerin zeigt ihn schreiend und wild, gebeugt und fragil. Nicht immer ist der Clown als solcher dargestellt; die Übergänge sind fliessend, manchmal gleicht er mehr Pinocchio manchmal ist er der Harlekin, vor allem aber ist er ein Mensch.
Die Acrylgemälde, Graphit- und Kohlezeichnungen sind dicht gehängt in drei kleinen Kabinetten. Die Inszenierung setzt Akzente mit wandfüllend aufgetragenen schwarz-weissen Rauten. Dem Kostüm des Harlekins entlehnt, schaffen sie Ordnung und zugleich Dynamik, da das Muster unregelmässig verzerrt ist. Zudem bleibt stets die hintere Wand der Ausstellungshalle im Blick, da die eingebauten Wände nicht raumhoch sind. Hier sind nochmals Motive aus Muellers Werken tapeziert, diesmal grossflächig und farbig – eine gelungene Öffnung nach den kleinteiligen Kabinetten. Zudem laden zwei eigens entworfene Schaukeln an langen Seilen ein, die Erdenschwere zumindest für kurze Zeit hinter sich zu lassen.
Janet Mueller: Unter die Haut
museumbickel, Walenstadt, bis 9. Mai
museumbickel.ch