Die Kunst befreit den Löwen von der Kette
by Kristin Schmidt
Valentin Magaro und Werner Angst haben für den Kunstverein Frauenfeld gemeinsam eine passgenaue Ausstellung entwickelt. Im Zentrum ihres künstlerischen Dialoges steht das vieldeutige Frauenfelder Wappen: das Fräuli mit dem Leuli.
Da mag er sich noch so aufbäumen und die Krallen spreizen, der Löwe, er ist gefangen. Er bleckt die Zähne, reckt die Zunge und bleibt doch an der Kette. Gehalten von einer Frau. Ihr Haar trägt sie lang und offen; das Kleid verhüllt ihr üppiges Dekolletee nur dürftig. Keck lässt sie einen Spitzenschuh unter dem roten Kleid hervorschauen. Diese selbstbewusste Bürgerin ziert das Wappen der Stadt Frauenfeld. Die Konstellation – gebändigter Löwe und anmutige Schöne – hat schon zu mancher Spekulation verleitet. In diese Deutungsversuche mischen sich Werner Angst und Valentin Magaro nicht ein. Die beiden Künstler finden ihren eigenen, unabhängigen Zugang zu der Frauengestalt und ihrem «Leuli» und zeigen die Ergebnisse ihrer künstlerischen Recherchen jetzt im Kunstverein Frauenfeld. Die Doppelausstellung ist so passgenau entwickelt und so ausgewogen inszeniert, dass es überrascht, dass beide Künstler einander zuvor nicht gekannt haben.
Zwei Künstler auf Augenhöhe
Erst durch die Einladung des Kunstvereins sind Magaro und Angst aufeinander aufmerksam geworden. Die Sympathie war sofort da und damit der Entschluss, nicht einfach parallel zu zeigen, was in den vergangenen Jahren entstanden ist, sondern gezielt ein gemeinsames Thema für neue Werke zu suchen. So stiessen sie auf das Frauenfelder Wappen und sein ungewöhnliches Sujet. Nahtlos hat es sich ins Schaffen von Valentin Magaro eingefügt, denn seit langem durchziehen erotische Sujets seine Arbeiten. Er zeigt die Frau und den Löwen in zwei Dutzend Variationen von der Dressurnummer bis zur sexuell aufgeladenen Szene. Die Bilder sind kraftvoll – auch in ihrer Farbigkeit und ihren Konturen. Demgegenüber sind Werner Angsts Drahtobjekte zart und zurückhaltend. Auf Augenhöhe mit den Werken Magaros sind sie dennoch. Das liegt zum einen an ihrem Witz und ihrer Dynamik: Werner Angst gestaltet kleine bewegliche Objekte aus Draht, jedes angetrieben von einem Elektromotor. Da sitzen beispielsweise neun rotgewandete Gestalten mit vollen Lippen und Haartolle nebeneinander, wippen mit den Beinen und lassen ihre Brüste rotieren. Oder eine Hühnerschar wackelt unermüdlich in Reih und Glied auf einem Laufband im Kreis.
Die Linie zwei- und dreidimensional
Zudem gibt es einen formalen Aspekt, an dem die Arbeiten beider Künstler sich treffen: Bei beiden hat die Linie ein starkes Gewicht. Die feinen Drahtgebilde von Angst sind Zeichnungen im Raum. Sie sind dreidimensional und doch als lineare Kompositionen zu erkennen. In Magaros Werk ist die Zeichnung einerseits als Entwurfsskizze unentbehrlich. Andererseits hat sie eine eigenständige Qualität. Der Winterthurer konstruiert dichte Bildräume mit präzise gesetzten Linien. Oft greift er zum Lineal, fügt streng gesetzte Parallelen zu Schraffuren, variiert Strichstärke und Dynamik. So komponiert er komplexe Motive, die gleich den Wimmelbildern aus Kinderbüchern einen starken Sog entwickeln.
Das Dampfschiff «Frauenfeld»
Immer wieder neue Details sind zu entdecken, eins führt zum nächsten wie in dem grossformatigen Bild «unsere kleine stadt». Motive aus der Kulturgeschichte, dem Alltag, durchsetzt mit Erotik und Magie verbinden sich hier zu prägnanten Aussagen über aktuelle Lebenswelten und Infrastrukturen. Auch Werner Angst zeigt eine kleine Stadt. Er sie aus gebrauchten Blechdosen zusammengefügt. Die eingebaute Mechanik lässt die Szenerie im Verlaufe der Ausstellung langsam in einem Holzklotz versinken – und mit ihr den Miniaturdampfer «Frauenfeld». Er ist das zweite Leitmotiv der Ausstellung, stand ein gleichnamiges Modell doch eines Tages vor dem Atelier von Magaro. Auch er hat Referenzen an das Schiff in seine Arbeiten eingeflochten. So wird der Rundgang durch die Kabinette des Kunstvereins Frauenfeld einmal mehr zu einer Entdeckungsreise durch zwei künstlerische Erzählungen, die aufs Beste zusammenfinden.