Schleifen, Kurven und Magnete – das Kunsthaus Bregenz zeigt Koo Jeong A
by Kristin Schmidt
Koo Jeong A lädt im Kunsthaus Bregenz ins «Land of Ousss (Gravitta)». Diese Wortschöpfung steht für einen undefinierten Zustand oder Ort. Aber die Ausstellung bietet durchaus sehr konkrete Bezüge an.
Skateboarding ist seit 2020 eine olympische Disziplin. Den Weg in die Kunst hat dieser Sport bereits deutlich früher gefunden. Künstlerinnen und Künstler haben Rollbretter gestaltet, widmen der Skaterszene seit Jahrzehnten fotografische Werke, integrieren sie in Performances, gestalten Skateparks mit Rampen, Bowls, Volcanos und Rails. Koo Jeong A ist eine von ihnen. In Liverpool, Arles, Mailand, München und anderen Städten beglückte sie die Skaterszene mit aufsehenerregenden Anlagen im Stadtraum und in Museen. Das Besondere daran: Die 1967 in Südkorea geborene Künstlerin verwendet photolumineszierende Farbe, die Sonnenlicht absorbiert und im Dunkeln sanft leuchtet. Damit löst sie die Grenzen des Physischen auf. Die harten Kanten der Installationen verschwimmen – wer in diesen Parks skatet, scheint über dem Boden zu schweben.
Schwungvolle Kurve
Einen Eindruck davon vermittelt die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Bregenz. Einen Skatepark hat Koo Jeong A hier zwar nicht gebaut, aber immerhin ein Fragment davon: Schwungvoll legt sich eine Kurve ins Erdgeschoss des Gebäudes. Sie holt weit aus, hat ein leicht gedrehtes Profil und – wenn jeweils nach einer Viertelstunde kurz das Licht gelöscht wird – erhellt mit grünlichem Schimmer den Raum. Allerdings wird, wer eigens mit dem Rollbrett ins Kunsthaus Bregenz kommt, enttäuscht sein – hier ist kein Skateerlebnis möglich. Diese Kurve darf nicht befahren werden. Sie versteht sich als rein repräsentative Geste. Aber der Verzicht auf Funktionalität bringt umso deutlicher zum Ausdruck, worum es Koo Jeong A geht: Ihre Objekte verstehen sich nicht in erster Linie als Sportstätte. Sie sind Skulptur und Mathematik. Sie kombinieren Linie und Fläche, basieren auf Kreisberechnungen und Quadraturen. Damit ist ihnen ein gedanklicher Raum eingeschrieben, der viel grösser ist als das realisierte Objekt: Die Kurve ist zu sehen und lädt ein, darüber hinaus zu denken.
Ein Duft von Holz
Koo Jeong A will das Unsichtbare zeigen und das nicht Greifbare fassen. Lichtwellen, Energie, Spannungen, Kräfte, Geruch sind Bestandteil ihrer Werke. So entwickelte sie für den Koreanischen Pavillon der Biennale in Venedig 2024 eigens ein Parfüm. Im Kunsthaus Bregenz lässt sie nun Zirbenholzduft durchs erste Obergeschoss strömen. So zart, so flüchtig, dass er sich kaum manifestiert. Kommt er aus den Bodenfugen oder Lüftungsschlitzen? Oder stammt er von den drei Holzobjekten am Boden? Es sind Endlosschleifen wie sie bereits Max Bill aus Stein und Metall formte, auch bekannt als Möbiusbänder. Sie besitzen nur eine Kante und eine Fläche, haben keinen Anfang und kein Ende und sind doch dreidimensional. Hier kommen sie in der Gestalt eines schmalen, weiss lasierten Bandes, als ebenmässiger Reif und als scharfkantiger, ringförmiger Körper daher. Das Kreisen der Möbiusschleifen ist unendlich und wird von Koo Jeong A in handwerklicher Präzision präsentiert – im passenden Dialog mit Peter Zumthors architektonischer Perfektion.
Auf Abstand bleiben!
Im zweiten Obergeschoss hat die Physik ihren grossen Auftritt: Hier sind Magnete zu Säulen, Flächen oder Stäben arrangiert. Eindringlich warnen Hinweisschilder davor, ihnen nicht zu nahe zu kommen, denn das könnte sich auf Mobiltelefone und Herzschrittmacher auswirken. Ohne diese Hinweise wären die magnetischen Elemente kaum mehr als beliebige, anthrazitfarbene Objekte. Erst die Texte rücken die Kraftfelder ins Bewusstsein – das Unsichtbare erhält Präsenz.
Im dritten Obergeschoss setzt sich der Minimalismus von Koo Jeong A filmisch fort: Eine Videoprojektion zeigt eine Gestalt vor einer leuchtenden Scheibe sitzend: Ist es die Sonne? Geht sie auf oder unter? Langsam wird das Motiv herangezoomt und entfernt sich wieder. Sachte bewegen sich die Haare der Figur. Mehr passiert nicht. Die Zeit steht still und fliesst doch. Koo Jeong A gelingt das Unmögliche.