Künstlerische Forschungsarbeit und Bauschutt als Brunnenskulptur

by Kristin Schmidt

Oben anspruchsvolle Kopfarbeit, unten sinnliches Eintauchen in eine dystopische Landschaft: Der Kunstraum Kreuzlingen schafft mit zwei Ausstellungen im Erd- und im Kellergeschoss einen Spagat, der so zum letzten Mal möglich ist, denn bald wird umgebaut.

Lassen Sie Ihr Telefon für eine Runde in der Garage. Eine freundliche Aufforderung steht am Anfang der Gruppenausstellung «Mineralwasser and psychic Narrations». Philipp Schwalb stellt dafür aus gebrauchtem Karton ein kleines Gehäuse fürs Mobiltelefon bereit. Das Gerät dort zu deponieren, empfiehlt sich tatsächlich, sonst wäre die Versuchung gross, jeden Namen, jeden Ort zu googeln, der in dieser Schau auftaucht. Denn alle drei Ausstellenden – Philipp Schwalb selbst und die von ihm eingeladenen Yannic Joray und Charlotte Houette – recherchieren viel und präsentieren ein dichtes, aber nicht leicht zu erschliessendes Wissensnetzwerk.

Okkultismus in alten Gemäuern

Yannic Joray beispielsweise: Der in Bern geborene Zürcher Künstler legt auf einem langen Sockel Manuskriptseiten aus. Darin geht es um John Hammond Jr., einen wohlhabenden, amerikanischen Erfinder und Anhänger von okkulten Praktiken. Ihm gehörte ein Schloss in Massachusetts. In den 1950er Jahren wurden dort verschiedene telepathische Experimente durchgeführt, unter anderem mit dem damals bekannten Medium Eileen Garrett. Noch lässt sich das Buch nur ausschnittweise im Kunstraum lesen, denn es ist bisher nicht publiziert. Auch die Forschungsergebnisse von Charlotte Houette sind noch nicht als Buch erschienen. Die französische Künstlerin bietet einen sehr unmittelbaren Einblick in ihre Arbeit: Auf einem Tisch liegen kopierte Briefe, Fotografien, Urkunden, gebundene Materialsammlungen zum grossen Thema der Science Fiction-Literatur.

Rätselhafte Raumentwürfe

Dokumente zu sammeln, sich mit anderen Interessierten auszutauschen und Publikationsformate zu entwickeln ist der eine Teil der künstlerischen Arbeit von Houette, der andere sind ihre Gemälde. Darin konstruiert sie geheimnisvolle Räume, indem sie Punkte per Schablone perspektivisch anordnet, Ebenen übereinanderlegt und Öffnungen ausschneidet. Auch Philipp Schwalb zeigt Gemälde in der Ausstellung. Das Besondere daran: Wer die kleinen Formate mit kobaltblauen Motiven umdreht, entdeckt auf der Rückseite zahlreiche Notizen. Sie verweisen auf andere Künstler, andere Werke, enthalten persönliche Codes und verbergen sehr viel mehr als sie offenbaren. Der Wissenskosmos von Schwalb ist schwer zugänglich, nur wenig lässt sich enträtseln, aber auch das kann in der Welt omnipräsenter Suchmaschinen und künstlicher Intelligenz seinen Reiz entfalten. Selbst der Saalzettel hilft nicht weiter, liest er sich doch eher wie eine Regieanweisung als wie ein Erläuterungstext. Ganz anders bei der Ausstellung im Untergeschoss des Kunstraumes: Hier liefern Sophie Ballmer und Tarik Hayward – gemeinsam unterwegs als Künstlerduo Idle Hands – eine ausführliche Beschreibung zu ihrer Ausstellung und beziehen sich darin auf Brunnen als Wasserspender, Gestaltungselement und Metapher.

Balanceakt auf dem Karussell

Die gezeigten Objekte kommen jedoch ohne Wasseranschluss aus: In drei grossen Becken sind alte Fenster, ausgediente Radiatoren und Emailbecken zu fragilen Türmen gestapelt. Gefüllt sind die Becken mit gebrauchtem Motoröl. Wo Brunnen Wasser sprudeln, ruht hier tiefes Schwarz. Darin spiegeln sich Videobilder. Vier Monitore zeigen Jugendliche auf einem horizontal drehenden Karussell. Sie versuchen stehenzubleiben, straucheln, suchen erneut Halt, schwanken wieder. Idle Hands finden treffende Bilder für das Lebensgefühl junger Menschen: Der Leichtigkeit steht ölige Schwere gegenüber. Die Stagnation kontrastiert mit Unsicherheit. Die Installation hat im düsteren Zwielicht des Kellers ihren perfekten Ort gefunden. Leider dient er zum letzten Mal als Ausstellungsort, denn bald wird das Kulturzentrum in Kreuzlingen umgebaut und der Kunstraum erhält neue Räume.