Mit grossem Schwung in die Unendlichkeit

by Kristin Schmidt

Das Kunstmuseum Thurgau ist eng mit der Kartause Ittingen verwoben. Es nimmt zwar räumlich nur einen Teil des ehemaligen Klosters ein, durchdringt aber die Kartause und ihr Museum Ittingen auf unterschiedliche Weise. Besonders eindrückliche Wechselwirkungen zwischen den Institutionen und ihren Räumen gelingen Isabelle Krieg (*1971). Eigentlicher Ort ihrer Einzelausstellung sind die beiden Kellergeschosse des Kunstmuseums und doch breitet sich die Präsentation auf ebenso subtile wie selbstbewusste Weise darüber hinaus aus. Schon auf dem Weg zum Eingang des Klostergebäudes fällt eine Schnur aus Strausseneiern ins Auge. Sie fädelt sich durch ein Fenster nach aussen, durch ein anderes wieder hinein ins Haus und gehört zur Installation «unendlich endlich», die Krieg eigens für die Kartause entwickelt hat.
Die Künstlerin ist bekannt für ihre Arbeit mit Alltagsgegenständen und mit naturnahen, oft unbeachteten Materialien. Hier nun haben Eier im ehemaligen Weinkeller des Klosters ihren grossen Auftritt – und Schafwolle. Zuvor jedoch wird eine sorgfältig kuratierte Schau mit Werken der vergangenen Jahre gesetzt. Sie ermöglicht ein Wiedersehen mit dem Langzeitprojekt «endlich», in dem die Künstlerin seit 1994 ihre gelebten Tage auf Papierbahnen numeriert und zu einem Kegel aufrollt. Zu sehen sind auch ihre seit 2007 gesammelten Notizzettel oder die «Hair Cocktails», mit denen sie 2023 den mutigen iranischen Frauen ihre Referenz erwies.
Bereits hier, im oberen Teil der Ausstellung, bezieht sich Krieg mit Ketten aus Schalen der Eier von Ittinger Hühnern auf die Symbolkraft von Eiern. Für Fruchtbarkeit stehend, für Wiedergeburt und Auferstehung in religiösem Sinne, für Leben und Unendlichkeit werden sie zum zentralen Motiv der Ausstellung. Isabelle Krieg inszeniert im zweiten Kellergeschoss eine riesige liegende Acht aus Strausseneiern, aufgefädelt auf Glasfaserstäben. Die Eier vor dem Gebäudeeingang sind – wie auch jene im kleinen Kreuzgang – Teil davon: Die liegende Acht, das mathematische Zeichen für ‹unendlich›, schwebt über einem Meer aus Schafwolle und streckt sich aus dem Gewölbekeller durch die vergitterten Fenster ins Freie. Mal berührt sie fast die Decke hoch oben, an anderen Stellen schwingt sie sich bis in Reichweite hinunter. Die knöcheltief den Boden bedeckende Wolle lädt ein, sich hinzulegen und mit den Blicken dem Verlauf der Acht zu folgen. Aber sie lässt sich aus keinem Winkel des Gewölbekellers im Ganzen betrachten. Damit wird sie zu einem universellen Zeichen, das Isabelle Krieg verknüpft mit der Symbolik des Eis. Die Künstlerin weist damit weit über die Mathematik hinaus. Ihre Installation ist kraftvoll, markant und ein selbstbewusster Kontrapunkt zu Joseph Kosuths «Eine verstummte Bibliothek» (1999), das seit 2013 den Boden des Gewölbekellers einnimmt.

Isabelle Krieg/unendlich endlich
Kunstmuseum Thurgau, bis 26. April 2026
kunstmuseum.tg.ch