Lutz & Guggisberg – Verdichtungsvorschläge auf Kniehöhe

by Kristin Schmidt

2014 war an der Architekturbiennale in Venedig ein Modell von Jacques Tatis modernistischer Villa für seinen Film «Mon Oncle» zu sehen. Das Haus, im Film Quelle einigen Ungemachs, war in der verkleinerten Version ein Publikumsliebling. Genauso könnte es den Schollen von Lutz & Guggisberg ergehen. Das Künstlerduo präsentiert in der Bechtler Stiftung, Uster über ein Dutzend Stadtsituationen und Villen in verkleinertem Massstab: Letztere hängen von der Decke, ihre Treppen führen ins Nichts. Die urbanen Landschaften hingegen sind wie die Autos der Tuningszene tiefer gelegt und können somit aus der Vogelschau betrachtet werden.
Die Verwandtschaft der Schollen mit Architekturmodellen ist augenscheinlich und wird sogleich wieder unterlaufen. Hier ist alles bunter, unangestrengter, lustvoller. Lutz & Guggisberg imitieren die Architekturwelt nicht, sie persiflieren. Bei ihnen werden Bumerangs zu weit auskragenden Flachdächern in einer Landschaft. Deren Struktur besteht aus einer Autositzauflage und Blähtonkugeln. Ein alter Staubsauger wird zur Architekturikone, orangefarben wie die Innenarchitektur der 19070er. In dieser Welt ist nicht nur die zweite, sondern sogar die dritte Röhre längst fertig. Doch sie ist schon wieder verstopft: Fusseliger, schwarzer Kunstpelz zwängt sich durch die Tunnel und quillt auf der anderen Seite wieder heraus. Toitoi-Kabinen und Robidogs sind grob zusammengekleistert – wer braucht schon Perfektion, wenn das Unvollkommene Spass macht? Zwischen all den Kinkerlitzchen, den Wattestäbchen, den Drumsticks und den zweckentfremdeten Plastikgehäusen lungern Wesen aus Knete herum und zeigen: Diese Stadt funktioniert. Auch Titel wie «Scholle mit weissem Turm und auslaufendem Feld» (2025) oder «Scholle mit Verdichtungsvorschlägen aus Keramik und gutem Plastik» (2025) suggerieren seriöse Stadtplanung und unterlaufen sie zugleich; denn was, wenn das Feld tatsächlich ausläuft oder das Plastik vielleicht doch böse wird? Lutz & Guggisberg nehmen die grossen Würfe des Brutalismus aufs Korn, unterlaufen den Gigantismus der Grossstädte, und Constant Anton Nieuwenhuys´ utopisches «New Babylon» brechen sie auf die Realität herunter. Mit ihren akribisch komponierten Szenerien sind sie in jederlei Hinsicht auf der Höhe der Zeit, denn viele der verwendeten Materialien und Dinge sind gefunden und wiederverwendet, der eingestreute Trash sorgt dafür, dass es nie zu idyllisch wird. Auch die Digitalisierung wird nicht ausgeblendet: Verpixelte Bilder flimmern über Screens zwischen Hochbauten, dazu breitet sich ein Sound gemischt aus analogen und elektronischen Klängen im Raum aus. Und auf dem Rückweg von der Bechtler-Stiftung zum Bahnhof Uster ist der Blick geschärft für die architektonischen Setzungen im Zellweger-Park und für die Bemühungen, neben dem gewachsenen Stadtkern ein neues, lebenswertes Quartier auf dem Reissbrett zu entwerfen.

Lutz & Guggisberg/Schollen aus der Vogelschau
Bechtler Stiftung, Uster, bis 26. April 2026
bechtlerstiftung.ch