Von Krüsi bis Kirchner bis Ingarden
by Kristin Schmidt
Einen besonderen Blick in seine Sammlung bietet das Kunstmuseum Appenzell. Zusammengestellt wurde die Ausstellung von Freunden und Partnern des Museums. Zeitgleich zeigt die Kunsthalle Appenzell das Werk von Agata Ingarden.
Sammeln und die Sammlung bewahren, erweitern und erforschen gehört zu den Kerngeschäften eines jeden Kunstmuseums. Das passiert oft im Hintergrund. Was das Publikum zu sehen bekommt, sind vielfach Sonderausstellungen von Werken, die eigens dafür ausgeliehen wurden. Das ist attraktiv, lockt Neugierige an und hilft, die Institution im Kunstbetrieb zu positionieren. Aber auch der Blick in die eigene Sammlung lohnt sich für ein Museum, das zeigt Stefanie Gschwend mit der Schau «Lieblingswerke / Sammlung». Die Direktorin von Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell hat dafür Personen aus dem eigenen Team sowie dem Museum zugewandte Menschen und Organisationen gebeten, sich im Kunstdepot auszusuchen, was ihnen am meisten zusagt. Christian Hörler beispielsweise hat sich für ein kleines Aquarell von Howard Smith entschieden, weil es ihn an den Ausstellungsaufbau mit dem amerikanischen Künstler erinnerte: Winzige, bunte Quadrate reihen sich auf dem weissen Papier aneinander. Leicht liesse sich das Blatt übersehen, aber jetzt tritt es in einen Dialog mit einer grossen, ebenso vielteiligen Arbeit aus Lehm und Holz von Christian Hörler selbst. In Meistersrüti aufgewachsen und jetzt in Wald AR zu Hause ist er nicht nur Sammlungs- und Ausstellungstechniker des Museums, sondern ebenfalls Künstler.
Liners Frauenporträts
Stefanie Gschwend hat Hörlers Kunstwerk ausgewählt und positioniert, denn ohne Kuratorin geht es auch bei einer solch ungewöhnlichen Sammlungsausstellung nicht. Sie hat die Werke in den einzelnen Ausstellungsräumen gruppiert, weitere ausgewählt und inhaltliche und ästhetische Bezüge hergestellt. So ist ein stimmiger Rundgang entstanden, indem Eduardo Chillida – ausgewählt vom Bücherladen Appenzell – auf Alice Channer trifft. Letztere stellte vor zwei Jahren in Appenzell aus und wurde nun von der Direktionsassistenz Regina Brülisauer ausgewählt. Die Frauenporträts von Carl August Liner sind dank Sebastian Fässler aus Appenzell in die Ausstellung gekommen und hängen hier Seite an Seite mit einem ungewöhnlichen 3D-Porträt vom Innerrhoder Künstler Christian Meier. Weitere Werke von Carl August Liner wurden durch das Museum Appenzell und die Kulturgruppe Appenzell ausgewählt. Gschwend hat sie mit Arbeiten von Miriam Prantl und Theodoros Stamos so kombiniert, dass sich im Ausstellungssaal eine nächtliche Stimmung zwischen Naturerfahrung und Abstraktion entfaltet. Die Standeskommission Appenzell Innerrhoden hat sich für ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner entschieden, Appenzellerland Tourismus für Hans Krüsi.
Ein Museum mit Netzwerk
So geht es von Einem zur Anderen, von Malerei zu Skulptur, von Fotografie zur Objektkunst, von der Innerrhoder Kunststiftung bis hin zum Asylzentrum Appenzell. Alles kommt stimmig zusammen und zeigt nicht nur einen Einblick in die Vielfalt der Sammlung, sondern auch das gute Netzwerk des Museums.
Parallel dazu setzt Stefanie Gschwend in der Kunsthalle Appenzell auf die Kraft einer Einzelausstellung – denn auch dies gehört zu ihrem Programm: Künstlerinnen und Künstler erstmals mit einer grossen, musealen Präsentation in der Schweiz zu würdigen.
Agata Ingarden ist 1994 in Polen geboren und lebt in Paris und Athen. Sie kombiniert organische und industriell gefertigte Materialien auf sehenswerte Weise. So besteht die Installation «Like mushrooms after rain» aus Stahl, Akustikschaum, Zucker, Austernschalen, Salz und doppelseitigen Spiegeln.
Wachstum und Verfall
Schwarz tropft der Zuckersaft über eine Fantasieapparatur, darunter zeichnen sich Salzspuren auf dem Boden ab. Die Künstlerin entwirft ein stimmiges Bild für Wachstum und Verfall sowie für das komplexes Zusammenspiel von Natur und menschengemachten Strukturen: Während letztere zwar stabil konstruiert sind, können sie mühelos von der Eigendynamik organischer Prozesse überwältig werden. Gross sind die Kontraste auch im ersten Obergeschoss der Kunsthalle: Auf zwölf aufgefächerten textilen Bürojalousien sitzen Hauben aus Austernschalen. Sie sind von innen her beleuchtet und mit Modellbaufenstern ausgestattet. Die Gehäuse vermitteln die Geborgenheit von Schutzräumen – so wie jede Muschel einer ist. Die Jalousien dienen als fragile Sockel und zeigen zugleich wie dürftig der Schutz ist, den sie selbst bieten: Sie schirmen nur die Blicke ab, was weder immer notwendig noch in jedem Falle wünschenswert ist. Agata Ingarden gelingt es, mit ihren Kunstwerken solche Zweideutigkeiten offen zu legen. Zugleich schafft sie es, einen wirkungsvollen Kontrapunkt zur verschachtelten Architektur der Kunsthalle zu setzen.