Moderne reloaded

by Kristin Schmidt

Vaduz: Die Spuren der Moderne ziehen sich auch 100 Jahre später durch die Kunst. So lassen sich alle Ready Mades noch immer Marcel Duchamp zurückführen und Assemblagen, Collagen und Performances auf die Kunst oder Anti-Kunst seiner Zeitgenossen. Was also machen die Künstler in «Reservoir Moderne» anders? Sie nutzen konzeptionelle und formale Traditionen des frühen 20. Jahrhunderts direkt und ohne die Umwege, die durch die kunsttheoretische Aufarbeitung gespurt worden sind. Sie bewerten künstlerische Konzepte aus künstlerischer Sicht und suchen den unmittelbaren Zugang. Dieser These wird in der Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein anhand der eigenen Sammlung nachgegangen. Kristallisationspunkt ist in den gezeigten Werken immer wieder und wenig überraschend Duchamp. Er erhält einen grossen Auftritt bereits zum der Auftakt der Ausstellung in der Arbeit «Fountain Archive» von Saâdane Afif. Der in Berlin lebende Künstler stellt dem verlorenen gegangenen, gekippten Urinoir ein eigenes Ready Made gegenüber: Er präsentiert Publikationen zu Duchamps Werk in einer Reihung und Rahmung, die an Urnenwände erinnert, aber nicht Duchamps radikaler Geste das Grab schaufelt, sondern dem von der Kunstwissenschaft errichteten, theoretischen Überbau. Auch Rosemarie Trockels feinsinnige Anspielungen erhalten in der Ausstellung einen Auftritt. In ihren Werken ist der Kommentar zu Duchamp und Zeitgenossen aufs Schönste verstrickt mit kritischen Untertönen zum männlich dominierten Kunstsystem: So übersetzt die Künstlerin beispielsweise Malewitschs «Schwarzes Quadrat» in ein Strichbild, also in weiblich konnotierte Handarbeit, jedoch hergestellt dank digitaler Technik.

Insgesamt bleibt die Rezeption moderner Malerei in der aktuellen Kunst jedoch eine Randerscheinung in der Ausstellung, was nicht zuletzt an den Sammlungsschwerpunkten des Museums liegt. Stattdessen gibt es mehr Raum für Film, Literatur und Architektur der Moderne und der Zeit danach bis hin zu Stanley Kubrick oder Yves Klein. Letzterer findet in einem Video von Pamela Rosenkranz seinen zweiten Tod: Der blaue Bildschirm in «Death of Yves Klein» erinnert nicht von ungefähr an den gefürchteten Blue Screen of Death, der Nutzerinnen und Nutzern gewisser Betriebssysteme ein gravierendes Rechnerproblem anzeigt: fatal system error.

Die Ausstellung spannt den Bogen weit auf. Dennoch ist das Thema längst nicht ausgereizt, das Potential für eine Fortsetzung ist hoch und wird von den heutigen Künstlerinnen und Künstlern ständig erweitert.